Dollar-Kette

Gefürchtete Übermacht der US-Währung.

(Foto: Photographer's Choice RF/Getty Images)

Leitwährung Wie der Dollar seine dominante Rolle an den Euro verlieren könnte

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker will die Stellung des Euros stärken. Ökonomen glauben, dass dies gelingen kann.
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FrankfurtDer Chef der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, hat ein ehrgeiziges Ziel. Er will die internationale Rolle des Euros stärken und ihn zur weltweiten Leitwährung machen. „Der Euro muss das Gesicht und Werkzeug der neuen europäischen Souveränität werden“, sagte er vor einigen Wochen vor dem Europaparlament. Das ist in erster Linie eine Kampfansage an den übermächtigen Dollar.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der US-Dollar die weltweite Leitwährung. Derzeit führt US-Präsident Donald Trump dem Rest der Welt jedoch vor Augen, wie verletzlich andere Länder durch ihre Abhängigkeit von der amerikanischen Währung sind.

Das Atomabkommen mit dem Iran, das die USA aufgekündigt haben und die EU erhalten will, ist dafür nur ein Beispiel. Europäische Unternehmen können sich den Sanktionen daher kaum entziehen. Der aggressive Kurs der USA in Handelsfragen bringt auch China dazu, nach Alternativen zum Dollar zu suchen.

Dessen Übermacht ist bedroht. „Im Laufe der Zeit wird der Dollar seine internationale Rolle mit anderen Währungen teilen“, sagt der US-Ökonom Barry Eichengreen dem Handelsblatt. Die Welt werde multipolarer und damit auch das Währungssystem. „Wie schnell das passiert, hängt von der Politik ab – sowohl von der Politik von Herrn Trump als auch von der Politik in Europa.“

Adam Posen, der das Washingtoner Peterson Institute for International Economics leitet, sagt: „Wenn die USA ihr Privileg als zentrales Finanzsystem überstrapazieren oder missbrauchen, wird der Tag kommen, an dem es Alternativen gibt.“

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Noch ist die Dominanz des Dollars erdrückend. Ende 2017 lag sein Anteil an den weltweiten Devisenreserven bei 63 Prozent – der Euro kam lediglich auf 20 Prozent. Bei Anleihen, die in einer anderen als der jeweils heimischen Währung ausgegeben werden, lag das Verhältnis bei etwa 62 gegenüber 23 Prozent. Bei Fremdwährungskrediten lag das Verhältnis bei 56 zu 23 Prozent. Und auch der Anteil des Dollars am weltweiten Devisenmarkt ist mit 43,8 Prozent weitaus größer als der des Euros mit knapp unter 16 Prozent. Dazu trägt bei, dass Währungen oft nicht direkt gegeneinander, sondern über einen Zwischenschritt beim Dollar gehandelt werden.

Auch im Welthandel ist der Dollar das Schwergewicht. Hierzu gibt es kaum umfassende Daten, aber zum Beispiel importieren die EU-Länder als Block betrachtet zu gut 60 Prozent in Dollar, exportieren allerdings zu fast der Hälfte in Euro. Speziell bei Öl und Ölprodukten ist die Dominanz des Dollars noch erheblich größer. Dabei hat die Bedeutung der USA im weltweiten Handel seit Ende des Zweiten Weltkriegs dramatisch abgenommen: Nur etwa elf Prozent der weltweiten Exporte und 17 Prozent der Importe entfallen heute noch auf die USA.

Die Strukturen verändern sich

Im Handel ist die Bereitschaft, aber auch die Chance, den Dollar zurückzudrängen, relativ groß. So wollen die Europäer als Reaktion auf die Iransanktionen der USA eine Zweckgesellschaft gründen, die zumindest einen Teil des Irangeschäfts abwickeln soll, ohne dass die Handelspartner mit dem amerikanischen Finanzsystem in Berührung kommen.

Auch im Rohstoffhandel könnten Lieferverträge umgestellt werden. So will zum Beispiel auch Russland, das zu den wichtigsten Energielieferanten Europas zählt, seine Abhängigkeit vom Dollar reduzieren. Lieferverträge für Öl und Gas könnten daher auf Euro umgestellt werden. China, der weltweit größte Ölimporteur, möchte mehr Lieferungen in seiner eigenen Währung statt in Dollar bezahlen.

Eine stärkere Verschiebung im Handel dürfte auch zu Veränderungen auf den Kreditmärkten führen. „Wenn Unternehmen Fremdwährungskredite aufnehmen, dann sollten sie das in der Währung tun, in der sie auch Einkünfte haben“, sagt IfW-Ökonom Stefan Kooths.

Bis sich das weltweite Finanzsystem vom Dollar löst, muss aber noch mehr passieren. Kooths sieht das größte Problem des Euros darin, dass es „bei internationalen Investoren Zweifel gibt, ob er in seiner heutigen Form langfristig Bestand hat.“ Zwar hat vor allem die Europäische Zentralbank bisher mit Erfolg den Währungsraum zusammengehalten. Doch die neuen Probleme in Italien tragen nicht dazu bei, die Skepsis der Anleger zu beseitigen.

Auf den ersten Blick überraschend: Ein Problem ist auch, dass die Euro-Länder insgesamt deutlich weniger Schulden als die USA machen. Denn dadurch stehen Investoren weniger Staatspapiere zur Verfügung. Außerdem ist der Markt für Staatsanleihen im Euro-Raum zersplittert in seine nationalen Untergruppen mit jeweils eigener Bewertung.

Vor allem China und Japan halten riesige Bestände an US-Staatsanleihen. „China investiert auch deshalb in amerikanische Staatsanleihen, weil es keine Alternativen gibt. Der Markt für Euro-Anleihen ist zu klein“, sagt Max Hanisch, Ökonom vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Umstritten ist die Frage, welche Rolle das große Leistungsbilanzdefizit der USA spielt, also die Tatsache, dass das Land deutlich mehr Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert. Klar ist: Das Land einer Leitwährung kann sich leichter verschulden. Es hat quasi unbegrenzte Möglichkeiten, Kredit zu erhalten. Der Amerikaner Posen glaubt sogar, dass es Wirtschaft und Währung der Euro-Zone stärken würde, wenn sie mehr zu einer konsumgetriebenen Wirtschaft mit höherem Leistungsbilanzdefizit umsteuert.

Kooths hält dagegen: „Sich billiger im Ausland verschulden zu können ist Folge, nicht Voraussetzung für eine Reservewährung.“ Übermäßige Staatsverschuldung könne die Rolle einer Währung als internationales Reservemedium infrage stellen. Gefährlich für das gesamte Finanzsystem wäre heute ein plötzlicher Einbruch des Vertrauens in den Dollar. Würden Investoren den Glauben an US-Staatsanleihen verlieren, gäbe es so schnell keinen Ersatz.

Eine Änderung der Kräfteverhältnisse im internationalen Währungssystem hätte vermutlich auch Folgen für die Wirtschaftsstruktur. „Würde der Euro dem Dollar den Rang ablaufen, wäre er bei internationalen Investoren stärker gefragt und würde tendenziell aufwerten“, sagt DIW-Ökonom Hanisch. Unter dem Strich wären die Auswirkungen für den Euro-Raum aus seiner Sicht wahrscheinlich positiv, allerdings könne es auch Länder geben, die eher verlieren.

Tendenziell schwäche die Euro-Aufwertung den Exportsektor, dessen Waren sich im Ausland verteuern würden. Auf der anderen Seite würde es dadurch für die Euro-Länder leichter, sich zu verschulden. „Ihr enormes Handelsdefizit können die USA nur finanzieren, weil der Dollar die weltweite Leitwährung ist“, sagt Hanisch.

Barry Eichengreen erwartet einen ähnlichen Effekt: Der Leitwährungsstatus sei positiv für den Finanzsektor und die Finanzstabilität des betroffenen Währungsraumes, würde aber den Produktionssektor dort moderat belasten, meint er.

 Das bedeutet: Wenn sich das Kräfteverhältnis hin zum Euro verschiebt, würde Europa wahrscheinlich von seiner Struktur her eher so aussehen wie heute Amerika. Aber der Weg dahin ist weit.

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