Devisen Türkische Notenbank hebt Leitzins drastisch an und signalisiert Unabhängigkeit

Die türkische Zentralbank widersetzt sich Präsident Erdogan und hebt die Zinsen drastisch an. Doch der Staatschef sorgt weiter für Unsicherheit.
Update: 13.09.2018 - 17:57 Uhr Kommentieren
Türkei: Notenbank hebt Leitzins drastisch an – Lira legt zu Quelle: Reuters
Recep Tayyip Erdogan

Die Notenbanker haben den Leitzins erhöht – und stellen sich damit gegen die Forderung des türkischen Staatspräsidenten.

(Foto: Reuters)

Frankfurt/stanbulDie Investoren hatten einen harten Zinsschritt gefordert – und die türkische Zentralbank hat geliefert: Die Notenbank hob den Leitzins am Donnerstag von 17,75 Prozent auf 24 Prozent an. Im Kampf gegen die hohe Inflation und den Verfall der Lira übertreffen die Notenbanker damit die Erwartungen von Analysten und Bankern. Sie hatten im Schnitt mit einer Anhebung der Leitzinsen auf 21 Prozent gerechnet.

Die Erleichterung war groß. Zuvor hatten viele Investoren befürchtet, die Notenbank werde nichts unternehmen, dadurch die türkische Währungskrise verschärfen und einige der ebenfalls schwächelnden Schwellenländer mit in den Abgrund reißen. Stattdessen war – zumindest vorläufig – Entspannung angesagt: Die türkische Landeswährung legte zum Dollar um zwischenzeitlich mehr als vier Prozent zu. Auch die Renditen zehnjähriger türkischer Dollar-Staatsanleihen sanken nach Bekanntgabe der Zinserhöhung um 0,6 Prozentpunkte auf rund 7,6 Prozent. Der Leitindex der Börse in Istanbul kletterte um 1,5 Prozent.

„Die Notenbank hat ein starkes Signal ihrer Unabhängigkeit gesendet“, sagt Thu Lan Nguyen, Devisenspezialistin der Commerzbank. „Das Risiko eines erneuten Absturzes ist nun erst einmal geringer. Das schafft auch Entlastung für andere Schwellenländer-Währungen.“ Der russische Rubel und der südafrikanische Rand erholten sich deutlich. Auch die Dollar-Anleihen von Schwellenländern wie Argentinien, Mexiko und Indonesien verzeichneten leichte Kursgewinne.

„Nun hängt alles davon ab, wie Präsident Erdogan reagiert“, sagt Nguyen. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte vor Bekanntgabe der Leitzinserhöhung noch ausgerufen: „Lasst uns diese hohen Zinsen senken.“ Seine Haltung sei diesbezüglich unverändert, wenngleich die Zentralbank unabhängig sei. Zinsen seien ein „Instrument für Ausbeutung“, meint Erdogan. Analystin Nguyen hält es daher für möglich, dass der Präsident doch noch eingreift, schließlich habe er die Macht, die Gouverneure der Zentralbank zu benennen. „Wenn er die Notenbanker austauscht, um die Zentralbank zum Umschwenken auf seinen Kurs zu zwingen, könnte der positive Effekt für die türkische Lira schnell wieder verpuffen.“

Erst im Mai hatte Erdogan in einem Interview gesagt, er müsse, wenn es nötig sei, in die Politik der Währungshüter eingreifen. „Am Ende werde ich als Präsident verantwortlich gemacht, also muss ich das letzte Wort haben“, erklärte er in dem Interview. Seither wird ihm angelastet, die Zentralbank beeinflussen zu wollen.

Die Begründung der Notenbanker, die Zinsen derart drastisch anzuheben, liest sich dagegen wie eine Unabhängigkeitserklärung: Die inländische Nachfrage lasse allmählich nach, heißt es in der Stellungnahme. „Die jüngsten Inflationsdaten deuten darüber hinaus auf ein gestiegenes Risiko für die Preisstabilität hin.“ Damit stellen sie sich gegen Erdogans Auffassung, dass steigende Zinsen für die Inflation verantwortlich seien.

Zuletzt hatte die Teuerungsrate 17,9 Prozent erreicht – ein Rekordwert in der 15 Jahre währenden Regentschaft von Erdogans AKP. Der Notenbank zufolge ist dafür vor allem der schwache Wechselkurs der Lira verantwortlich. Innerhalb von zwölf Monaten hat die Lira zum Dollar 40 Prozent an Wert eingebüßt. „Obwohl die inländische Nachfrage nachlässt, lassen die Preissteigerungen auf eine weiter steigende Inflation schließen“, heißt es in der Stellungnahme.

Die Zentralbanker kündigten weitere Schritte an, um die Währung zu straffen, sollte die Inflation nochmals ansteigen. Auch die Regierung stemmt sich gegen den Lira-Verfall: Am Donnerstag verbot sie, beim Kauf oder bei der Anmietung von Immobilien und beim Fahrzeugleasing ausländische Währungen zu verwenden.

Kluger Schachzug

Noch wichtiger als die ökonomisch nachvollziehbare Begründung dürfte jedoch die psychologische Wirkung des Zinsentscheids sein. Die Leitzinsen um 6,25 Prozentpunkte zu erhöhen könnte sich als kluger Schachzug erweisen – und zwar als ein doppelter: Bleibt die türkische Wirtschaft trotz der Zinsanhebung auf Wachstumskurs, dürfte das Land schnell das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen.

Doch wenn das Wachstum abgewürgt wird, die Lira mitunter sogar mittelfristig weiter an Wert verliert – dann kann Erdogan schnell einen Sündenbock präsentieren: die gierigen Investoren, die von ihm eine Zinserhöhung verlangt haben. Dazu passt auch Erdogans denkwürdiger Auftritt nur Stunden von der Bekanntgabe des Zinsentscheids: „Es kann auch Strategie gewesen sein, dass Erdogan die Notenbank im Vorfeld kritisiert hat, um damit die Unabhängigkeit der Zentralbank noch mal zu unterstreichen“, sagt Analystin Nguyen.

Ausgestanden ist die Krise für die Türkei jedenfalls noch nicht – darin sind sich viele Beobachter einig. So sagt auch DZ-Bank-Analyst Sören Hettler: „Die Zentralbank kann und muss zwar den Grundstein für ein Ende der Lira-Krise legen, sie allein kann es aber nicht richten.“ Auch Felix Herrmann, Investmentstratege beim Vermögensverwalter Blackrock, bleibt skeptisch: „Die strukturellen Probleme sind immer noch eklatant.“ Die Türkei importiere weiterhin deutlich mehr, als sie exportiere. Auch die hohe Auslandsverschuldung der Unternehmen in der Türkei bleibe ein großes Problem.

„Das derzeitige Niveau der türkischen Lira ist für die Firmen immer noch viel zu hoch, die Abwertung der Währung frisst sich sofort in die Bilanzen“, sagt Herrmann. Zudem dämpften die hohen Zinsen den Konjunkturausblick. Die Türkei könnte sogar in eine Rezession rutschen. „Es wird eher noch mal schlimmer, bevor es besser wird.“

Fragiler Bankensektor

Die größten Risiken lägen weiterhin im türkischen Bankensektor, sagt Christian Kopf, der bei Union Investment den Bereich Renten und Währungen leitet. Türkische Banken und Unternehmen hätten sich rund 320 Milliarden Euro im Ausland geliehen. Knapp ein Drittel davon wird in den kommenden zwölf Monaten fällig. Die schwache Lira erschwert es Unternehmen und Haushalten, ihre Dollar-Schulden zu bedienen.

Angesichts des massiven Währungsverfalls in den vergangenen Monaten ist die jüngste Erholung nur ein schwacher Trost. „Die Hauptlast werden die türkischen Banken zu tragen haben“, ist Kopf überzeugt. „Es droht ein deutlicher Anstieg notleidender Kredite bei gleichzeitigem Rückgang der Nettozinsmarge, der in Bankpleiten münden könnte.“

Ein Kollaps des Bankensektors könnte eine schwere Finanzkrise in dem Land auslösen, befürchtet Kopf. Finanzhilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wären unausweichlich – doch ebendiese hatte Erdogan in der Vergangenheit immer wieder ausgeschlossen. Und selbst der IWF könnte im Falle einer ausgewachsenen Finanzkrise an seine Grenzen kommen, so Kopf: „Um das Vertrauen in das türkische Finanzsystem und die Währung langfristig wiederherzustellen, müssten die Devisenreserven der türkischen Notenbank auf 130 bis 200 Milliarden Euro steigen.“ Nötig wäre dann ein Kreditrahmen von etwa 45 bis 112 Milliarden Euro.

Die Einlagen der Türkei beim IWF betrügen jedoch nur vier Milliarden Euro, sagt Kopf: „Ein IWF-Programm von mehr als 1 500 Prozent der türkischen Quote ist schwer vorstellbar.“ Daher müssten im Notfall Deutschland oder die Europäische Union mit bilateralen Krediten einspringen, um Ansteckungseffekte zu vermeiden. „Im Fall einer wirklichen Krise fehlen die Instrumente, um mithilfe eines Programms unter IWF-Führung die Türkei zu stabilisieren“, kritisiert Kopf.

Allerdings senkt die jüngste Entscheidung der Zentralbank die Wahrscheinlichkeit, dass eines solchen Extremszenario eintritt. „Die deutliche Zinserhöhung schafft nun wieder Vertrauen“, sagt Thomas Gitzel, Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank. Die Taktik von Erdogan – nach innen zu poltern und nach außen die Notenbank gewähren zu lassen – scheint bislang aufzugehen.

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