Interview mit Agnes Horvath: Chefökonomin des Ölkonzerns MOL: „Der Preiskrieg wirkt sich nur kurzfristig nachteilig aus"
Die Chefökonomin des Ölkonzerns MOL warnt, die Zusammenarbeit zwischen Ölförderländern dürfe nie als Selbstverständlichkeit begriffen werden.
Foto: MOLWien. Der schwarze Montag wird am Ölmarkt lange in Erinnerung bleiben. Der wichtigste Referenzpreis für Europa, Brent-Öl, brach in der Spitze um mehr als 30 Prozent ein und notiert derzeit bei knapp 36 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Seit Jahresbeginn hat sich der Rohstoff Öl damit um mehr als 50 Prozent verbilligt. Der Preissturz des Rohöls sorgte für eine Panik an den Börsen weltweit, seit Jahrzehnten hatte es ein solches Debakel nicht mehr gegeben.
Agnes Horvath, Chefökonomin des ungarischen Ölkonzerns MOL, sieht positive Effekte des Ölpreisverfalls. Niedrigere Energiepreise können nach der Eindämmung des Coronavirus die Weltkonjunktur schneller ankurbeln. Das Ende der Opec plus käme zum perfekten Zeitpunkt.
Wird mit dem Ende von Opec plus und dem heftigen Preisverfall eine neue Ordnung auf dem Ölmarkt beginnen?
Aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus wurde ein Rückgang der Ölpreise bereits erwartet. Selbst Produktionskürzungen, wie sie auch immer ausgefallen wären, hätten einen starken Verfall des Ölpreises nicht aufhalten können. Unter diesem Gesichtspunkt kam das Ende der Opec plus zum perfekten Zeitpunkt, weil die Glaubwürdigkeit der Zusammenarbeit unter diesen extremen Umständen ohnehin beschädigt worden wäre. Der Vorfall hat sehr deutlich gemacht: Die Zusammenarbeit zwischen Ölförderländern darf nie als eine Selbstverständlichkeit begriffen werden.
Wie wird sich der Ölpreis weiterentwickeln? Wird die Panik ein Ende finden?
Es ist nun mehr als drei Jahre her, seit die erste sechsmonatige Förderkürzung der Opec plus begann. Im Laufe der Zeit waren immer wieder größere und länger anhaltende Produktionskürzungen erforderlich, um die Glaubwürdigkeit des Bündnisses zwischen dem Ölkartell und Russland aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig blieb der Rohölmarkt hartnäckig überversorgt. Wir sahen Nachfrageschocks auch schon vor den jüngsten Auswirkungen des Coronavirus.
Der derzeitige Preiskrieg wirkt sich nur kurzfristig nachteilig aus. Langfristig kann er sich jedoch als kluger Schachzug erweisen. Eine realistische Einschätzung der amerikanischen Explorations- und Produktionsbranche könnte den weltweiten Ölmarkt wieder ins Gleichgewicht bringen. Zudem ist ein niedrigerer Ölpreis in der Lage, die globale Energienachfrage nach Eindämmung des Coronavirus wieder ankurbeln.
Was sind die Gründe für das Scheitern der Opec plus?
Seit 2016 musste die Opec plus eine schmerzhafte Lektion lernen: Die gemeinsame Kürzung der Ölproduktion ist kein wirkungsvolles Instrument, um den Ölmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Die große Flexibilität der Schieferölproduzenten in den USA führte dazu, dass sich die US-Ölproduktion jederzeit den Preisänderungen angepasst hat. Die amerikanischen Ölförderer waren in den vergangenen Jahren stets in der Lage, die Angebotskürzungen der Opec plus teilweise oder vollständig zu kompensieren.
Ein weiterer Grund für das Ende der Opec plus: Russland vertritt die Überzeugung, dass niedrigere, aber vernünftige Preise eine wachsende Nachfrage nach Öl fördern können. So können die kostengünstigen Ölproduzenten länger im Geschäft bleiben.
Wie groß wird der Schaden für die Ölindustrie durch den Preisverfall weltweit sein?
Da der Verbrauch von Kerosin, Benzin und Diesel aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen des Ausbruchs des Coronavirus und der Auflösung der Opec plus sehr schnell sinkt, ist der Ölmarkt jetzt einem enormen Schock von Angebot und Nachfrage ausgesetzt. Dieser Schock senkt die Preise auf die Tiefststände von 2016. Die Widerstandsfähigkeit der Ölindustrie nach der globalen Abkühlung im Jahr 2019, den eskalierenden Handelsspannungen, den erhöhten geopolitischen Risiken und dem weltweiten Drang nach kohlenstoffarmen Energiequellen wird also auf eine harte Probe gestellt.
Werden die Unternehmen weiter investieren?
Die schlechten Nachrichten kommen zu einer Zeit, in der Ölaktien bereits seit einiger Zeit hinter dem Markt geblieben sind. Sie werden von einer wachsenden umweltbewussten Anlegerstimmung und einer strengeren Regulierung beeinflusst. Die Ölbranche hat schließlich einen beispiellosen grünen Übergang vor sich. Daher wäre dringend ein weniger volatiles Marktumfeld erforderlich, um die Grundlage für zukünftige Investitionen zu sichern.
Frau Horvath, vielen Dank für das Interview.