Devisen Die wichtigsten Antworten zum Absturz der türkischen Lira

Die türkische Lira hat erneut stark an Wert verloren, das Vertrauen in die Währung sinkt. Das Handelsblatt beantwortet wichtige Fragen.
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Türkische Lira auf Talfahrt – Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft

Türkische Lira auf Talfahrt – Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft

IstanbulFünf Prozent Wertverlust innerhalb eines Vormittages: Was an der Börse mindestens die Sorge um einen bevorstehenden Absturz hervorrufen würde, ist bei der türkischen Lira inzwischen Alltag. Seit mehreren Wochen befindet sich die Währung auf Talfahrt. Kostete zum Beispiel ein US-Dollar zum Jahresbeginn noch 3,75 Lira, so sind inzwischen fast 4,90 Lira fällig – ein Verlust von mehr als 23 Prozent innerhalb von weniger als fünf Monaten.

Die Regierung um Staatspräsident Erdogan unternimmt bisher nichts, um den Verfall aufzuhalten. Auch die Notenbank des Landes schaltet auf stur. Gleichzeitig finden am 24. Juni wegweisende Wahlen statt. Das wirft viele Fragen auf.

Warum verliert die türkische Lira an Wert?

Für den Verfall gibt es zwei Gründe. Einerseits ist der US-Dollar zuletzt gegenüber vielen Währungen weltweit stärker geworden. Währungen von Schwellenländern – aber auch der Euro – haben darunter zuletzt gelitten. Weil die US-Notenbank Federal Reserve („Fed“) nach dem Ende der Finanzkrise die Leitzinsen wieder anhebt, werden Investments in den Dollar attraktiver. Umgekehrt verlieren Anlagen in Schwellenländern dadurch ihren Reiz. Das spüren viele sogenannte „Emerging Markets“, und dazu zählt die Türkei.

Außerdem zeichnete sich am Wochenende ein Ende des Handelsstreits zwischen den USA und China ab. Ein Index, der die Stärke des US-Dollars im Vergleich zu den sechs größten Währungen weltweit abbildet, stieg dadurch auf ein Fünf-Monats-Hoch.

Der zweite Grund ist die politische Situation im Nahen Osten und der Türkei. Die instabile Lage im Nahen Osten spürt auch die türkische Wirtschaft, die früher zum Beispiel viele Güter nach Syrien oder in den Irak exportiert hat. Hinzu kommt ein milliardenschweres Investitionsprogramm der türkischen Führung, das zum großen Teil auf Privatkrediten basiert.

Was war der Grund für den jüngsten Absturz am Dienstagvormittag?

Den jüngsten Sturz der Lira haben Investoren aus Japan zu verantworten. Viele von ihnen hatten lange gehofft, dass sich die Lira besser als der Yen entwickeln würde, und dementsprechend mit ihrem Geld auf eine Lira-Rally gewettet. Die blieb aus. Die ostasiatischen Investoren machten wochenlang Verluste.

In den japanischen Handelsstunden, am frühen Morgen in der Türkei, beendeten sie ihre Verlustserie, indem sie ihre Lira-Investments abstießen. „Das könnte bedeuten, dass nun das Schlimmste vorbei ist“, spekuliert Piotr Matys, Schwellenländerexperte bei der Rabobank in London. „Aber selbst dann müsste jetzt innerhalb der nächsten Stunden die türkische Zentralbank ein Notfalltreffen einberufen und Maßnahmen ergreifen.“

Die Wirtschaft wächst, die Lira fällt. Wie passt das zusammen?

Das Bruttoinlandsprodukt der Türkei hat 2017 um 7,4 Prozent zugelegt, weltweit Rekord in dem Jahr. Doch das Wachstum beruhte auf kreditfinanziertem Konsum, der Markt wurde mit Bargeld überflutet. Dadurch stieg die Inflation, während sich das Außenhandelsdefizit gleichzeitig vergrößerte. Das seien Zeichen einer Überhitzung der türkischen Wirtschaft, vermutet der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner jüngsten Analyse zur Türkei.

„Dadurch wird die Türkei verwundbarer angesichts der globalen Veränderungen“, schreiben die Experten und fügen hinzu: „Die Entwicklungen unterstreichen die Notwendigkeit, die Schwachstellen in der türkischen Wirtschaft zu beseitigen.“

Warum interveniert die Zentralbank nicht, indem sie die Zinsen – wie in Argentinien geschehen – deutlich anhebt?

Die argentinische Notenbank, die ebenfalls mit einer nahezu frei fallenden Währung zu kämpfen hat, hob die Leitzinsen jüngst auf 40 Prozent an, um der Geldentwertung Herr zu werden. Die türkische Notenbank hat die Leitzinsen seit November 2016 stetig angehoben, von damals 7,8 auf inzwischen fast 13 Prozent.

Hohe Leitzinsen können den Außenwert einer Währung ansteigen lassen und auch die Inflation eindämmen. Gleichzeitig steigen dadurch auch Kreditzinsen für Unternehmer und Konsumenten. Die mögliche Folge: Es wird weniger investiert, das Wirtschaftswachstum ebbt ab und könnte gar komplett zum Erliegen kommen.

Das will Präsident Erdogan um jeden Preis verhindern. Er fordert so niedrige Zinsen wie möglich, um Unternehmer und Konsumenten bei Laune zu halten. Kürzlich senkte die Regierung den Zins für Hauskredite von der staatseigenen Ziraat-Bank auf 0,98 Prozent. Innerhalb von zwei Tagen meldete die Bank laut der türkischen Wirtschaftszeitung „Dünya“ 6000 Abschlüsse neuer Kreditverträge. Das treibt die Wirtschaft weiter an – und verwässert gleichzeitig den Wert der Lira.

Arbeitet die türkische Zentralbank unabhängig?

Laut Gesetz tut sie das. Beobachter haben allerdings immer größere Bedenken, dass die Politik nicht doch Einfluss auf die Entscheidungen der Währungshüter nimmt. Den Grund dafür lieferte jüngst Präsident Erdogan selbst. In einem Interview mit Bloomberg kündigte er an, im Falle eines Sieges bei den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni selbst die Geldpolitik des Landes bestimmen zu wollen.

Normalerweise sollen die Währungshüter unabhängig von der Regierung eines Landes für stabile Grundkoordinaten des Wirtschaftens sorgen. „Aber wenn es den Leuten wegen der Geldpolitik schlecht geht, machen sie den Präsidenten verantwortlich“, begründete Erdogan seinen Wunsch, sich künftig in die äußerst komplexen Angelegenheiten der Makroökonomie einmischen zu wollen. Marktteilnehmer befürchten, dass die Notenbank nur noch an Erdogans Wachstumskurs denkt und die Interessen internationaler Investoren mehr und mehr missachtet.

Wie reagiert die türkische Wirtschaft?

Mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Aktionismus. Viele große Konzerne profitieren einerseits von der schwachen Lira, weil dadurch ihre Exporte im Ausland günstiger werden. Auf der anderen Seite sitzt die türkische Wirtschaft auf einem Dollar-Schuldenberg in Höhe von 222 Milliarden US-Dollar, der auch in der amerikanischen Währung zurückgezahlt werden muss. Anders ausgedrückt: Mit jedem Cent, den die türkische Lira zum Greenback verliert, verteuern sich diese Schulden. Längst ist daher in der Türkei von einer möglichen Bankenkrise die Rede.

Der Nahrungsmittelkonzern Ülker beispielsweise musste im Frühjahr mehrere milliardenschwere Kredite umschulden. Ülker-Chairman Ali Ülker soll den Banken angedroht haben, gar nichts mehr zurückzuzahlen, sollten die Banken ihm keinen günstigeren neuen Kredit verschaffen.

Aus Sicht der türkischen Börse BIST gebe es indes kein ökonomisches Fundament für die Schieflage der Lira. Vielmehr vermutet Börsenchef Hizmet Karadag eine Verschwörung, um die türkische Wirtschaft vor den wichtigen Wahl Ende Juni in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Gleichzeitig verkündete Karadag am Dienstag, alle in Auslandswährung gehaltenen Positionen in die Heimatwährung konvertiert zu haben, um die türkische Lira zu stützen.

Was hat der Währungsverfall mit den Wahlumfragen zu tun?

Auch wenn es seltsam klingt: Ein Großteil der Wirtschaft wünscht sich offenbar einen Wahlsieg von Präsident Erdogan. Sie hoffen, dass dann nicht nur die politische Hängepartie ein Ende und die Türkei zwar von einem autoritären, aber gleichzeitig effizient arbeitenden Präsidenten geführt wird. Und sie gehen davon aus, dass Erdogan und seine AKP dann auch notwendige Reformen angehen würden.

Doch die jüngsten Wahlumfragen sehen Erdogan, der für das Präsidentenamt eine absolute Mehrheit braucht, bei gerade einmal 42 Prozent. Schafft es Erdogan am 24. Juni nicht direkt, könnte zwei Wochen später eine Stichwahl anstehen. Dann könnte die Opposition sich auf den Kandidaten festlegen, der die besten Chancen gegen den amtierenden Präsidenten hat. Investoren fürchten offenbar, dass die Hängepartie dann weitergeht.

Wie reagieren die Bürger?

Oguzhan Ulutas ist die Nervosität der Märkte egal. „Ich habe mein Brot heute trotzdem für 1,25 Lira gekauft“, erzählt er vor einem Supermarkt in der Innenstadt der Metropole. „Was geht mich der US-Dollar an?“

In der Tat ändert sich für Konsumenten von Grundnahrungsmitteln nicht viel. Die allermeisten werden in der Türkei produziert. Doch sobald es um international gehandelte Produkte geht, kommt schnell die bittere Erkenntnis, dass das eigene Geld nicht mehr reicht. Für eine türkische Familie, die für umgerechnet 3000 Euro nach Europa in den Urlaub fliegen wollte, verteuerte sich die Reise binnen fünf Monaten auf 3800 Euro. Auch die Preise an den Tankstellen kennen nur noch eine Richtung.

Im Internet machen viele ihrer Wut auf die Entwicklung an den Finanzmärkten Luft. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hat sich am Dienstag der Hashtag #DollarDüssünÜretimArtsin etabliert. Das bedeutet auf Deutsch: „Der Dollar soll sinken, die Produktion soll steigen.“

Manche bringen damit ihren Frust über die Untätigkeit der Regierung zum Ausdruck. Andere verbinden damit ihren Argwohn über angebliche fremde Mächte, die der Türkei schaden wollen. In den Top 10 der meistgenutzten Hashtags in der Türkei befanden sich am Dienstag sechs, die mit der schwachen Währung des Landes zusammenhängen.

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