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Kryptowährungen Was vom Bitcoin-Hype bleibt

Kryptowährungen haben manche reich gemacht, andere arm. Drei Menschen erzählen, wie sie Boom und Absturz erlebt haben – und warum sie weitermachen.
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Anfangs eine technologische Spielerei, entwickelte sich gerade um Bitcoin ein quasireligiöser Kult, dessen Anhänger das Ende des Geld- und Wirtschaftssystems nahen sahen. Quelle: Bloomberg
Kryptowährung Bitcoin

Anfangs eine technologische Spielerei, entwickelte sich gerade um Bitcoin ein quasireligiöser Kult, dessen Anhänger das Ende des Geld- und Wirtschaftssystems nahen sahen.

(Foto: Bloomberg)

Berlin, KölnRobert Küfner ist Anfang 20, als er Bitcoin entdeckt. „Ich hab mein Fahrrad verkauft, ein paar Klamotten. Und zweieinhalb Jahre lang im Auto gelebt“, erzählt er. 2010, lange bevor der Kryptowährungshype beginnt, schürft er selbst Bitcoin. „Die Geburt Jesu Christi, die Französische Revolution, Bitcoin: Das ist die Geschichte der Menschheit“, sagt Küfner. An seiner rechten Hand trägt er einen goldenen Siegelring mit Bitcoin-Logo.

12.000 Kilometer entfernt, in einer Strandbar auf Bali, hat Michael Buddeweg sein Handy auf sein Gesicht gerichtet. Der 32-Jährige nimmt Videos für seinen Youtube-Kanal auf. Als „Ashtanga-Yogi“ doziert er eigentlich über gesunde Ernährung und Spiritualität. „Budde“, wie er sich selbst nennt, spricht aber auch über Geld – und damit seine Erfahrung mit Bitcoin. „Über eine halbe Million Verlust durch Kryptowährungen“ heißt sein meistgeklicktes Video.

In Bayern, nicht weit entfernt vom Starnberger See, erstellt Katharina Gehra in ihrem Büro dreidimensionale Grafiken, die zeigen, wie Nutzer von Kryptowährungen interagieren. In Computerbildern, die an moderne Kunst erinnern, symbolisiert jeder Punkt, jede Linie einen Coin. Früher arbeitete die Gründerin von Immutable Insight bei der Commerzbank, heute berät sie Unternehmen zur Blockchain. „Wir produzieren 100 Prozent verlässliche Daten. Kein Hype, kein Gerede“, sagt sie.

Küfner, Buddeweg und Gehra gleichen sich nicht in vielem – nur darin, dass der Boom und Absturz der Kryptowährungen im vergangenen Jahr ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Anfangs eine technologische Spielerei, entwickelte sich gerade um Bitcoin, die bekannteste der Währungen, ein quasireligiöser Kult, dessen Anhänger das Ende des Geld-, ja, des ganzen Wirtschaftssystems nahen sehen.

Der Mythos um seinen anonymen Gründer, Satoshi Nakamoto genannt, tat ein Übriges, um Anlegern das Gefühl zu geben, bei etwas ganz Besonderem dabei zu sein. „Bitcoin ist als Blueprint für eine neue Wirtschaft gestartet. Als Bewegung“, sagt Küfner.

Süchtig nach schnellen Gewinnen

Ab 2014 strömen Anleger tatsächlich auf die Kryptobörsen wie Gläubige in eine Kirche: Wer sich Ende 2010 für zehn Cent einen Bitcoin kauft, hält im Dezember 2017 17.000 Euro. Doch dann überhitzt der Markt, Panik bricht aus, auch vor Regulierung. In wenigen Monaten verliert der Coin 85 Prozent seines Höchstwertes, rund 600 andere Kryptowährungen gehen denselben Weg.

Der 30-Jährige bezeichnet sich selbst als Krypto-Evangelisten. Schon 2010 begann er, Bitcoin zu schürfen. Quelle: Advanced Blockchain
Robert Küfner

Der 30-Jährige bezeichnet sich selbst als Krypto-Evangelisten. Schon 2010 begann er, Bitcoin zu schürfen.

(Foto: Advanced Blockchain)

Der Absturz von Bitcoin allein verbrennt rund 500 Milliarden Euro, doch auch das scheint nicht das Ende des Nervenspiels zu sein: In den vergangenen drei Monaten bis Mai 2019 hat sich der Bitcoin-Preis wieder auf mehr als 7000 Euro verdoppelt. Wie stehen die, die alle Hochs und Tiefs miterlebt haben, heute zu Kryptowährungen? Gibt es ein Leben nach dem Hype?

Robert Küfner sitzt in einem Kölner Café, schwarze Jeans, schwarzer Hoodie, schwarze Lederjacke. Er erzählt von einem Freitag im Jahr 2010, an dem er einen Artikel über Bitcoin liest. „Wir haben das Wochenende durchgemacht. Am Montag war es dann, als hätte der liebe Gott einen Schalter umgelegt.“ Küfner tauscht fast all seinen Besitz gegen leistungsstarke Hardware, um die Coins zu „schürfen“, gründet dafür wenig später mit zwei Freunden seine erste Firma, Nakamo.to. Er betreibt Netzwerke, vermietet ganze Rechenzentren, sogenannte Mining-Farmen, um die Coins zu generieren. Bitcoin macht ihn reich.

Zu den ersten Käufern der Bitcoins von Minern wie Küfner gehört Michael Buddeweg. Der 32-Jährige ist ausgebildeter Fluglotse, arbeitet am Frankfurter Flughafen, spielt ab und zu online Poker. „Ich war halt ein PC-Nerd“, sagt er. 2015 kauft er erstmals zwei Bitcoins, damals für 400 Euro. Auf die Idee bringt ihn ein Schulfreund, der einen Drogenumschlagplatz im Darknet betreibt – und später dafür im Gefängnis landen wird.

Genau wie Kryptowährungen verspricht jener versteckte Teil des Internets größtmögliche Anonymität, schafft aber auch unregulierten Raum für Geschäfte mit Drogen, Waffen oder Auftragskillern. „Ich hab mir damit ab und zu ein bisschen Gras bestellt im Darknet“, sagt Buddeweg über seinen ersten Kontakt mit der Kryptowelt. Gleichzeitig verdient er gut, will klug anlegen, kauft sich neben Kryptowährungen zur Sicherheit auch mal einen Goldbarren.

Als er einige Monate später in der Zeitung liest, dass der Bitcoin bei 6 000 Euro steht, ist er wieder „übelst angefixt“. Er investiert, wird reich und reicher, verdient mal 20.000, mal 50.000 Euro „in sieben Stunden Schlaf“. Damals ist er sich sicher: „Das ist ein Zeichen vom Universum.“ Heute sagt er: „Ich war süchtig nach dem Gezocke.“

Robert Küfner ist da schon eine Berühmtheit der Szene. Er zieht in die „Krypto-WG“, in der er mit seinen Mitgründern an Nakamo.to arbeitet. Sogar seinen Hund benennt Küfner nach dem Bitcoin-Gründer. Die Unternehmer investieren selbst in Kryptowährungen, entwickeln aber auch Software, um noch effizienter zu handeln. Als die Konkurrenz größer wird, auch von unseriösen Anbietern, sinken die Margen. Küfner beginnt, seine Energie in die Weiterentwicklung der Blockchain zu stecken, die Technologie, die Bitcoin ermöglicht.

Katharina Gehra ist schon seit dem Studium an der London School of Economics auf Währungstheorien spezialisiert. Nach dem Studium arbeitet sie einige Jahre lang bei der Commerzbank in Frankfurt, wird Vorstandsreferentin, später beruft sie die Kommunalkredit Austria AG in den Aufsichtsrat, dann die Fürstlich Castell’sche Bank. Von Kryptowährungen ist sie anfangs fasziniert, „weil ich plötzlich alle Modelle durchrechnen kann. Einfach alle Daten sind in der Blockchain. Das war genial.“

Trotzdem machen Bitcoin sie skeptisch: Denn deren Anzahl ist begrenzt, wenige Anleger halten zum Teil riesige Beträge, was die Währung „extrem anfällig für Spekulation und Marktschocks“ machte. Menschen wie Buddeweg und Küfner nennt Gehra die „erste Generation Blockchain“: „Die hatten diese ‚get rich fast‘-Mentalität.

Das sind die, die über ICOs auf einmal Geld einsammeln konnten“ – die sogenannten „Initial Coin Offerings“, begrifflich angelehnt an Börsengänge (IPO), nur ohne die störende Regulierung. Damals habe „jeder Glücksspieler irgendein ICO“ gemacht“. Gehra spürt, dass etwas nicht stimmt. „Die Frage war nie, ob die Blase platzt, sondern immer nur, wann.“

Der „Ashtanga-Yogi“ betreibt einen YouTube Channel. Sein meistgeklicktes Video heißt „Über eine halbe Million Verlust durch Kryptowährungen“. Quelle: Instagram Screenshot
Michael Buddeweg im Video

Der „Ashtanga-Yogi“ betreibt einen YouTube Channel. Sein meistgeklicktes Video heißt „Über eine halbe Million Verlust durch Kryptowährungen“.

(Foto: Instagram Screenshot)

Im Januar 2018 ist es dann so weit. Innerhalb von elf Tagen halbiert sich der Wert des globalen Kryptomarkts, in einem Jahr fällt der Bitcoin von 17.000 auf unter 3000 Euro. Buddeweg, dessen Depot im Dezember 2017 noch fast eine halbe Million Euro wert ist, bekommt das anfangs kaum mit. Zu dem Zeitpunkt arbeitet er noch am Frankfurter Flughafen, macht viel Yoga, bereitet sich auf die anstehende Ausreise nach Indien und später Bali vor.

Zuerst verdrängt Buddeweg das Problem, schaut wochenlang nicht in sein Portfolio. Erst Monate später beginnt er zu erzählen. Als er sein Video aufnimmt, sitzt er auf einer Veranda auf Bali: weißes Unterhemd, seine Haut braun gebrannt, die blonden Haare locker zusammengebunden. Trotzdem sieht man ihm die Anspannung der vergangenen Monate an, er hat Augenringe, wirkt müde. „Jetzt rede ich da so halbwegs locker drüber, fühle auch gar nicht mehr so viele Schmerzen.“

Aber er erinnert sich auch an Schweißausbrüche, Panik, schlaflose Nächte. „Ich habe mich verzockt, habe nicht sorgfältig genug vorausgeschaut.“ Im Februar geht die Firma hinter einem Coin pleite, eine Börse betrügt ihn später bei der Verifizierung, seine restlichen Coins fallen um 95 Prozent. „Das war die blanke Angst“, sagt er. Als Yogi ist er geübt darin, Kognitives und Emotionen zu trennen: „Ich wusste: Es ist nur Geld. Das ist nicht akut lebensbedrohlich. Aber deine Emotionen sind stärker.“ Im Rückblick weiß er: „Yoga hat mir dabei wirklich sehr geholfen.“

Was Buddeweg so sehr ins Wanken bringt, tangiert Küfner, so sagt er zumindest, kaum. „Das war halb so wild. Ich hatte das schon geahnt. Daher hab ich die Coins rechtzeitig abgestoßen.“ Als Zahlungsmittel hält er Bitcoin für ungeeignet, Verluste von Menschen wie Buddeweg gehören für ihn zum System: „Jede Revolution hat ihre Bauernopfer.“

„Abchillen im Universum“

Buddeweg will die Erfahrung trotzdem nicht missen: „Es war unfassbar krass, aber es war ein Riesengewinn für mich an mentaler Entwicklung.“ Denn: „Ich musste eben lernen, mit dieser Gier umzugehen.“ Im Juni 2018 ist der schlimmste Kursverfall bereits vorüber. Buddeweg macht sich auf den Weg nach Bali, reist über Indien. „Traumjob gekündigt für Yogareise“ heißt sein erstes Youtube-Video. Es folgen Episoden wie „Verändere dich selbst und du veränderst die Welt!“ und „Abchillen im Universum“.

Gehra ist Mitbegründerin und CEO der Firma „Immutable Insight GmbH“, ein Blockchain-Analysehaus, das komplexe Physik und Mathematik auf die Ethereum Blockchain anwendet. Quelle: Oliver-Betke
Katharina Gehra

Gehra ist Mitbegründerin und CEO der Firma „Immutable Insight GmbH“, ein Blockchain-Analysehaus, das komplexe Physik und Mathematik auf die Ethereum Blockchain anwendet.

(Foto: Oliver-Betke)

Buddeweg wird zum Lebenscoach, versucht, die Erfahrung des Absturzes zu verarbeiten: „Was machen mit dem Schmerz? Annehmen, fühlen und loslassen ... Es ist nur Geld.“ So rät er es seinen Followern. Jeden Morgen macht er zwei Stunden Yoga und lernt, die Hang-Trommel zu spielen, ein Instrument, das wie ein großer Wok aussieht.

Menschen wie Buddeweg und Küfner gebe es zu Tausenden in der Kryptowelt, sagt Katharina Gehra. „Wenn der Wert von etwas nur darauf beruhen würde, dass irgendwelche Propheten sonst was erzählen, dann sind wir bei den Sekten – nicht an einem funktionierenden Markt.“ Erst als sich der Markt lichtet, gründet Gehra selbst.

Was wirklich bleibt vom Kryptoboom, ist die Technologie, darin sind sich Buddeweg, Küfner und Gehra einig. Distributed-Ledger-Technologie, die Blockchain, smarte Verträge: All das basiert auf Blöcken von Daten, die durch kryptografische Verfahren miteinander verkettet sind, mit Zeitstempel und Daten über alle Transaktionen. Diese Technologien sind fälschungssicher, nicht manipulierbar. Bitcoin ist nur eine der vielen Anwendungen, die so ermöglicht wurden.

Küfner ist der Sprung von der ersten in die zweite Generation gelungen. Nakamo.to gehört heute der Advanced Blockchain AG, mit der er große Unternehmen, etwa einen großen Automobilhersteller, berät, wie sie diese Technologien für sich nutzen können. Nebenher verkauft er Bitcoin-Shirts und sein Buch „Das Krypto-Jahrzehnt“. Ob er selbst heute noch mal Bitcoin kaufen würde? „Auf keinen Fall.“ Er ist aber froh um die Turbulenzen der Vergangenheit: „Der Geist ist aus der Flasche. Hätte es den Hype um Bitcoin nicht gegeben, wäre das Bewusstsein für die Technologie nie so aufgekommen.“ Na ja, und reich gemacht hat er Küfner auch.

Gehra führt nun ein Blockchain-Analysehaus, gegründet hat sie es mit einem Physiker, der Algorithmen entwickelt hat, um komplexe Physik und Mathematik auf die Ethereum-Blockchain anzuwenden. Mithilfe der so generierten Daten berät die Firma Unternehmen im Kryptobereich und in der Industrie. „Ob am Ende eine Kryptowährung überlebt, weiß niemand. Aber die Technologie dahinter, die Blockchain, wird bleiben.“

Ihr Unternehmen berät Kunden bei Kryptoinvestments oder anderen Blockchain-Anwendungen – und spricht auch vor dem Bundestag, um durch die Technologie Geldwäsche und Betrug einzudämmen. „Wir machen wissenschaftliche, 100-prozentig verlässliche Analysen. No Hype“, sagt die Ex-Bankerin. „Wir nehmen die Echtdaten der Blockchains, und darauf erarbeiten wir unsere Analysen.“

Selbst Buddeweg ist vom Glauben an die Technologie nicht abgefallen: „Der Erfolg kommt früher oder später, exakt wenn wir bereit dafür sind“, postet er, versehen mit den Hashtags #millionär #reichtum #geldverdienen. Buddeweg lebt jetzt wieder in Deutschland und will Unternehmer werden. Seine Bitcoins hat er nie verkauft, die Preisrally der vergangenen Monate immerhin gibt ihm recht. „Ich habe mir geschworen, alles zu behalten. Bis ich mir von meinen Bitcoins dann ein Haus kaufen kann.“

Mehr: Nach dem langen „Kryptowinter“ folgt eine Kursrally: Der Bitcoin klettert auf ein Jahreshoch und trotzt damit der schlechten Weltkonjunktur.

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