Krypto-Kolumne

Coin & Co. – Die Krypto-Kolumne Das Blockchain-Manifest – und seine Abgründe

Um zu verstehen, was Bitcoin und Co. so erfolgreich gemacht haben, muss man die Glaubenssätze der Blockchain-Vision kennen – und ihre Abgründe.
Update: 06.05.2018 - 16:55 Uhr Kommentieren
Christoph Jentzsch, CEO von Slock.it, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Christoph Jentzsch

Christoph Jentzsch, CEO von Slock.it, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

DüsseldorfWohin steuert der Bitcoin, und mit ihm die vielen anderen Kryptowährungen? Einschätzungen, Hintergründe und Anekdoten gibt es immer freitags von den Handelsblatt-Redakteuren Astrid Dörner, Felix Holtermann und Frank Wiebe in unserer neuen Krypto-Kolumne „Coin & Co.“. Heute Teil 14: Die Hintergründe der Blockchain-Vision.

Es war ein heißer Frühlingsabend in Frankfurt. Auf Einladung des Handelsblatts diskutierten rund 100 Leserinnen und Leser über die aktuell vielleicht spannendste Zukunftstechnik, die Blockchain.

Auf der Bühne: Christoph Jentzsch, einer der versiertesten Blockchain-Experten. Der 33-Jährige hat eng mit Vitalik Buterin zusammengearbeitet, dem Schöpfer des nach Bitcoin zweitgrößten Kryptonetzwerks, Ethereum, und hat Teile des Ether-Protokolls geschrieben. Heute lebt der Vater von fünf Kindern nicht mehr in der Start-up-Hauptstadt Berlin, schon gar nicht im Schweizer „Krypto-Valley“ Zug, sondern wieder in seiner sächsischen Heimatstadt Mittweida. Ein Vordenker ist er geblieben.

Lebhaft berichtet Jentzsch von den anarchischen Anfängen der Krypto-Szene, von Konferenzen voller Programmierer, Hacker, Militärs und Glücksritter, und von der schwindelerregenden Zukunft der Blockchain-Technik. Seine Ausführungen kennzeichnen Humor und eine kritische Distanz. Lässt man sich ein auf Jentzschs Skizze der Krypto-Szene, wird klar: So unterschiedlich die Hintergründe auch sind, den harten Kern der Enthusiasten eint ein festes Gedankengebäude.

Auch wenn die Krypto-Szene gewachsen ist (allein an Ethereum-Anwendungen arbeiten 200.000 Programmierer) und heute die unterschiedlichsten Interessen vereint – die Ursprungsvision bleibt wirkmächtig. Im Zentrum stehen fünf Glaubenssätze.

1. Die Blockchain-Zukunft ist dezentral
Ob Banken, Notenbanken, Notare, Register, Kataster, Großkonzerne, oder in letzten Konsequenz auch staatliche Gebilde: Zentrale Strukturen sind überholt und zu überwinden. Ihre Funktion als Mittler des gesellschaftlichen Zusammenlebens übernimmt die dezentrale Blockchain-Datenbank.

2. Die Blockchain-Zukunft ist eigenverantwortlich
In der Blockchain verfügen alle Nutzer frei über ihre Daten und Besitztümer. Da sie diese eigenmächtig verwalten, sind sie auch allein für ihren Schutz verantwortlich. Ein Programmierfehler, ein falscher Tastendruck – und ein Vermögen oder eine Datensammlung sind unwiederbringlich verloren. Externe Hilfe ist nicht zu erwarten.

3. Die Blockchain-Zukunft basiert auf Codes
Das Zusammenleben in der Blockchain regeln keine Gesetze, sondern Programmcodes. Auf Englisch klingt der Glaubenssatz besonders einprägsam: „Code is Law“. Da der Code universell gültig ist, mathematisch bewiesen und kryptographisch abgesichert, entkommt niemand seiner Macht. Updates, nicht Revolutionen, sorgen für den nötigen Fortschritt.

4. Die Blockchain-Zukunft wird von Programmierern beherrscht
Während in der alten Welt Politiker, Polizisten und Gerichte das gesellschaftliche Miteinander regelten, sind es im Krypto-Universum die Programmierer. Sie schreiben den Code, sie beraten bei Streitfragen, sie kennen die Zukunft. Die besten Programmierer werden zu Legenden, wie Satoshi Nakamoto, oder zu Institutionen, wie Vitalik Buterin.

5. Die Blockchain-Zukunft ist demokratisch
Da es keine zentralen Institutionen und Entscheidungsinstanzen mehr gibt, halten die Bürger der Blockchain-Gesellschaft die vollständige Macht über ihre Daten, ihre Besitztümer und ihr Schicksal in den Händen. Mittels Abstimmungen innerhalb der Blockchain entscheiden sie über die Zukunft des Gesamtsystems.

Christoph Jentzsch kennt die Blockchain-Szene wie kaum ein anderer. Als Aktivist der ersten Stunde kann er in atemberaubendem Tempo die Vision der Krypto-Gemeinde herunterbeten. Als im ersten Anlauf gescheiterter Firmengründer kennt er aber auch ihre Abgründe.

So hat Jentzsch nach seiner Arbeit am Ethereum-Protokoll 2016 das erste rein virtuelle, blockchain-basierte Unternehmenskonzept entwickelt. Der Name: „DAO“ („digitale autonome Organisation“). Ein virtueller Börsengang (ICO) sammelte 150 Millionen Dollar ein, um die Idee umzusetzen, – und scheiterte krachend, als ein Hacker einen Codefehler ausnutzte und kurzzeitig Millionen Coins entwendete. Jentzsch ließ sich davon nicht entmutigen. Heute arbeitet sein Unternehmen Slock.it an der Vernetzung von Maschinen auf Blockchain-Basis, an autonom zahlenden Autos, Drohnen und Robotern. Jentzsch berät die Bundesbank – und benennt offen die Abgründe der hehren Vision.

„Enthusiasten nennen die Blockchain gerne demokratisch. Aber eigentlich ist sie plutokratisch“, mahnt er zum Beispiel. Will heißen: Über die Zukunft des Krypto-Universums entscheidet nicht die Mehrheit der Nutzer, sondern eine kleine Kaste, etwa die Besitzer großer Coin-Vermögen. „Das muss sich ändern“, sagt Jentzsch. „Und noch einiges mehr.“

Bei aller kritischer Distanz – in einem Punkt ist Christoph Jentzsch ganz auf Linie mit den Krypto-Visionären: Trotz ihrer Abgründe sei die Grundidee schlicht genial und werde sich durchsetzen. Und die nächsten Updates der Blockchain stünden bereits in den Startlöchern.

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