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Krypto-Kolumne

Coin und Co: Die Krypto-Kolumne Bitcoin schlägt Dax – Ein (unfairer) Vergleich

Der jüngste Krypto-Crash ähnelt dem Platzen der Dotcom-Blase – und doch schlägt der Bitcoin den Dax. Warum Anleger auch in Zukunft mit solchen Paradoxien leben müssen.
Update: 17.09.2018 - 10:57 Uhr Kommentieren

„1000 Dollar abwärts? Beim Bitcoin gab es Schlimmeres“

DüsseldorfWohin steuert der Bitcoin – und mit ihm die vielen anderen Kryptowährungen? Einschätzungen, Hintergründe und Anekdoten gibt es jede Woche von den Handelsblatt-Redakteuren Astrid Dörner, Felix Holtermann und Frank Wiebe in unserer Krypto-Kolumne „Coin & Co“. Heute Teil 33: Die Paradoxien des Krypto-Investierens.

Wie bezeichnet man die Entwicklung einer Assetklasse, die innerhalb eines Jahres um rund 70 Prozent zulegt? Als „Schock“, als „schmerzhaften Realitäts-Check“, als „Scheitern“? Wohl kaum. Trotz dieser Kursgewinne herrschen solche Einschätzungen am Kryptomarkt vor. Das ist paradox.

Dax-Anleger würden sich über eine derartige Entwicklung freuen: Der deutsche Leitindex liegt auf Jahresfrist knapp fünf Prozent im Minus – von 12.540 Zählern ging es abwärts auf zuletzt 12.089 Zähler.

Ganz anders sieht es bei der wichtigsten Kryptowährung aus, dem Bitcoin: 3.769 Dollar war ein Bitcoin am 14. September 2017 wert. Genau ein Jahr später liegt der Kurs laut Zahlen des Analysehauses Coinmarketcap bei 6.460 Dollar.

Im Klartext heißt das: Anleger, die vor einem Jahr eingestiegen sind – also mitten im Kryptohype – konnten trotz zahlreicher Kursstürze, schlechter Nachrichten und grassierender Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der virtuellen Münzen einen satten Zwei-Drittel-Gewinn einsacken.

Ist dieser Vergleich des Bitcoins mit dem wichtigsten deutschen Aktienindex fair? Natürlich nicht. Der Dax beweist seit 30 Jahren, dass er unterm Strich auf Wachstumskurs ist und Anleger mit langem Atem wohlhabend macht. Dagegen ist der Bitcoin Spielgeld. Und doch setzt der schiefe Vergleich einige überzogene Bewertungen ins Verhältnis.

Denn schließlich haben sich auch die Kassandrarufer getäuscht, die dem Kryptomarkt angesichts des Bitcoin-Abrutschens vom Rekordkurs von 20.000 Dollar im Dezember einen schnellen Absturz bis in die Bedeutungslosigkeit prophezeit hatten. Unterm Strich entwickelt sich zumindest das Flaggschiff Bitcoin seit Monaten seitwärts.

Mit dem Begriff „unterm Strich“ ist das freilich so eine Sache. Erst am Mittwoch sind die großen Coins in neue Tiefen abgestürzt. So hat der Index „MVIS CryptoCompare Digital Assets 10“ den Verlust gegenüber seinem Hoch im Januar auf 80 Prozent ausgeweitet. Das ist mehr als der Einbruch von 78 Prozent beim Nasdaq-Index nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000.

Der Kurs der virtuellen Währungen basiert also weiter vor allem auf einem Faktor – Spekulation. Wer früh in den Markt eingestiegen ist, gar kurz nach Auflegung, hätte traumhafte Profite einstreichen können. Bis heute beflügeln die Geschichten von Anlegern, die über Nacht reich geworden sind, die Fantasie. Viele spät Eingestiegene dürften dagegen eine Menge Geld verloren haben.

Wie bei den Internetaktien um die Jahrtausendwende gilt auch beim Kryptowährungsboom: Die Stimmung kann schnell ins gegenteilige Extrem umschlagen. So ist die Hoffnung, dass Bitcoin zu digitalem Gold werden und Blockchain-betriebene Tokens alle Branchen, von Finanzen bis zum Handel, umgestalten, unter Analysten längst in Sorge umgeschlagen. Heute grassieren Ängste vor exzessiven Hypes, Sicherheitslücken, Marktmanipulation, strengerer Regulierung und langsamerer Wall-Street-Adaption.

Wie ihre Dotcom-Vorgänger erleben nun auch die Kryptoinvestoren, dass es an keinem Markt immer nur bergauf gehen kann. Vor diesem Hintergrund ist der jüngste Einbruch nicht nur negativ – sondern vielleicht sogar heilsam.

Kern des Problems ist die Tatsache, dass Anhaltspunkte, anhand derer man den Preis einer virtuellen Münze bemessen könnte, bis heute rar gesät sind. Möglich ist zum Beispiel, die Nutzer-, Konten- und Transaktionszahl in einem Netzwerk heranzuziehen, um die Bedeutung einer Kryptowährung einzuschätzen. Eine andere Methode ist, die Anzahl an Google-Suchen nach Stichworten wie Bitcoin, Ethereum und ICO zu bemessen. Möglichkeit Nummer drei ist, die virtuellen Assets mit realen Anlageklassen zu vergleichen, etwa dem Rohstoff Gold.

All diese Ansätze sind für Insider interessant, verblassen jedoch schnell gegenüber den Wertmaßstäben, die an reale Aktien angelegt werden: vom Kurs-Gewinn-Verhältnis über die Dividendenhöhe bis zur Analysteneinschätzung. Dass Anleger auch hier nicht gegen Verluste gefeit sind, zeigt der Blick auf die Finanzkrise.

Und doch ist klar: Im Unterschied zu den im Dax vertretenen Großunternehmen müssen die Kryptowährungen erst noch den Beweis ihrer realen Nützlichkeit erbringen. Wer mit heftigen Kursbewegungen nicht umgehen kann, ist auf dem virtuellen Markt sowieso falsch. Und die Altersvorsorge sollte sicher niemand auf digitalen Coins aufbauen.

Wer jedoch bereits mit einem Aktiensparplan gut versorgt ist und auch ansonsten keine finanziellen Sorgen hat, hat eine andere Ausgangsposition. Wer glaubt, dass Bitcoin, Ethereum und Co. als Reservewährung in Krisenzeiten, als Fluchtpunkt für Anleger in Iran, Venezuela und China oder als vielversprechende Basis für neue Entwicklungen der Blockchain-Technik fungieren können, der kann ruhig etwas Spielgeld am Kryptomarkt investieren.

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite ist schließlich klar: Absolute Sicherheit gibt es für Anleger nirgendwo.

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