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Edelmetalle Zentralbanken im Gold-Kaufrausch

Die Notenbanken stocken ihre Gold-Bestände so massiv auf wie zuletzt in den 1970er-Jahren. Russland ist besonders aktiv – und verfolgt vor allem ein Ziel.
Update: 31.01.2019 - 16:49 Uhr Kommentieren

„Die Notenbanken haben so viel Gold gekauft wie zuletzt 1971“

FrankfurtZumindest in einem sind sich US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin sehr ähnlich: Sie teilen eine Faszination für Gold. Doch Putin schätzt das Edelmetall nicht nur als Verzierung an den Türen der Empfangssäle im Kreml. Es ist für ihn auch ein Mittel, um die Landeswährung weniger anfällig für die Launen des amerikanischen Amtskollegen zu machen. Darauf lassen aktuelle Daten zur Goldnachfrage schließen, die das World Gold Council (WGC) am Donnerstag veröffentlicht hat.

Demnach hat die russische Notenbank im vergangenen Jahr 274 Tonnen Gold angekauft. Das Land stockt nun schon seit 13 Jahren seine Gold-Reserven kontinuierlich auf. In den vergangenen vier Jahren hat das Russland jedes Jahr mehr als 200 Tonnen Gold erworben. Den Ankauf im Jahr 2018 hat das Land dem WGC zufolge hauptsächlich durch den Verkauf von US-Staatsanleihen finanziert.

Insgesamt haben die Notenbanken 2018 ihre Goldbestände netto um mehr als 651 Tonnen aufgestockt. Das ist der höchste Wert seit dem Ende der Goldpreisbindung des Dollars im Jahr 1971. John Mulligan, Analyst des WGC, erklärt das so: „Wegen der gestiegenen geopolitischen und ökonomische Unsicherheit haben Zentralbanken ihre Währungsreserven diversifiziert und verstärkt in liquide und sichere Anlagen investiert.“

Der Kaufrausch der Zentralbanken ist dem WGC zufolge 2018 der wichtigste Treiber der Goldnachfrage gewesen: Sie stieg 2018 um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ebenfalls leicht zugelegt hat die Nachfrage durch physisch gedeckte Gold-Indexfonds. Dagegen ließ die Kauflust der Schmuck-Industrie nach. „Die Investoren waren 2018 der wichtigste Nachfrage-Faktor“, sagt Mulligan. Nach Russland gehörten die Zentralbanken der Türkei und Kasachstans zu den größten Goldkäufern im vergangenen Jahr. Sie stockten ihre Bestände jeweils um mehr als 50 Tonnen auf.

Die Gold-Ankäufe der Notenbanken markierten 2018 den vorläufigen Höhepunkt eines mehrjährigen Trends: Seit 2011 erwarben die Notenbanken unterm Strich mehr Gold, als sie verkaufen. Dabei spielt das Edelmetall seit der Aufhebung des Gold-Standards geldpolitisch praktisch keine Rolle mehr. Vielmehr sind es politische Ziele, die Staatschefs und Notenbanker mit den Edelmetall-Investments verfolgen.

Vor allem Länder, die in der Vergangenheit mit den USA aneinandergeraten sind, setzen verstärkt auf Gold, bestätigt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. So hatten die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen russische Oligarchen verhängt. Zudem streiten sich beide Länder um eine angebliche Einmischung Russlands bei den US-Präsidentschaftswahlen.

Mit der Türkei gab es 2018 einen Streit um einen inhaftierten US-Staatsbürger. Im Zuge des Konflikts mit den USA werteten sowohl der Rubel als auch die Lira zeitweise massiv ab. In der Türkei löste die Lira-Krise sogar eine Rezession mit zweistelligen Inflationsraten aus. „Wer einen Konflikt mit Amerika hat, möchte seine Devisenreserven möglichst nicht in Dollar halten“, sagt Krämer. Gold gebe den Staaten die nötige Flexibilität in einem Konflikt mit den USA. „Für Gold erhalten die Länder immer Dollar. Da brauchen sie kein Konto bei der Fed.“ Das Risiko, vom Dollar-Handel ausgeschlossen zu werden, könnten die Länder so minimieren.

Auch Thorsten Polleit, Chefvolkswirt des Frankfurter Goldhändlers Degussa, bestätigt: „Einige Staaten wollen die Dollar-Hegemonie nicht akzeptieren. Die einzige Alternative zum US-Dollar ist derzeit Gold.“ Insbesondere in China und Russland gebe es diese Bestrebungen. Erstmals seit 2016 hat sich auch China zum Goldbestand seiner Zentralbank geäußert – und eine Zunahme von knapp 10 Tonnen vermeldet. Polleit warnt jedoch davor, angesichts der massiven Goldkäufe den Dollar abzuschreiben: „Er wird auf absehbare Zeit die mächtigste der ungedeckten Währungen bleiben.“

Als einzige EU-Mitglieder stockten die Notenbanken von Polen und Ungarn ihre Bestände um nennenswerte Mengen auf. Für Ungarn war es der größte Gold-Kauf seit fast 30 Jahren. Auch hier spielen aus Sicht von Commerzbank-Volkswirt Krämer politische Motive eine Rolle. „Ich interpretiere das als Diversifikation vom Euro-Raum.“ Beide Länder liegen mit der EU-Kommission im Clinch. So verklagt Brüssel Polen wegen einer Justizreform vor dem Europäischen Gerichtshof. Gegen Ungarn läuft eine dort eine Klage wegen der Migrationspolitik von Ministerpräsident Viktor Orbán. Angesichts dieser Konflikte sei es kein Wunder, dass sich beide Länder auch bei ihrer Notenbankpolitik eng abstimmen, so Krämer.

Gold suggeriert Sicherheit

Hinzu kommt: Viele der Zentralbanken, die aktuell die größten Käufer am Markt sind, haben historisch nur geringe Gold-Bestände gehalen. „Sie wollen jetzt aufholen“, so WGC-Experte Mulligan. Einer Umfrage des Councils unter Zentralbanken zufolge schätzt eine Mehrheit der Notenbanker Gold als krisensichere Anlage und als Diversifikator des Währungsportfolios.

Dass Gold bei den Zentralbanken hoch im Kurs steht, sei eine Folge der Finanz- und Staatsschuldenkrise zwischen 2008 und 2011, ergänzt Krämer. In Krisenzeiten werde viel über die Stabilität von Papiergeld-System diskutiert: „Auch wenn sie keine Rolle spielen sollten, unterstützen hohe Goldreserven die wahrgenommene Stabilität für eine Währung“.

Daher würden viele Notenbanker auf den psychologische Effekt des Edelmetalls setzen: „Für eine Bevölkerung hat es eine beruhigende Wirkung, wenn sie weiß, dass die Zentralbank viel Gold besitzt“, meint Krämer. Degussa-Volkswirt Polleit geht noch einen Schritt weiter: „Das weltweite ungedeckte Papiergeldsystem ist völlig überdehnt.“

Es sei durchaus vorstellbar, dass Banknoten in einer schweren Krise nicht mehr akzeptiert werden. „Gold dient im Notfall als Zahlungsmittel“, so Polleit. Das Edelmetall habe Eigenschaften, mit die keine andere liquide Anlageklasse habe: „Gold kann nicht durch die elektronische Notenpresse entwertet werden und es trägt kein Zahlungsausfallrisiko.“

2018 haben nur wenige Zentralbanken ihre Gold-Bestände reduziert. Australiens Notenbank verkaufte rund vier Tonnen, die Bundesbank 3,9 Tonnen. Insgesamt warfen Zentralbanken im vergangenen Jahr 15,6 Tonnen auf den Markt. Dass der Goldpreis angesichts der drastische gestiegenen öffentlichen Nachfrage mit 1324 Dollar pro Feinunze (31 Gramm) auf Zwölf-Monats-Sicht dennoch leicht im Minus notiert, liegt dem WGC zufolge am hohen Angebot. Mit 3347 Tonnen hat die Minenproduktion ein neues Rekord-Niveau erreicht. Und auch die durch Recycling zurückgewonnene Menge Gold liegt mit 1173 Tonnen auf einem Höchstwert.

Die Experten des auf Edelmetalle spezialisierten Analysehauses GFMS gehen davon aus, dass die Gold-Nachfrage vieler Notenbanken auch im kommenden Jahr hoch bleibt. Vor allem Schwellenländer dürften die Goldkäufe nutzen, um die Abhängigkeit vom Dollar und damit die Risiken eines Handelskrieges zu reduzieren. Russlands Präsident Putin dürfte auch weiterhin einer der wichtigsten Spieler auf dem Goldmarkt bleiben.

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