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Rohstoffe Eklat bei Opec-Verhandlungen: Am Ölmarkt droht Chaos

Ein Streit zwischen Riad und Abu Dhabi blockiert das Ölkartell Opec – und verhindert, dass zusätzliches Öl auf den Markt kommt. Nun stehen volatile Zeiten bevor.
06.07.2021 - 17:50 Uhr Kommentieren
Die Opec ringt um einen neuen Öl-Deal - bislang ohne Erfolg. Quelle: Barry Iverson/phocal Media
Ölproduktion in Saudi-Arabien

Die Opec ringt um einen neuen Öl-Deal - bislang ohne Erfolg.

(Foto: Barry Iverson/phocal Media)

Zürich Selbst die größten Meinungsverschiedenheiten unter den Opec-Mitgliedern werden für gewöhnlich hinter verschlossenen Türen geklärt. Doch diesmal ist alles anders. Wenige Stunden vor dem für Montag angesetzten klärenden Meeting des Ölkartells trat Suhail Al Mazrouei, Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, beim US-Fernsehsender CNBC auf. Er pochte auf das „souveräne Recht“ seines Landes, mehr Öl zu fördern.

Die Replik ließ nicht lange auf sich warten: Prinz Abdulaziz bin Salman, Energieminister von Saudi-Arabien, ließ sich von Bloomberg TV interviewen. „Es ist die ganze Gruppe gegen ein Land“, sagte er. Auf die Frage, ob die Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland trotz der Opposition der Emirate die Ölförderung erhöhen werde, antwortete er: „Das können wir nicht.“

Der Umstand, dass die Energieminister zweier arabischer Staaten in TV-Interviews mit westlichen Fernsehsendern gegeneinander Stellung beziehen und teils Verhandlungsinterna öffentlich machen, zeigt: Die Stimmung innerhalb des Kartells ist auf einem Tiefpunkt.

„Die Opec plus ist in die größte Krise gestürzt seit dem Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland im vergangenen Jahr“, sagt Helima Croft, Opec-Expertin und Analystin bei der Investmentbank RBC Capital Markets.

Der von der Opec ausgelöste Ölpreis-Crash verschärfte im vergangenen Jahr die Verunsicherung an den Finanzmärkten, mitten in der Coronakrise. Nun könnte der kartellinterne Streit eine ähnliche Rolle spielen: An den Märkten geht die Angst vor Inflation um – und die Opec gießt buchstäblich Öl ins Feuer.

Denn zumindest kurzfristig erwarten viele Analysten, dass der Preis weiter steigen könnte. Zwar verbilligte sich der Preis für die Nordseesorte Brent nach einem volatilen Handelsauftakt deutlich um zwei Prozent auf 75,42 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Doch aus Sicht von Giovanni Staunovo, Ölmarktexperte bei der Schweizer Großbank UBS, gibt es kurzfristig weiteres Aufwärtspotenzial.

Der Analyst hat sein Preisziel auf 80 Dollar pro Barrel bis September angehoben. „Der Ölmarkt ist schon jetzt in einem Defizit“, sagt Staunovo. Weil das Angebot mit der steigenden Nachfrage nicht mithalte, erwartet er: „Der Rohölmarkt wird sich über den Sommer weiter verknappen.“

Ähnlich sieht das Manav Gupta, Rohstoffanalyst bei der Credit Suisse: „Ein solches Ereignis hat das Potenzial, den Ölpreis kurzfristig in Richtung 80 Dollar zu drücken.“ Damit wächst die Gefahr, dass auch die Inflationsprognosen etwa für die USA und den Euro-Raum nach oben angepasst werden müssen.

Der Ölpreis hat noch immer einen großen Einfluss auf die Teuerungsrate. Viele Experten sahen die Inflation mit fünf Prozent im Mai in den USA und 2,5 Prozent in Deutschland auf einem Höhepunkt.

Stagflationäre Tendenzen

Doch ein weiterer Anstieg der Preise könnte die Trendwende bei der Inflationsrate nach hinten verschieben. „Die Rohölrally passt gut zu dem Reflations-Narrativ an den Märkten“, sagt Ilya Spivak vom Brokerhaus DailyFX.

Im Extremfall könnte ein weiterer Anstieg die US-Notenbank Fed unter Zugzwang bringen und eine Bewegung raus aus riskanten Anlagen an den Märkten auslösen, so Spivak. Der Streit treffe die Märkte zu einem kritischen Zeitpunkt, sagt Kevin Solomon vom Broker StoneX: „Das ist nicht der beste Augenblick für stagflationäre Tendenzen.“

Spätestens ab Herbst könnte das Pendel jedoch in die andere Richtung ausschlagen: Auflösungserscheinungen innerhalb der Opec könnten dafür sorgen, dass die Mitglieder des Kartells sich nicht mehr an die Förderquoten gebunden fühlen und so viel Öl pumpen, wie sie können.

Die Experten des japanischen Vermögensverwalters MUFG halten das zwar für unwahrscheinlich. Doch es bestehe zumindest ein geringes Risiko, einer „ungeordneten Abwicklung der Förderkürzungen, der den Ölmarkt von einem Defizit in einen Angebotsüberschuss drücken könnte“. Angesichts der Unsicherheit erwarten viele Experten, dass die Volatilität am Ölmarkt deutlich zunimmt.

Bei dem Streit, der diese Marktbewegungen ausgelöst hat, geht es um technische Details des seit April 2020 gültigen Opec-Deals. In seiner aktuellen Fassung halten die 23 Opec-plus-Staaten etwa fünf Millionen Barrel Öl pro Tag zurück und sorgen damit für eine künstliche Verknappung des Marktes. Die Menge entspricht rund fünf Prozent der weltweiten Ölnachfrage. Der Deal läuft im April 2022 aus, allerdings werden die Fördermengen je nach Marktlage im Monatsrhythmus angepasst.

Als Grundlage für die individuellen Produktionsquoten der Opec-plus-Mitglieder gilt die Menge Öl, die die Länder jeweils im Oktober 2018 gefördert haben. Ein von Saudi-Arabien und Russland ausgehandelter Kompromiss sah vor, die Produktion um insgesamt zwei Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen, allerdings gestreckt über fünf Monate. Gleichzeitig soll der Deal, der die Förderbeschränkungen grundsätzlich regelt, bis Ende 2022 verlängert werden.

Außenpolitische Ambitionen

Die Emirate sperren sich jedoch gegen zwei Punkte des Kompromisses: Das Land will erreichen, dass als Berechnungsgrundlage für die Produktionsquoten nicht das Niveau von 2018 gilt, sondern von April 2020. Dadurch könnte der Golfstaat rund 0,6 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich fördern, schätzt Credit-Suisse-Analyst Gupta. Zudem wollen die Emirate auch die Verlängerung des Deals bis Ende 2022 nicht mittragen.

Dahinter stecken Ambitionen der Vereinigten Arabischen Emirate, zum zweit- oder drittgrößten Opec-Produzenten aufzusteigen. Dafür hat das Land massiv in die eigenen Produktionskapazitäten investiert und zudem eine eigene Ölsorte auf den Markt gebracht, deren Terminkontrakte an der Chicagoer Rohstoffbörse gehandelt werden.

Der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate sieht sein Land benachteiligt. Quelle: AFP/Getty Images
Suhail Al-Mazrouei

Der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate sieht sein Land benachteiligt.

(Foto: AFP/Getty Images)

Doch die Früchte der Investitionen kann das Land angesichts der seit Jahren geltenden Beschränkungen der Fördermenge nicht ernten. Daher gab es zuletzt immer wieder Gerüchte, die Emirate könnten – wie Katar – die Opec verlassen. Energieminister Al Mazrouei sagt mit Blick auf die von Saudi-Arabien und Russland eingebrachten Vorschläge: „Das ist kein guter Deal für uns.“

Experten vermuten jedoch, dass der Disput innerhalb der Opec Ausdruck eines weitergehenden Kräftemessens der beiden Regionalmächte ist. So sagt Opec-Beobachterin Croft: „In dem Streit schein es um mehr zu gehen als um Ölförderpolitik.“ Die Emirate wollten zunehmend „aus dem Schatten von Saudi-Arabien heraustreten und einen eigenen Weg in der Außenpolitik einschlagen“. Die Emirate seien etwa bei der Normalisierung der Beziehungen zu Israel in der Region vorgeprescht und hätten sich damit die Gunst der USA erworben, so Croft.
Großmächte schalten sich ein

Der Opec-Streit ist politisch heikel, daher haben sich inzwischen auch die USA eingeschaltet. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte: „Die Vereinigten Staaten beobachten die Verhandlungen der Opec plus und ihre Auswirkungen auf die globale wirtschaftliche Erholung von der Corona-Pandemie genau.“

Stabile Ölmarktbedingungen seien nötig, um die wirtschaftliche Erholung von der Pandemie anzuschieben, hieß es aus Washington. Ole Hansen, Rohstoffexperte beim Handelshaus Saxo Bank erwartet, dass große Ölimporteure ebenfalls intervenieren: „Der politische Druck von großen Konsumenten wie Indien und China wird steigen.“

Für bin Salman dürfte der Disput zur Unzeit kommen. Für den seit September 2019 amtierenden saudischen Energieminister ist es bereits die zweite große Opec-Krise unter seiner Führung. Dabei ist sein Ziel, für hohe, aber vor allem stabile Ölpreise zu sorgen. „Die Verlässlichkeit nimmt Schaden, und wichtige Ölabnehmer in Asien sind verärgert“, fassen die Analysten der DZ-Bank die Folgen des Opec-Streits zusammen.

Gegenüber Analysten von US-Banken hat der Prinz sich besorgt über zu hohe Ölpreise geäußert. Sie könnten den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern eher beschleunigen – und damit der Haupteinnahmequelle des Königreichs langfristig schaden. Das kann sich selbst ein reiches Land wie Saudi-Arabien nicht leisten. Wie in der Vergangenheit auch werden die Opec-Staaten den Weg zurück an den Verhandlungstisch finden – davon sind die meisten Experten überzeugt. Doch auf dem Weg dahin könnte der Ölpreis noch einige Kapriolen schlagen.

Mehr: Hören Sie im Podcast Handelsblatt Today: Wie sich der Ölpreis in der kommenden Zeit entwickeln könnte

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