Digitalwährung aus moralischer Sicht „Der Bitcoin ist unfair“

Sollten wir Algorithmen statt Zentralbanken vertrauen? Der Philosoph Mark Coeckelbergh geht der Frage nach, wie die Blockchain die Finanzwelt verändert. Warum Technik nicht alles ist, erklärt er im Handelsblatt-Gespräch.
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Bitcoin: Die Kryptowährung aus moralischer Sicht Quelle: IMAGO
Unfair und undemokratisch?

Die Nutzung der Kryptowährungen wirft nicht nur ökonomische, sondern auch ethische Fragen auf.

(Foto: IMAGO)

DüsseldorfHaben Maschinen Rechte? Was bedeutet Geld in Zeiten der Blockchain? Kann Technologie romantisch sein? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der belgische Philosoph Mark Coeckelbergh. Für ihn sind Kryptowährungen nicht bloß Zahlungsmittel. Sie formen auch die Art, wie Menschen miteinander in Beziehung treten. In seinem Buch „Money Machines“ geht Coeckelbergh der Frage nach, wie neue Technologien die Finanzwelt verändern. Mit dem Handelsblatt sprach er über das Problem der Fairness im Bitcoin-Netzwerk, übermäßiges Vertrauen in die Technik und darüber, warum die Blockchain ein Demokratie-Problem hat.

Herr Coeckelbergh, immer mehr Menschen begeistern sich für Bitcoin und andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel und als Geldanlage. Sind die Krypto-Taler auch ethisch besser als Euro und Greenback?
Das kommt drauf an. Der Dollar und der Euro unterliegen der Kontrolle von Zentralbanken und Regierungen und sind damit Risiken ausgesetzt, die von diesen Institutionen ausgehen – Bitcoin so gut wie nicht. Die Blockchain-Technologie ist also gut für die Leute, die sich nicht länger auf etablierte Autoritäten verlassen wollen. Sie bietet die Chance, Finanznetzwerke weniger hierarchisch zu gestalten…

Mark Coeckelbergh, Jahrgang 1975, beschäftigt sich mit philosophischen Aspekten von Technologien. Derzeit ist er Professor für Philosophie und Medientechnologie an der Universität Wien. Außerdem ist er Vorstand der Gesellschaft für Philosophie und Technologie („Society of Philosophy and Technology“). 2015 erschien sein Buch „Money Machines“, das sich mit Finanztechnologien beschäftigt. Quelle: Pressefoto
Mark Coeckelbergh

Mark Coeckelbergh, Jahrgang 1975, beschäftigt sich mit philosophischen Aspekten von Technologien. Derzeit ist er Professor für Philosophie und Medientechnologie an der Universität Wien. Außerdem ist er Vorstand der Gesellschaft für Philosophie und Technologie („Society of Philosophy and Technology“). 2015 erschien sein Buch „Money Machines“, das sich mit Finanztechnologien beschäftigt.

(Foto: Pressefoto)

...zum Beispiel, indem man die Blockchain dazu nutzt, lokale Kryptowährungen zu etablieren und so die regionale Wirtschaft zu unterstützen.
Ja, zum Beispiel. Anstatt einer Bank oder der Zentralbank vertrauen die Nutzer der Kryptowährungen einander und auf die Technologie, auf der das Netzwerk basiert. Viele glauben an die Utopie, bei der Finanzgeschäfte allein auf Peer-to-Peer-Basis möglich sind. Und solche Netzwerke sind ja eine gute Idee. Aber es gibt auch Probleme.

Welche denn?
Beim Bitcoin ist das etwa die Fairness. Das Bitcoin-Netzwerk ist so konzipiert, dass es im Laufe der Zeit immer schwieriger wird, neue Bitcoins zu erschaffen. Das gibt all den Nutzern, die von Anfang an dabei waren, einen Vorteil gegenüber jenen, die erst später die Technologie für sich entdeckt haben. Es ist vor allem dazu gedacht, Inflation zu vermeiden. Aber man kann sich schon fragen, wie gerecht so ein Design ist. Außerdem schaffen Kryptowährungen wie Bitcoin moralische Distanz.

Was ist mit dieser Distanz gemeint und wie entsteht sie?
Kryptowährungen ermöglichen es uns, im globalen Raum Finanzgeschäfte miteinander zu tätigen. Wer sie benutzt, kann über Staatsgrenzen hinweg handeln. Der Preis dafür ist, dass der Handel weniger persönlich wird.

Aber ist das nicht auch dann der Fall, wenn man mit Scheinen an der Kasse bezahlt? Die Kassiererin interessiert sich ja nicht unbedingt für den Lebenslauf ihrer Kunden.
Es stimmt schon: Geld an sich schafft Distanz zwischen den Menschen, die damit bezahlen. Im Unterschied zum Tauschhandel, wie er früher in kleinen Gemeinschaften praktiziert wurde, ermöglicht Geld uns, zu bezahlen ohne einander zu kennen. Aber Kryptowährungen und andere Finanztechnologien – zum Beispiel der Hochfrequenzhandel an den Börsen – vergrößern diese Distanz noch weiter. Es wird immer schwieriger, zu sagen, wo in dieser virtuellen Welt überhaupt reale Werte geschaffen werden. An den Börsen bestimmen schon jetzt oft die Algorithmen, was, wann und zu welchem Preis gekauft wird. Die Menschen haben in dieser Hinsicht immer weniger zu sagen.

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Kryptowährungs-Serie

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Und wo genau findet sich diese Distanz in der Blockchain-Technonogie?
Die Blockchain kann als ein System der Buchführung begriffen werden. Einerseits verbindet diese Technologie die Menschen, die miteinander Handel treiben, aber diese Verbindung ist abstrakt, von Algorithmen bestimmt. Und die Distanz zwischen diesen Geschäften und ihren Auswirkungen in der realen Welt ist groß.

Warum ist das so problematisch?
Weil es immer schwieriger wird für den Einzelnen, Verantwortung für sein Handeln innerhalb dieser internetbasierten Netzwerke zu übernehmen. Bitcoin zum Beispiel ermöglicht seinen Nutzern ein hohes Maß an Anonymität. Und da stellt sich schon die Frage, ob man unter solche Bedingungen für das, was innerhalb des Netzwerks passiert, überhaupt Verantwortung übernehmen kann. Man muss hier einem Algorithmus vertrauen. Aber wenn etwas schief geht, wenn es einen Crash gibt, wer trägt dann die Verantwortung?

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„Menschen wird ein Teil ihrer Selbstbestimmung genommen“
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