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Devisenmarkt Warum die Lira weiter fällt – und noch kein Ende in Sicht ist

Die Entscheidung der Türkischen Zentralbank für eine lockere Geldpolitik hinterlässt ratlose Experten. Der Markt könnte bald die Notenbank testen.
1 Kommentar
Türkei: Warum die Lira weiter fällt Quelle: Reuters
Lira-Banknoten

Die Schwäche der türkischen Währung geht weiter.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Der Kurs der türkischen Lira gerät weiter unter Druck: Die Währung ist gegenüber dem Euro auf den tiefsten Stand seit Anfang Oktober 2018 gefallen, allein in diesem Monat beträgt das Minus sieben Prozent. Aktuell kostet ein Euro 6,60 Lira.

Was an dieser Zahl beunruhigt: Als die europäische Gemeinschaftswährung im August des vergangenen Jahres knapp 20 Prozent höher bei 7,85 Lira notierte, stürzten in dem Strudel der Türkei-Krise auch Währungen und Anleihen anderer Länder wie Brasilien, Argentinien und Russland ab.

Kein Wunder, dass die Devisenanalysten der Commerzbank ihre aktuelle Lira-Studie mit der Überschrift „Lira: Der Keim der nächsten Krise?“ versehen.

„Die Lira-Abwertung zeigt wieder einmal das Potenzial zur Spirale, es sei denn, die Zentralbank handelt prompt und entschlossen“, schrieben die Experten am vergangenen Mittwoch, dem Tag vor der Zinsentscheidung.

Doch das Gegenteil war der Fall: Die türkische Zentralbank hat am vergangenen Donnerstag die Zinsen konstant gehalten – inmitten einer großen Wirtschaftskrise bei einer Inflation von 20 Prozent. Doch der Schlüsselsatz für Zinsen am Bosporus liegt weiterhin bei 24 Prozent. Zudem strichen die Notenbanker die Passage, wonach sie eine Anhebung erwägen würden. Damit schickten sie die Lira auf ein neues Sechs-Monats-Tief.

Die meisten von Reuters befragten Experten gehen jetzt davon aus, dass die Weichen für eine geldpolitische Lockerung gestellt sind: Bereits im Juni oder Juli dürfte es demnach soweit sein und die Zinsen könnten bis zum Jahresende um 2,5 Prozentpunkte sinken.

Denn nach der Türkei-Krise im August 2018 begann die erneute Liraschwäche bereits im Februar dieses Jahres. Damals notierte der Euro noch bei 5,55 Lira. Ende März 2019 stieg der Euro plötzlich rasant auf 6,52 Lira.

Türkische Banken hatten damals nur zu einem hohen Aufschlag Lira an ausländische Banken verliehen, wodurch in der Folge auch der Preis für die Absicherung solcher Geschäfte um 40 Basispunkte auf den höchsten Stand seit September 2018 schoss. Für viele Banken lohnte es sich damals nicht mehr, sich gegen einen weiteren Lira-Verfall abzusichern.

Erst Kapitalverkehrskontrollen durch die Hintertür beruhigten den Markt wieder – zumindest für eine kurze Zeit. „Dass der Abwertungstrend trotz der Interventionen nicht gebrochen werden konnte, zeigt, dass nicht die Spekulanten das Grundproblem darstellen“, schlussfolgert Tatha Goose, Devisenanalystin der Commerzbank.

Ein Grundproblem ist die Inflation, die im Oktober auf 25,2 Prozent und damit den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen war. Mittlerweile liegt sie knapp unter 20 Prozent.

Die stark gestiegenen Preise sind ein Grund dafür, dass die türkische Wirtschaft Ende 2018 so stark wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr geschrumpft ist und die Arbeitslosigkeit zunahm. Den Schwarzen Peter dafür schieben die Wählerinnen und Wähler nach und nach der Regierungspartei AKP zu.

Und die Inflationsindikatoren haben sich bereits im März dieses Jahres wieder verschlechtert. Die Importpreise für Rohstoffe und Energie sind um 35 Prozent gestiegen. Bei diesem Importpreisdruck ist auch nicht davon auszugehen, dass die Verbraucherpreise sinken.

Die Wirtschaft leidet zudem doppelt – nicht nur durch eine höhere Energieeinfuhrrechnung, sondern auch durch die seit Monaten andauernde Ölpreis-Rally, ein wichtiger externer Inflationstreiber. Denn die Türkei muss sämtliches Öl importieren.

Das zweite Problem: Die Verbindlichkeiten in Fremdwährungen steigen weiter an. Bereits im vergangenen Jahr hatte diese Lage nicht nur die Wirtschaft belastet, sondern sogar Spekulationen ausgelöst, dass der Internationale Währungsfonds womöglich mit Hilfen einspringen müsste.

Vor diesem Hintergrund sei es äußerst verwirrend, dass die Türkische Notenbank an ihrem optimistischen Inflationsbild festzuhalten scheint und eine lockere Geldpolitik an den Tag legt, meint Analystin Ghose. „Der Markt könnte dies als Einladung sehen, die Notenbank zu testen.“

So verwirrend die Entscheidung der Notenbank auch sein mag, es gibt dafür aber auch eine andere Erklärung, die sich zu einem „Worst-Case“-Szenario entwickeln könnte. Im schlimmsten Fall zeigt die Entscheidung vom Donnerstag den kompletten Verlust der Unabhängigkeit der Zentralbank an. Schließlich ist der mächtige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erklärter Zinsgegner und will unbedingt niedrigere Zinsen.

Zinssenkungen bei extrem hoher Inflation – das wäre ein neues Live-Experiment in einer großen Volkswirtschaft.

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1 Kommentar zu "Devisenmarkt: Warum die Lira weiter fällt – und noch kein Ende in Sicht ist"

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  • Irgendwann sind die (Dollar-)Devisen der Türkei aufgebraucht, und dann geht es richtig zur Sache. Das kann auch ganz, ganz schnell gehen.
    Der wichtigste Devisenbringer, nämlich die Tourismus-Industrie, ist zudem stark eingebrochen - und zwar aus EIGENEM Verschulden: Wenn man sich nämlich nicht sicher sein kann, ob man von Egowahns Staatsschergen bei der Einreise in die Türkei eingeknastet wird, weil man Seine Hochheiligkeit möglicherweise beleidigt hat, dann bleibt man eben weg - und die Devisen ebenfalls.

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