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Lira auf Talfahrt Türkische Finanzmärkte stehen nach Rauswurf von Notenbankchef unter Druck

Die Absetzung des türkischen Notenbankpräsidenten durch Staatspräsident Erdogan verschreckt Investoren und belastet den Kurs der türkischen Lira.
Update: 08.07.2019 - 11:31 Uhr 1 Kommentar
Türkei: Lira gerät erneut unter Druck Quelle: dpa
Türkische Lira-Noten

Der Kurs der türkischen Lira steht unter Druck.

(Foto: dpa)

Istanbul Die Entlassung des türkischen Notenbankchefs versetzt Anleger in Unruhe. Der Leitindex der Istanbuler Börse verlor am Montagvormittag bis zu 1,8 Prozent. Der Ausverkauf bei Anleihen trieb die Rendite der zehnjährigen Staatstitel auf 16,4 von 15,4 Prozent.

Die Währung des Landes ging ebenfalls auf Talfahrt. Im Gegenzug verteuerten sich Dollar und Euro um bis zu 3,5 Prozent auf 5,7930 beziehungsweise 6,5364 Lira. Im Laufe des Vormittags (Ortszeit) gingen die Verluste an der Börse und bei der Lira auf ein respektive 1,8 Prozent zurück.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Wochenende Zentralbankchef Murat Cetinkaya abberufen. Sein Nachfolger werde der bisherige Vize Murat Uysal. Der spontane Rauswurf schürt Spekulationen, dass die Notenbank die Zinsen auf ihrer kommenden Sitzung Ende Juli deutlich senken werde, sagte Analyst Yusuf Kavak vom Brokerhaus Isik Securities.

Zuletzt hatte sich die Lage noch verbessert. Nach einer Währungskrise hatte die Lira seit Anfang Mai fast zehn Prozent an Wert gewonnen. Auch die Unabhängigkeit der Zentralbank war weniger in Frage gestellt worden, nachdem sie die Zinsen zuletzt konstant hochgehalten hatte.

„Bislang lief es in der Türkei in diesem Sommer etwas besser als erwartet, da die Lira relativ stabil war, Präsident Trump die Integration der russischen Raketenabwehrtechnologie in die Türkei offenbar weniger ernst nahm und die Opposition die Wiederholung von Istanbul gewann“, erläutert Dennis Shen von der Ratingagentur Scope die Lage in den vergangenen Wochen. „Der Rauswurf von Çetinkaya ist jedoch ein recht unhöfliches Zeichen dafür, dass die türkischen Institutionen in einem schlechten Zustand sind.“

In einem vertraulichen Meeting zwischen Staatschef Erdogan und Abgeordneten seiner Partei soll der türkische Präsident allerdings schon vor Wochen deutlich geworden sein. „Wir haben ihm (Cetinkaya) bei unseren Meetings zur Lage der Wirtschaft jedes Mal gesagt, dass er die Zinsen senken muss“, erzählten Insider dem Handelsblatt.

Doch Cetinkaya habe nicht getan, was der Staatschef von ihm wollte: „Wir waren nicht auf derselben Wellenlänge.“ Für Erdogan galt dabei immer das Credo: Wenn die Zinsen fallen, sinkt die Inflation. Eine umstrittene Ansicht, die allen gängigen Wirtschaftstheorien widerspricht.

Erdogan agiert immer radikaler

Der Vorgang zeigt: Die Verluste bei den jüngsten Kommunalwahlen haben Erdogan eher dazu ermuntert, radikaler zu agieren. Er will keinen Zweifel daran lassen, wer die Macht im Staat hat. Unabhängig davon, wer die Zentralbank in Zukunft führt, dürfte die Geldpolitik des Landes künftig eher an die politischen Erwartungen als an ökonomische Fundamentaldaten geknüpft sein.

Der neue Gouverneur Uysal ist ein Kind der Bankenbranche. Der Volkswirt erwarb seine Abschlüsse an der Istanbuler Marmara-Universität, bevor er 1998 seine Karriere bei verschiedenen türkischen Banken startete, unter anderem bei Tochterfirmen der staatlichen Halkbank. Im Juni 2016 wurde er zum Vize-Gouverneur der Notenbank berufen - kurz nachdem Çetinkaya zum Chef der Organisation aufgestiegen war.

In dieser Zeit erhöhte die Zentralbank den Leitzins in drei Schritten von acht auf 24 Prozent, um nach mehreren Konjunkturprogrammen der grassierenden Inflation und einer möglichen Überhitzung der Wirtschaft entgegenzutreten.

Der neue Gouverneur wird von Finanzexperten in Istanbul als Branchenkenner beschrieben, der „durchaus investorenfreundlich in seinem Handeln und Denken agiert“, wie ein Banker dem Handelsblatt erläutert hat. Der alte Gouverneur Çetinkaya sei demnach in den jüngsten Monaten vor allem durch äußerst unkonventionelle Maßnahmen zur Stützung der Lira aufgefallen.

So hatte er kurzzeitig den Tauschhandel zwischen Lira und ausländischen Währungen drastisch eingeschränkt, um einen Ausverkauf der heimischen Währung zu stoppen. An den Märkten hatte der Schritt für große Aufregung gesorgt und Befürchtungen genährt, die Regierung könnte Kapitalkontrollen einführen.

Klar ist: Der türkische Präsident sorgt mit der Personalie für Wirbel, fürchtet er doch derzeit Sanktionen aus den USA wegen eines möglichen Waffendeals mit Russland. „Andererseits war das Vertrauen in die Zentralbank ohnehin nicht sehr groß, da alle wussten, dass am Ende bei der Geldpolitik auch der Präsident mitredet“, sagt ein Banker aus Istanbul dem Handelsblatt. Doch trotz der zweifelhaften Schritte des Vorgängers habe dieser zumindest für ein Mindestmaß an Stabilität gestanden. „Der neue Gouverneur startet mit einer großen Hypothek.“

Der Analyst Nuret Altinbas, Inhaber des türkischen Investmenthauses Alnus Yatirim, rechnet damit, dass die Leitzinsen bis Ende des Jahres um bis zu fünf Prozentpunkte auf dann 19 Prozent sinken könnten. Seiner Meinung nach unabhängig davon, wer an der Spitze der Notenbank steht.

Er versteht die Aufregung nicht. Die Türkei sei kein Land mit einem perfekten AAA-Rating internationaler Agenturen. „Das Land muss bei einem Rating von B+ versuchen, sich weiterzuentwickeln“, meint Altinbas, wohl als Entschuldigung für unkonventionelle Entwicklungen in dem Land. Er rät zur Entspannung. „So ist halt die Türkei! Es gibt keinen Grund zur Panik.“

Mehr: Die türkische Lira wird an Wert verlieren, Investoren werden verunsichert: Erdogan sendet ein gefährliches Signal an die Märkte. Wer ihn kennt, dürfte nicht überrascht sein.

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1 Kommentar zu "Lira auf Talfahrt: Türkische Finanzmärkte stehen nach Rauswurf von Notenbankchef unter Druck"

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  • Ich als eifriger HB-Leser hätte mich bei der Überschrift natürlich über einen Link zum oder ein Bild vom aktuellen Lira zu Euro/Dollar-Kurs gefreut, just saying.