Euro Zockerwährung oder sicherer Hafen?

Da haben sich mal wieder alle geirrt: Der Euro-Kurs sinkt nicht, er klettert nach oben. Der plötzliche Anstieg der Gemeinschaftswährung setzt sogar die EZB unter Druck. Doch wird der Euro weiter so hart bleiben?
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DüsseldorfEs liest sich wie eine Prognose aus ferner Zeit: Noch im April dieses Jahres rechneten Experten wie der Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jan Hatzius, fest damit, dass die Euro-Dollar-Parität bereits 2015 erreicht wird. Auch Andrew Bosomworth, Ökonom bei der Allianz-Tochter Pimco, hielt im Juni einen Wechselkurs Euro/Dollar im Verhältnis 1:1 noch dieses Jahr für möglich.

Deren Begründung damals: Die Unterschiede in der Geldpolitik zwischen den USA und dem Euro-Raum würden den Greenback stärken. Die US-Notenbank Fed dürfte bereits im September die Zinswende einläuten. Dagegen hält die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschleusen weiter offen. Sie pumpt über das sogenannte Quantitative Easing (QE) monatlich rund 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte. Ähnlich argumentierte auch Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, der im Juli eine Euro-Dollar-Parität bis zum Jahresende prophezeite.

Doch von einer Euro-Weichwährung ist nichts zu sehen. Im Gegenteil. Am gestrigen Montag, als die Aktienmärkte in den Crashmodus wechselten, stieg der Euro mit 1,17 US-Dollar auf ein neues Sechsmonatshoch. Gegenüber dem im März erreichten Zwölfjahrestief hat die Gemeinschaftswährung zwölf Prozent zugelegt. Eine solche Entwicklung hatten weder die EZB noch die meisten Devisenstrategen auf der Rechnung. Was vor einigen Wochen noch völlig abwegig erschien, ist wahr geworden: Die Gemeinschaftswährung bietet in turbulenten Zeiten Schutz.

Der Euro hat in den vergangenen vier Wochen gegenüber einem Korb von Industrieländer-Währungen über vier Prozent an Wert gewonnen. Eine stärkere Entwicklung hat keine andere Devise vorzuweisen. Ob Dollar, Yen, Schweizer Franken oder Pfund Sterling - keine andere Währung hat gegen so viele der wichtigsten Devisen aufgewertet.

Diese Rally erschwert aber auch die Bemühungen der EZB zur Belebung der Konjunktur. Denn ein stärkerer Wechselkurs kann die Exporte belasten und die Inflation verlangsamen. „Geld auf der Suche nach einem sicheren Hafen ist überwiegend in den Euro geflossen, was ich für frappierend halte," sagte Thu Lan Nguyen, Strategin bei der Commerzbank. „Die EZB wird nicht tatenlos zusehen und dürfte versuchen, die Währung verbal zu schwächen - denn das ist ihr wichtigstes Instrument, um für Inflation zu sorgen.“

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9 Kommentare zu "Euro: Zockerwährung oder sicherer Hafen?"

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  • Den Kommentar von Herr Jens Müller25.08.2015, 12:15 Uhr, finde ich sehr treffend. Man könnte anstatt Sand auch "Schulden" schreiben.
    Die Schuldenuhren ticken Weltweit erbarmungslos weiter. Weder "die Märkte" noch die Zentralbanken sind dazu in der Lage daran was zu ändern.
    Quasi die einzige konstante. Die "Schulden" steigen. Da spielt auch die Währung keine Rolle mehr.
    Unser tolles Geldsystem ist auf Crash ausgelegt. Wir wissen es, sind aber nicht willens daran etwas zu ändern.
    Mit jedem Jahr das vergeht, in dem der Crash irgendwie nach hinten verschoben wird, graut es mir mehr vor den folgen des selbigem.
    Das schlimme daran, es werden wieder mal die am meisten unter den folgen zu leiden haben, die sich nicht am Zocker und Schulden Wahnsinn beteiligt haben.

  • Kräht der Hahn auf dem Mist, ändern sich die Devisenkurse oder alles bleibt, wie es ist. Plötzlich ist von Euro - Dollar .- Parität keine Rede mehr. Was soll man wohl dazu sagen? Welchen Wahrheitswert können denn Werbebotschaften von Chefökonomen der größten Banken oder von Währungsfonds haben? Dort geht es ums unser aller Geld und nicht um Prognosen für künftige Währungskurse. Banken und Fonds als Markteilnehmer entscheiden ob Kurse steigen oder sinken. Wenn diese Marktteilnehmer entscheiden, dass es für diese Akteure besser, gewinnbringender ist, dass Kurse sinken, dann sinken die auch. Vice versa. Mag der Kleinanleger doch dagegen spekulieren. Der wird schon sehen, was er davon hat.

  • Der Euro gehört zu den 4 Major-Währungen (neben dem USD, JPY und GBP) auf der Welt. Jeder der schon einmal FX-Positionen auf ein institutionelles Handelsbuch geführt hat, weiß diese Liquidität zu schätzen. Da dort dann auch nicht so leicht manipuliert kann werden kann, wie früher bei den einzelnen Europäischen Währungen (und heute z.B. bei dem teilweise illiquiden CHF-Dreck). Man(n) kann also 500 Mio. Bretter ohne Probleme durch nageln.

  • „Wir haben es hier mit einer Blase beim Staat zu tun und erleben nun, wie der Markt (die freien Märkte) die Zinsen immer weiter in die Höhe treibt – und zwar gegen die Geldpolitik der Zentralbanken. Staatsschulden sind von der Zentralbankebene her nicht kontrollierbar. Die Zentralbanken schaffen keine Schulden – es sind die Staaten, die die Schulden schaffen, und bei den Staaten, also innerhalb der politischen Maschinerie, macht man sich überhaupt keine Sorgen über diese Schulden, obwohl es eigentlich angebracht wäre. Daher haben wir nun auch das Hoch beim Staat gesehen – und zwar an den Märkten wie auch bei dem Vertrauen gegenüber dem Staat an sich. Es müsste jetzt eigentlich noch zu einem Ansturm auf kurzlaufende Staatsanleihen kommen – die klassische „Flucht in Richtung Qualität“, die die Zinsen für kurzlaufende Staatsanleihen stark in den negativen Bereich drücken wird, während wir uns immer stärker dem Monat Oktober annähern. Und im Hinblick auf die interessanten Entwicklungen, die danach kommen, muss die Mehrheit daneben liegen, denn das ist genau der Treibstoff, der die Wirtschaft und Märkte antreibt. Für Viele wird es wohl die schwierigste Trading-Periode überhaupt werden. Niemand scheint gewillt zu sein, sich die Rolle des Staats anzuschauen – wie der Staat Pensionen versprochen hat, die nie gegenfinanziert worden sind. Die Korruption ist so allumfänglich, dass es niemals Reformen geben wird, und die einzige Lösung, die von Regierungsseite – von rechts wie links – vorgebracht wird, besteht darin, die Steuern zu erhöhen. Und das begründen sie dann damit, dass der Kapitalismus daran schuld sei, während sie die totale staatliche Kontrolle als ultimative Lösung preisen. Die Ökonomen werden in der Regel direkt oder indirekt vom Staat bezahlt, und diejenigen, die über Erfahrung in der echten Welt da draußen verfügen, sind nicht daran interessiert, sich an politischen Schlammschlachten zu beteiligen.“ (Zitat: Martin Armstrong - http://www.armstrongeconomics.com)

  • Die absichtliche Entwertung des Euro durch die EZB von knapp 30% gegenüber dem Vorjahr ist schlicht eine Enteignung des Bürgers, ausgeführt von einer nicht demokratisch legitimerten Institution. Wenn jetzt der Euro aufgrund der ein wenig weniger guten Börsen leicht an Wert dem Dollar gegenübe gewinnt, dann hat das nichts zu tun mit einer Härte. Der Euro ist zugunsten der schwachen Südstaaten und Frankreichs abgewertet worden und bleibt für Deutschland mindestens 40% unter seinem eigentlichen Wert.
    Sogar eine Wiedereinführung der DM würde den Frieden in Europa wiederherstellen, die Preise und Löhne und Deutschland absenken und die Importe stark verbilligen. Durch niedrigere Löhne werden unsere Exporte kein Problem haben, auch weiterhin ein starker Motor in der deutschen Wirtschaft zu sein, denn Qualität und exzellenter Service wird nun mal besser bezahlt.

  • Man kann große Teile der Medien nicht mehr ernst nehmen.
    Ein steigender Eurokurs spricht für die Schwäche der US-Wirtschaft. Ich würde dann eher mal vermuten, das Investoren und Unternehmen kurzfristig ihr weltweit investiertes Kapital von den Aktien- und Anleihemärkten abziehen und liquidieren werden, um sich selbst zu retten.
    Somit dürfte die Börsen weiter auf Talfahrt gehen.
    Ich glaube nicht, dass die FED und die Zentralbanken bei dieser wirtschaftlichen Abschwächung noch in der Lage sind, diese Entwicklung der Liqudation aufzuhalten, oder kommt jetzt QE4?

  • Die Frage ist doch, wenn jetzt plötzlich der Dollar nicht mehr der sichere Hafen ist, woran das liegt. Bisher schien das Gespann USA-China mit ihren Verbindungen ja wie das Wachstumsmodell schlechthin.

    Jetzt wackelt China und die Frage ist, wieviel der USA-Wirtschaftsleistung damit eng verbunden ist. Ausserdem kracht es ja auch in den ganzen Schwellen- 3.Weltländern (auch alles potentielle Wachstumsmärkte aus Sicht der Finanzindustrie), einen Überblick darüber bekommt man durch die Medien aber nicht wirklich.

    Von da her, kann es sein, dass der sichere Hafen (begrenztes Geld-drucken) im Zweifelsfall nur noch im Euro besteht, so lange die Deutschen das bremsen wie sie es nur hinbekommen (auch wenn Draghi dagegen vorgeht wie er kann).

    Auch die Frage wie China die Stützung seiner Märkte finanziert, ist in dem Zusammenhang wichtig, verkaufen die Dollar oder Euro (oder bald anders herum?)

  • Wer ein Wasserbett hat, der weiß Bescheid. Wenn einer sich ins Bett wirft, wird der andere rauskatapultiert. ;))

  • Bildlich gesprochen:
    Wenn alle in Treibsand versinken bleibt der, der am wenigsten schnell sinkt trotzdem nicht oben. Er scheint nur relativ die besten Chancen zu haben.

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