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Lirakurs fällt weiter Türkische Kommunalwahlen drohen Absturz der Lira noch zu verstärken

Analysten fürchten, dass ein für Erdogan schlechter Wahlausgang populistische Maßnahmen hervorruft – und das Investitionsklima noch mehr leidet.
Update: 29.03.2019 - 14:02 Uhr Kommentieren
Sollte die Regierungspartei bei den Kommunalwahlen schlecht abschneiden, drohen neue Turbulenzen an den Märkten. Quelle: Bloomberg
AKP-Wahlkampfplakat mit Erdogan (r.)

Sollte die Regierungspartei bei den Kommunalwahlen schlecht abschneiden, drohen neue Turbulenzen an den Märkten.

(Foto: Bloomberg)

Istanbul/DüsseldorfVor den türkischen Kommunalwahlen steigt die Anspannung der Anleger. Sollte die Regierungspartei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei den Kommunalwahlen am Wochenende schlecht abschneiden, müsse mit weiteren Lira-Verlusten gerechnet werden, sagte Commerzbank-Analyst Tatha Ghose. Seiner Meinung nach könnten die Marktverhältnisse der vergangenen Tage deutliche dauerhafte Spuren auf den Lira-Wechselkursen hinterlassen.

Experten fürchten bei einer Niederlage für Erdogan weitere populistische Maßnahmen, die das Investitionsklima zusätzlich beschädigen könnten. „Während einige der jüngsten unorthodoxen Schritte der türkischen Regierung vorübergehend sein und nach den Wahlen gelockert werden könnten, könnten andere aufrechterhalten werden“, glaubt Dennis Shen, Türkei-Analyst bei der europäischen Ratingagentur Scope.

Shen denkt dabei etwa an Maßnahmen zur künstlichen Eindämmung der Inflation und zur Stimulierung des Kreditwachstums. „Solche Zwangsmaßnahmen können die erhöhte Besorgnis ausländischer Investoren noch verstärken und die Schwankungen der Lira erhöhen.“

Für Euler Hermes, den Weltmarktführer im Kreditversicherungsgeschäft, zählt die Türkei zu den sechs Ländern, die bei einem globalen wirtschaftlichen Abschwung besonders anfällig sind. Die anderen fünf in einer Studie aufgeführten Länder sind Argentinien, Tunesien, Bahrain, Jordanien und Zypern.

Die Währung der Türkei setzte unterdessen ihre Talfahrt am Freitag fort. Im Gegenzug verteuerte sich der Dollar um bis zu zwei Prozent auf 5,6579 Lira, nachdem er bereits am Donnerstag gut vier Prozent zugelegt hatte. Der Euro legte 1,8 Prozent auf 6,3550 Lira zu.

Börsianer bezeichneten den erneuten Rückgang des Lira-Kurses als Zeichen einer Normalisierung des Devisenmarktes. Zu Wochenbeginn hatten türkische Banken auf Anweisung der Regierung ausländischen Instituten keine Lira mehr geliehen, um weitere Wetten auf einen Verfall sowie Absicherungen der Marktteilnehmer gegen den Verfall der Währung zu verhindern. Dadurch schoss der Zins für Lira-Übernachtkredite an der Londoner Börse am Mittwoch auf bis zu 1200 Prozent nach oben. Am Freitag lag er mit 23,5 Prozent wieder auf dem üblichen Niveau.

Auch die Tagesgeldsätze schwankten alleine in dieser Woche zwischen 24 Prozent und 1300 Prozent. „Der 210 Milliarden Dollar schwere türkische Markt für Schuldtitel bringt die höchsten Renditen unter den Schwellenländern, aber Teilnehmer tun sich mit der Positionierung schwer“, analysiert die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Am Anleihemarkt ist die Rendite für eine Staatsanleihe mit einer Laufzeit von zwölf Monaten mittlerweile auf einen Wert von mehr als 23 Prozent gestiegen. Vor gut einer Woche mussten sich die Investoren noch mit einer Rendite von rund 19 Prozent begnügen. Ein Sprung von vier Prozentpunkten innerhalb weniger Tage ist für Staatsanleihen ungewöhnlich.

Die Absicherungskosten für 5-jährige Staatsanleihen, um sich vor einer Insolvenz der Türkei zu schützen, hat sich auf ein Niveau von jährlich 4,5 Prozent der Anleihesumme eingependelt. Noch vor zehn Tagen lag dieser Wert bei 3,06 Prozent. Zum Vergleich: Bei griechischen Staatsanleihen mit derselben Laufzeit beträgt dieser Wert 3,47 Prozent, die Absicherung für 5-jährige deutsche Bundesanleihen kostet lediglich 0,12 Prozent jährlich.

Nach der Achterbahnfahrt an den türkischen Märkten in den vergangenen Tagen könnten demnächst sogar japanische Privatanleger den Investoren in der Türkei Probleme bereiten und für neue Turbulenzen sorgen. Denn die japanischen Händler spekulieren massiv auf einen steigenden Lirakurs gegenüber der japanischen Währung Yen. Die Zahl der Kontrakte betrug laut der Terminbörse Tokyo Financial Exchange am gestrigen Donnerstag 317.283 Stück, meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Japanische Händler lösten schon einmal Kursrutsch aus

Solch eine hohe Zahl ist eher als Kontraindikator zu sehen, wie das Beispiel vom 2. Januar 2019 zeigt. Am Tag vor dem sogenannten „Flash-Crash“, als ein plötzlicher Anstieg des Yen die Währungen weltweit auf Talfahrt schickte, hatten die Händler mit 288.563 Kontrakte deutlich weniger Long-Positionen auf die Lira im Depot. Am 3. Januar brach schließlich die türkische Währung gegenüber dem japanischen Pendant um fast zehn Prozent ein, weil die Kontrakte offenbar schnell verkauft werden mussten, um größere Verluste zu vermeiden.

Japanische Investoren gelten als besonders risikofreudig. Vor allem, weil in ihrer Heimat dank jahrelanger Nullzinspolitik kaum Rendite zu holen ist. Zum Yen hat die Lira in diesem Jahr vier Prozent verloren und notierte am Nachmittag (Ortszeit Tokio) bei 19,71 Yen pro Lira. Takuya Kanda vom Tokioter Forschungsinstitut Gaitame glaubt, die Lira könnte auf unter 18 Yen fallen.

Das glaubt auch Tetsuya Yamaguchi von Fujitomi in Tokio. „Das Risiko eines scharfen Währungsabfalls bei der Lira ist sehr hoch, weil die Regierung derzeit populistische Maßnahmen ergreift.“ Der Montag nach der Wahl könnte bereits zu spät sein.

„Ausländische Investoren respektieren die Maßnahmen der türkischen Administration“, meint Gaitame-Experte Kanda, „doch die jüngsten Schwankungen könnten den Kampfgeist in Spekulanten und selbst Privatinvestoren entfachen.“ Es sei unwahrscheinlich, dass die Swap-Zinssätze – eine Art Gebühr für Terminwetten auf Wertpapiere und Währungen – lange Zeit so hoch blieben. „Sobald die Zinssätze fallen, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Ausverkauf beginnt“, glaubt Kanda.

Erdogan machte auf einer Wahlkampf-Veranstaltung am Donnerstag mal wieder den Westen für die jüngsten Kursturbulenzen an der Börse verantwortlich. Die Türkei müsse den „Spekulanten an den Märkten Disziplin beibringen“. Für ihn sei die vergangene Lira-Schwäche eine US-geführte Operation des Westens gegen die Türkei. Zugleich erneuerte er seine Forderung an die Notenbank, die Inflation durch Leitzinssenkungen zu bekämpfen.

All das erinnert an ähnliche Erdogan-Aussagen im Frühjahr 2018, als damals zusätzlich die Zentralbank auf die Lager nur mit einer zögerlichen Zinspolitik reagierte. Damals nahmen das Investoren als Einladung, türkische Lira zu verkaufen. Es folgte eine heftige Abwertung der türkischen Lira, der Euro stieg auf 8,16 Lira.

Unterdessen horten Privatpersonen in der Türkei Devisen und Edelmetalle. Der türkischen Zentralbank zufolge erreichte das Volumen dieser Bestände Mitte März ein Rekordhoch von 105,74 Milliarden Dollar. Experten sehen in darin ein schwindendes Vertrauen der Türken in ihre Währung. 

Mit Material von Reuters.

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