Krypto-Kolumne
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Die Mehrheit der rund 200 befragten Führungskräfte von Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern sieht ICOs sehr kritisch.

(Foto: dpa)

Coin & Co: Die Krypto-Kolumne Deutsche Finanzbranche ruft nach ICO-Regulierung

Wenn die Finanzindustrie selbst nach Vater Staat ruft, muss wirklich etwas im Argen liegen. Eine Studie zeigt, wie kritisch Top-Banker virtuelle Börsengänge sehen.
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DüsseldorfWohin steuert der Bitcoin – und mit ihm die vielen anderen Kryptowährungen? Einschätzungen, Hintergründe und Anekdoten gibt es jede Woche von den Handelsblatt-Redakteuren Astrid Dörner, Felix Holtermann und Frank Wiebe in unserer Krypto-Kolumne „Coin & Co.“. Heute Teil 30: Warum die Finanzindustrie selbst nach stärkerer Aufsicht ruft.

Es war die Nachricht der Woche im Krypto-Reich: Der größte deutsche virtuelle Börsengang ist krachend gescheitert. Erstmals klagen Anleger auf die Rückabwicklung eines sogenannten ICOs.

Der Skandal um das Berliner Start-up Envion, das Millionen mit dem umweltfreundlichen Schürfen von Bitcoin und Co. verdienen wollte, hat damit eine neue Ebene erreicht – und könnte Folgen für das gesamte ICO-Business haben. Die neue Art der Start-up-Finanzierung, bei der Firmen Tokens statt Aktien ausgeben, gerät immer stärker in die Kritik.

Wie skeptisch die deutsche Finanzbranche inzwischen auf ICOs blickt, zeigt eine am Freitag veröffentlichte Untersuchung des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, die dem Handelsblatt vorab vorlag. Die Mehrheit der rund 200 befragten Führungskräfte von Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern sieht ICOs demnach sehr kritisch.

  • Über 58 Prozent der Befragten stufen „Initial Coin Offerings“ (ICOs) als riskant ein, nur knapp 12 Prozent sehen eher Chancen für den Finanzplatz Deutschland.
  • Über 70 Prozent der Top-Manager sprechen sich für eine stärkere Regulierung des ICO-Markts aus, analog zur Aufsicht bei klassischen Börsengängen (IPOs). Nur knapp 22 Prozent lehnen das ab.
  • Knapp 60 Prozent wünschen sich eine aktivere Rolle der Finanzaufsichtsbehörde Bafin bei Kryptowährungen und ICOs. Immerhin 36 Prozent lehnen eine Bafin-Einmischung ab.

Wie deutlich der Ruf nach Vater Staat ausfällt, ist beeindruckend, schließlich ist die Finanzindustrie üblicherweise nicht für ihre Regulierungsfreude bekannt.

„Ich war selbst überrascht, dass das Ergebnis so eindeutig ausgefallen ist. Die Branche sieht offenbar klar die Risiken, die vom ICO-Markt ausgehen“, sagte Professor Volker Brühl, der die Befragung geleitet hat, dem Handelsblatt. „ICOs sind aktuell Teil des grauen Kapitalmarkts. Da dieser weitgehend unreguliert ist, können Tokens auch von unseriösen Emittenten ausgegeben werden.“

Alle Vorschriften, die für klassische Börsengänge gelten, würden bei ICOs nicht angewandt. „Es gibt keine Due-Diligence-Prüfung der Risiken eines Vorhabens, keine Überprüfung des Geschäftsmodells, keine Garantie, dass die emittierende Firma nicht bloß eine leere Hülle darstellt“, kritisiert der Ökonom mit Blick auf die sich häufenden Anlegerskandale.

Der Beliebtheit von ICOs tun Fälle wie der von Envion aktuell keinen Abbruch. Jeden Monat gehen über 100 neue Projekte an den Start. Steckten Investoren 2017 rund sieben Milliarden Dollar in virtuelle Börsengänge, waren es allein im ersten Halbjahr 2018 bereits 13,7 Milliarden. Und Deutschland, insbesondere Berlin, wird auf Branchenmessen immer häufiger als guter Standort genannt – insbesondere aufgrund laxer Regulierung.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“

„Der Markt wird derzeit von ICOs regelrecht überschwemmt. In Deutschland sehen wir hier zwar erst die Anfänge, aber die Welle neuer Tokens wird bald auch Deutschland erfassen“, befürchtet Volker Brühl.

„Die Umfrage verdeutlicht, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Es bedarf eines klaren regulatorischen Rahmens mit einem entsprechenden Mandat für die Finanzaufsicht.“ Erst dann könne sich die spannende ICO-Grundidee durchsetzen, eine Start-up-Finanzierung auf Graswurzelbasis abseits klassischer Kredit-, Beteiligungs- und Fördertöpfe zu etablieren.

„ICOs sind ohne Zweifel eine Innovation für die Finanzindustrie mit erheblichem Potential“, meint Hubertus Väth, Geschäftsführer des Branchenverbands Frankfurt Main Finance, der die Befragung mitfinanziert hat. „Der Wunsch der Branche nach stärkerer Regulierung ist der verständliche und begrüßenswerte Wunsch, dieses Potential zu nutzen und zugleich die Risiken im Griff zu behalten“, kommentiert er salomonisch.

Fraglich ist nur, wie genau eine solche ICO-Regulierung aussehen soll. Auffällig ist, dass sich zwar 70 Prozent der Manager für mehr Regulierung aussprechen, aber nur 60 Prozent hier die Bafin in der Pflicht sehen, 36 Prozent die Behörde sogar außen vorlassen wollen.

Das kann zweierlei heißen: Entweder, die deutsche Finanzaufsicht genießt kein großes Vertrauen, da sie den Bereich bisher zu wenig beackert hat, wie etwa Volker Brühl kritisiert. Oder die Branche fürchtet sich vor einer Überregulierung, sollten die Bonner Aufseher schlussendlich aufwachen.

Klar ist: An eine erfolgreiche Selbstregulierung durch die Finanzbranche glaubt weniger als die Hälfte der Führungskräfte. Die Frage, ob angesichts des Betrugsrisikos von ICOs auf unregulierten Onlineplattformen die etablierten Börsenbetreiber eigene Handelsräume für Coins und Tokens als sichere Alternative entwickeln sollten – wie es zuletzt die Börse Stuttgart angekündigt hat – bejaht nur 49,6 Prozent der Befragten. Knapp 39 Prozent sprechen sich dagegen aus, knapp zwölf Prozent enthalten sich.

Problem erkannt – Lösung ausstehend: So lässt sich die Sicht der deutschen Finanzindustrie auf den wilden ICO-Markt im Sommer 2018 zusammenfassen.

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