Kommentar Die Lira-Krise ist kein Problem für die Weltwirtschaft

Die Lira-Krise reißt die Währungen und Märkte anderer Schwellenländer mit in den Keller. Doch um eine Wirtschaftskrise auszulösen, ist das Land zu unbedeutend.
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Lira: Die Lira-Krise ist kein Problem für die Weltwirtschaft Quelle: dpa
Wechselstube in Istanbul

Angesichts der massiven Währungsturbulenzen hofft die Türkei auf das Engagement finanzstarker Investoren. Denn die wirtschaftlichen Probleme des Landes sind immens.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDie türkische Währung erlebt derzeit eine Achterbahnfahrt wie kaum eine andere Devise: Auf ein Tagesminus von mehr als zehn Prozent in der Spitze folgt plötzlich ein Anstieg auf bis zu zehn Prozent. Auch am Freitag ging das Spiel weiter, zwischenzeitlich verlor die Lira bis zu acht Prozent. Die Währungskrise belastet längst die Finanzmärkte aller Schwellenländer.

Steht eine neue Schwellenländer- oder gar Weltwirtschaftskrise vor der Tür? Nein, dafür ist die Türkei ökonomisch zu unbedeutend. Was noch viel wichtiger ist: Fast alle anderen Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben erledigt – ganz im Gegensatz zur Türkei.

Diese Berg- und Talfahrt der türkischen Währung dürfte in den nächsten Wochen und Monaten noch so weitergehen, mit der langfristigen Tendenz, dass die Lira weiter verfällt. Ausländische Banken und Investoren werden sich weiter zurückziehen, weil die türkische Regierung, oder besser gesagt ihr Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, die Botschaft der Währungskrise nicht verstanden hat: Eure Geldpolitik ist ein Desaster. Wer wie Erdogan hohe Inflation mit Zinssenkungen bekämpfen will, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Zwar können die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und der Türkei, die den Devisensturz letztendlich ausgelöst haben, schnell beiseitegeschafft werden. Es würde offenbar reichen, dass die Regierung in Ankara den in Hausarrest sitzenden US-Pastor Andrew Brunson wieder in die USA schickt.

Doch keines der realen wirtschaftlichen Probleme der Türkei wäre damit gelöst: Ein extrem hohes Leistungsbilanzdefizit zusammen mit einer überbordenden privaten Verschuldung und Auslandsverschuldung. Das alles gepaart mit einer offenbar nicht mehr unabhängigen Notenbank. Da fragen sich schon viele Investoren: Können die türkischen Auslandskredite in Höhe von 250 Milliarden Dollar noch zurückgezahlt werden? Auch die türkische Bevölkerung geht auf Nummer sicher und tauscht Lira in Hartwährung um – solange dieser Handel noch erlaubt ist.

Doch das alles ist ein rein türkisches Problem. Zwar fallen derzeit auch die Kurse in anderen Schwellenländern – sowohl an deren Aktien- als auch an deren Devisenmärkten. Auch der Preis für Kupfer fällt, der wegen seiner breiten Verwendung im Bausektor und der Industrie als ein Frühindikator für den Zustand der Weltwirtschaft gilt. Doch solch ein Verhalten von Investoren ist typisch, wenn ein Schwellenland anfängt zu schwächeln: Dann gilt schnell das Prinzip der Verallgemeinerung.

Ein Blick auf weitere Indikatoren zeigt ein anderes Bild. Es zeigt die Erkenntnis, das man nicht alle Schwellenländer über einen Kamm scheren kann. Ein Beispiel sind Kreditausfallversicherungen (CDS – Credit Default Swaps), mit den Investoren sich vor einer Staatspleite absichern können. Bei der Türkei sind diese Werte auf das höchste Niveau seit Beginn der Finanzkrise vor rund zehn Jahren gestiegen. Aktuell müssen Investoren bei einer fünfjährigen Staatsanleihe der Türkei pro Jahr fünf Prozent zahlen, um sich vor Ausfall abzusichern. Kein anderes, vergleichbares Schwellenland erreicht derzeit ein halb so hohes Level.

Im Gegensatz zur Türkei haben andere Länder aus der Asien-Krise Ende der 80er Jahre gelernt – ablesbar an deren Leistungsbilanzqualität. Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank hat das Verhältnis zwischen Auslandsreserven und kurzfristiger Auslandverschuldung untersucht. Sein Ergebnis: Die großen Schwellenländer sind gegen Kapitalflucht gewappnet, die Türkei am wenigsten – sogar noch weniger als das krisenerprobte Argentinien.

Auch das Risikobarometer für die Schwellenländer, ablesbar am Emerging Markets ETF Volatility Index, notiert derzeit auf einem niedrigen Niveau und signalisiert damit eher Risikobereitschaft der Investoren. Dieser Indikator liegt beispielsweise aktuell deutlich unter dem Level, als Donald Trump Anfang des Jahres 2018 den Handelsstreit startete. Und als Mitte 2015 die ersten chinesischen Wachstumssorgen aufkamen, lag das Barometer noch doppelt so hoch.

Das alles spricht für eine Lira-Krise mit regionalen Auswirkungen, verursacht von einem autokratischen Präsident Erdogan. Einer der wenigen, die zuerst ihrem Land zu Wohlstand verholfen haben und nun den rasanten Weg zurück zur Armut ebnen.

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