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Kommt die Euro-Krise zurück?

Angesichts der politischen Krise in Italien fliehen Anleger aus dem Euro.

(Foto: dpa)

Italien Flammt die Euro-Krise wieder auf? Drei mögliche „Italexit“-Szenarien

Wird die politische Krise in Italien die Euro-Zone zerstören? Investoren und Politikberater warnen, Ökonomen entwickeln bereits Szenarien.
1 Kommentar

Düsseldorf Diese Warnung hat Gewicht: „Der Euro hat viele ungelöste Probleme und es darf nicht zugelassen werden, dass sie die Europäische Union zerstören“, meint Starinvestor George Soros.

„Alles was schiefgehen könnte, ist schiefgegangen“, sagte er und nannte die Flüchtlingskrise und Sparmaßnahmen, die die Populisten an die Macht katapultiert haben, sowie die „territoriale Desintegration“ am Beispiel des Brexit. „Es ist nicht mehr eine Redewendung zu sagen, dass Europa in existenzieller Gefahr ist; es ist bittere Wirklichkeit.“

Die eindringliche Warnung des Milliardärs und Vermögensverwalters erfolgte an einem wichtigen Tag: Angesichts der politischen Krise in Italien fliehen Anleger am Dienstag aus dem Euro, italienische Anleiherenditen kletterten auf Mehrjahreshoch, die Börsen gaben weltweit nach.

Der italienische Präsident Sergio Mattarella hat den Wirtschaftsexperten Carlo Cottarelli mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt und setzt auf Neuwahlen. Italien dürfte weitere Monate mit einer widerwillig gebilligten Technokratenregierung vor sich hindümpeln, bis es zu Neuwahlen mit einem offenen Ausgang komme, sagte DZ-Bank-Devisenanalystin Dorothea Huttanus. Diese Perspektive bekomme dem Euro noch schlechter als die Aussicht auf eine Regierungskoalition aus Lega und 5 Sterne.

Die entscheidende Frage, die sich Investoren stellen: Kann Italien eine neue Euro-Krise auslösen? „Vermutlich nicht“, meint Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Natürlich könnte seiner Ansicht nach eine radikale Regierung in Rom das Land in eine tiefe Krise stürzen. Doch für ihn ist es eher eine italienische Krise als eine der gesamten Euro-Zone, auch wenn einige Länder mit engen Verbindungen zu der südeuropäischen Republik eine Zeitlang in Mitleidenschaft gezogen werden dürften.

Sein Worst-Case-Szenario lautet: Italien geht pleite, verlässt den Euro und gerät in eine langanhaltende Chaosphase. Selbst dann wäre die Existenz des Euro nicht gefährdet. „Wie der Brexit die Pro-EU-Stimmung gefördert hat, dürfte ein hypothetischer, chaotischer Italexit andere Länder bewegen, den Euro zu behalten“, schätzt Schmieding.

Seine Ansicht für den Weiterbestand des Euro begründet er mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit: den beiden griechischen Krisen (2009 bis 2011 und 2015) sowie der Vertrauenskrise in die europäische Gemeinschaftswährung (2011-2012). In beiden Fällen war die Gefahr groß, dass gesunde Länder und Banken in Mitleidenschaft gezogen werden würden.

Doch aufgrund dieser Ereignisse habe die EU genügend Instrumente entwickelt, um die anderen Mitgliedstaaten und deren Banken vor Ansteckung zu schützen. „Eine Wiederholung der Euro-Krise aufgrund grassierender Ansteckung erscheint sehr unwahrscheinlich“, meint der Ökonom.

Der Vergleich zwischen der Griechenland- und der Italien-Krise hinkt natürlich bei einem wichtigen Punkt. Italien als Gründungsmitglied der Europäischen Union und des Euro hat einen Anteil von 15,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euro-Zone und 23,4 Prozent der öffentlichen Schulden. Zum Vergleich: Griechenland hatte beim Beginn der ersten Krise 2009 einen Anteil von 2,6 Prozent am europäischen BIP und lediglich einen Anteil von 3,3 Prozent der öffentlichen Schulden. Deutschland erzielt 2,6 Prozent seines BIP durch den Export nach Italien.

Hinter all diesen Zahlen steckt eine wichtige Frage: Ist Italien zu groß, um noch gerettet werden zu können? Schmieding antwortet darauf mit drei möglichen Szenarien:

  1. Italien erfüllt weiterhin die Euro-Regeln wie das Land es bis 2011 getan hat – und es kommt zu keiner Krise.
  2. Falls das Land andeuten sollte, den Euro verlassen zu wollen, würden möglicherweise neue Kreditlinien dem Land helfen. Italienische Staatsanleihen wären in dem Fall eine Kaufgelegenheit.
  3. Falls Italien massiv gegen die Euro-Regeln verstößt, in eine Krise schlittert und sich weigert, diesen Kurs zu verändern, erhält es keine Unterstützung. In diesem Fall würden die EU/Euro-Zone die anderen Länder vor Ansteckungsgefahren schützen. Die Regierung in Rom hat dann die Wahl: Austritt und damit die Konsequenzen eines chaotischen Italexit oder eine vollständige Kehrtwendung wie sie Griechenlands Premier Alexis Tsipras hingelegt hat.

„Unsere eindeutige Option ist: In solch einem Fall wird Lega-Chef Matteo Salvini den Euro-Verbleib wählen, so wie es Tsipras in Griechenland getan hat“, meint Schmieding.

Einige Experten bewerten die Lage kritischer. Diese Wahl werde de facto zu einem Referendum über den Verbleib Italiens in der Europäischen Union und der Euro-Zone, warnte Francesco Galietti, Chef der Politikberatung Policy Sonar: „Das ist eine existenzielle Gefahr für die Euro-Zone.“

Die Situation sei umso bedrohlicher, da der EZB die Hände gebunden seien, so Marcel Fratzscher, der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW: „Die EZB kann nicht sagen: Der politische Wille, aus dem Euro auszusteigen, ist vielleicht da – aber wir hindern die Regierung daran“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Der scheidende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vítor Constâncio, hat bereits Italien vor den Folgen einer erneuten Staatsschuldenkrise gewarnt: „Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen“, sagte Constâncio im Interview mit Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Wir werden sehen, was nun passiert.“

Ob die EZB im Notfall eingreifen und Italien vor einer Zahlungsunfähigkeit retten würde, ließ Constâncio offen. Jede Intervention müsse „der Erfüllung unseres Mandats dienen“ und „bestimmten Bedingungen“ folgen, so der EZB-Vize. „Italien kennt die Regeln. Sie sollten diese vielleicht noch einmal genau lesen.“

„Wie erwartet wird Italien zur existenziellen Belastungsprobe für die gesamte Euro-Zone“, betont Heinz-Werner Rapp, Leiter des Feri Cognitive Finance Institute. Italien habe den enormen Reformdruck in den letzten Jahren ignoriert und versuche nun, andere für die eigenen Versäumnisse bezahlen zu lassen. Aus spieltheoretischer Sicht habe Italien mit seinen Staatsschulden über 2,3 Billionen Euro dazu gute Voraussetzungen, da gegenüber der Europäischen Union eine glaubwürdige Drohkulisse aufgebaut werden könne.

So forderten die italienischen Wahlgewinner prompt einen Schuldenerlass von der Europäischen Zentralbank über 250 Milliarden Euro. „Auch wenn der plumpe Trick zunächst gescheitert ist, und obwohl Italien auf Neuwahlen zusteuert, wird sich dieser Versuch wiederholen“, ist sich Rapp sicher. Italien kokettiere weiter ganz offen mit dem Bruch der Währungsunion und verlange unverhohlen einen hohen Preis für seine weitere Mitgliedschaft. Die Politik in Europa habe dagegen derzeit keinen Plan, betont er.

Auch die italienische Notenbank hat vor dem Hintergrund der aktuellen Marktturbulenzen vor einem Verlust des Vertrauens in Italien gewarnt. „Wir dürfen niemals vergessen, dass wir immer nur ein paar Schritte von dem sehr ernsten Risiko eines Verlusts des unersetzbaren Guts von Vertrauen entfernt sind“, sagte der Gouverneur der italienischen Notenbank, Ignazio Visco, am Dienstag in Rom. Eine Finanzkrise müsse vermieden werden. Visco bestimmt auch im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über die Geldpolitik mit.

Er forderte die Politik in Italien auf, die Reformpolitik fortzusetzen. Die europäischen Vorgaben müssten akzeptiert werden. „Die Zukunft Italiens ist in Europa“, sagte Visco. Er betonte, dass für die aktuelle Entwicklung nicht die Vorgaben der EU oder Spekulanten verantwortlich sind. Vielmehr hätten die Italiener mit ihrem Handeln und politischen Vorstellungen Umschichtungen an den nationalen und internationalen Märkten ausgelöst.

Die Fachleute der Commerzbank sehen jedoch nicht nur Italien als Problem für die Gemeinschaftswährung an. Dieses sei viel fundamentaler. „Der Euro ist und bleibt ein politisches Experiment und kann politisch scheitern, wenn die erwarteten wirtschaftlichen Vorteile nicht erreicht werden“, sagte Experte Ulrich Leuchtmann. Letztere blieben hinter den Erwartungen zurück, nicht zuletzt wegen der Euro-Schuldenkrise.

Entsprechend rechnen mehr Anleger mit einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone. 13,0 Prozent erwarten für die kommenden zwölf Monate das Ausscheiden mindestens eines Landes aus der Währungsunion, ergab eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage der Investmentberatung Sentix unter 5000 Investoren.

Das ist der höchste Wert seit mehr als einem Jahr. „Vorbei ist es also mit der mühsam erreichten Ruhe in der Euro-Zone“, sagte Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. Seinen bisherigen Höchststand erreichte der Index während der Griechenland-Krise Mitte 2012 mit 73 Prozent.

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Dass die Stabilisierungsbemühungen der vergangenen Jahre nicht gänzlich umsonst gewesen seien, zeige ein Blick auf den Ansteckungs-Risiko-Index. Dieser fiel von gut 43 auf 34,3 Prozent. „Diese überraschend positive Indikation liegt daran, dass die Austrittswahrscheinlichkeit anderer Länder bislang durch die italienischen Kapriolen so gut wie nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde“, erklärte Hübner.

Zur Regierungskrise in Italien hinzu kommt die Ungewissheit, wie es in Spanien weitergeht. Dort soll einem Medienbericht zufolge am Donnerstag und Freitag ein Misstrauensantrag gegen den konservativen Regierungschef Mariano Rajoy debattiert werden. „Ich erwarte keine Krise, anhaltende Unsicherheit ist aber denkbar“, sagte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

Starinvestor George Soros hat bereits Abhilfe für einige der Missstände, mit denen Europa konfrontiert ist, vorgeschlagen: Unter anderem ein EU-finanzierter Marshall-Plan für Afrika im Wert von etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr, der den Migrationsdruck auf den Kontinent verringern würde. Er schlug auch eine radikale Umwandlung der EU vor, einschließlich der Abschaffung der Klausel, die ihre Mitgliedsstaaten dazu zwingt, der Gemeinschaftswährung beizutreten.

Mit Material von Bloomberg, dpa, Reuters

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1 Kommentar zu "Italien: Flammt die Euro-Krise wieder auf? Drei mögliche „Italexit“-Szenarien"

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  • Sehr geehrter Herr Röder,

    "möglich" ist alles. Darum gibt es nicht etwa nur drei mögliche "Italexit-Szenarien", sondern ungefähr drei Millionen. Aber für einen Börsianer stellt sich die Frage, auf welches Szenario er wetten will.

    Ich wette darauf, dass Italien den Weg von Tsipras geht. Weil eine Zahlungsunfähigkeit Italiens bei gleichzeitiger Rückkehr zur Lira die mit Abstand schlechteste Alternative wäre und diesen worst case kein Politiker verantworten kann.

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