Diplomatische Krise In Türkei inhaftierter US-Pastor kommt frei – Lira-Zocker profitieren

Der Fall Andrew Brunson hatte eine schwere Krise zwischen Washington und Ankara ausgelöst. Von der Freilassung profitieren auch Devisen-Spekulanten.
Kommentieren
Der US-Pastor (Mitte) wird vor seinem Freispruch mit einem Polizeiwagen ins Gericht gebracht. Quelle: AFP
Andrew Brunson

Der US-Pastor (Mitte) wird vor seinem Freispruch mit einem Polizeiwagen ins Gericht gebracht.

(Foto: AFP)

Istanbul, AliagaDer in der Türkei seit zwei Jahren festgesetzte US-Geistliche Andrew Brunson kommt frei. Ein Gericht in Aliaga ordnete am Freitag die Aufhebung des Hausarrestes des evangelikalen Pfarrers an. Zuvor hatte der türkische Staatsanwalt am Freitag die Aufhebung justizieller Auflagen gegen den inhaftierten US-Geistlichen gefordert.

Brunson wurde zwar zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Diese sei aber bereits mit der Untersuchungshaft abgegolten, erklärte das Gericht. Die Entscheidung bedeutet, dass Brunson die Türkei verlassen darf.

Brunsons Anwalt Ismail Cem Halavurt sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass er erwarte, dass sein Mandant noch im Laufe des Freitagabends ausreisen dürfe. Damit ist ein großer Schritt zur Entspannung der Beziehungen zwischen Washington und Ankara getan.

Für Investoren bedeutete die Gerichtsentscheidung über den US-amerikanischen Geistlichen vor allem eines: eine Gelegenheit zum Zocken. Kurz vor der Entscheidung des Gerichts gewann die Lira an Wert, so dass um 16 Uhr Ortszeit (15 Uhr MESZ) pro Dollar nur 5,83 Lira bezahlt werden mussten. Kurz nach der an sich für Marktteilnehmer positiven Entscheidung sackte die türkische Währung abrupt ab, so dass zwischenzeitlich mehr als 5,97 Lira pro Dollar bezahlt werden mussten. Das Ganze passierte innerhalb von 30 Minuten – ein klassisches Beispiel von Gewinnmitnahmen der Kurzfristanleger.

Für die Türkei ist die Entscheidung zugleich eine gesichtswahrende und praktische Lösung für einen Konflikt, der das Land in eine schwere Währungskrise gestürzt hatte. Die Entscheidung dürfte das durch den Streit schwer erschütterte Vertrauen der internationalen Investoren und Märkte teilweise wieder herstellen und der angeschlagenen türkischen Wirtschaft ein Stück weit wieder auf die Beine helfen.

Der Fall Brunson hatte ein schweres Zerwürfnis zwischen Washington und Ankara ausgelöst. Um die Freilassung des Pastors zu erreichen, hatte US-Präsident Donald Trump im August Sanktionen und Strafzölle verhängt, die Türkei reagierte mit Gegenmaßnahmen. Die türkische Lira brach daraufhin auf historische Tiefstände ein, die Währungskrise dauert auch Wochen später noch an. Auf die Entscheidung des Gerichts reagierte die Lira sofort mit einem Ausschlag nach oben.

Zuvor hatte der türkische Staatspräsident Erdogan eine mögliche Freilassung angedeutet. „Ich bin als Staatspräsident nicht in der Position, bei den Entscheidungen der Gerichte zu intervenieren“, erklärte der Staatschef, der zuletzt durch eine Verfassungsänderung kontinuierlich an Macht und Einfluss dazugewonnen hatte. „Ich muss mich danach richten, was auch immer die Gerichte entscheiden.“  

Die Freilassung Brunsons dürfte eine Phase der Entspannung für die türkische Lira einleiten, die seit Jahresbeginn zum Dollar rund 40 Prozent an Wert verloren hat. Viele türkische Importe und Kredite werden in der US-Währung abgerechnet und waren dadurch extrem teuer geworden. Die Wachstumsaussichten der türkischen Wirtschaft haben sich zuletzt deutlich eingetrübt. So rechnet der Internationale Währungsfonds für das Jahr 2019 mit einem Mini-Wachstum von 0,4 Prozent.

Aktie der türkischen Halkbank profitiert vom Urteil

Neben der Lira profitierte ein weiterer Wert von dem milden Urteil gegen Brunson: die türkische Halkbank. Deren Ex-Vorstandschef Hakan Attila sitzt seit dem Frühjahr in den USA ein, die Türkei fordert seine Freilassung. Jetzt, wo Brunson freigekommen ist, könnte auch Attila bald freikommen. Das hoffen offenbar auch Anleger: Aktien der Halkbank lagen am späten Nachmittag in Istanbul (Ortszeit) zwei Prozent im Plus. Die Istanbuler Börse BIST100 notierte zur selben rund ein Prozent stärker.

Während des international mit Spannung verfolgten Gerichtstermins waren zentrale Zeugenaussagen in sich zusammengefallen. Wie die Zeitung „Hürriyet“ am Freitag berichtete, zogen insgesamt drei Zeugen Aussagen zurück. Ein Zeuge zum Beispiel widerrief die Behauptung, dass ein syrisches Mitglied von Brunsons Kirchengemeinde Bomben für Terrorangriffe gebaut habe.

Ein dpa-Reporter im Gerichtssaal berichtete, wie sich Zeugen der Anklage in einem nachgerade bizarren Austausch gegenseitig widersprachen. Ein per Videoleitung zugeschalteter Zeuge sagte zunächst, er habe von zwei weiteren Zeugen gehört, dass in Brunsons Kirche Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und Anhänger der Gülen-Bewegung ein und aus gegangen seien.

Sowohl die PKK als auch die Gülenisten gelten in der Türkei als Terroristen. Die betreffenden Zeugen gaben jedoch kurze Zeit später zu Protokoll, dass sie das doch wiederum selbst von dem ersten Zeugen gehört hätten.

Die USA hatten zuletzt den Druck auf die Türkei immer wieder erhöht und betont, wie wichtig Brunsons Freilassung für die US-türkischen Beziehungen sei. US-Außenminister Mike Pompeo hatte in der Nacht zum Donnerstag der Türkei erneut dringend angeraten, Brunson nach Hause zu schicken. Der US-Sender NBC berichtete einen Tag vor der Fortsetzung des Prozesses von einer geheimen Einigung zur Freilassung des Pastors – Washington bestätigte das jedoch nicht.

Der 50-Jährige Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Er war Pastor an einer evangelikalen Kirche in der Küstenmetropole Izmir, als er wenige Monate nach dem Putschversuch vom Juli 2016 in der Türkei festgenommen und dann im Dezember des selben Jahres in Untersuchungshaft genommen wurde. Ende Juli wurde er wegen Gesundheitsproblemen in den Hausarrest entlassen.

Konkret wurde dem US-Pastor Unterstützung der PKK und der Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Führung für den Putschversuch verantwortlich macht. Die Staatsanwaltschaft warf Brunson zudem Spionage vor und hatte zunächst bis zu 35 Jahre Haft für ihn gefordert.

Mit Material von dpa.

Startseite

Mehr zu: Diplomatische Krise - In Türkei inhaftierter US-Pastor kommt frei – Lira-Zocker profitieren

0 Kommentare zu "Diplomatische Krise: In Türkei inhaftierter US-Pastor kommt frei – Lira-Zocker profitieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%