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Rohstoffe Schwächelnde US-Produktion treibt die Ölpreisrally – und die Inflation

In den USA kommt die Ölförderung nur langsam in Gang, trotz hoher Preise. Das verschafft der Opec neue Macht – und erhöht die Verbraucherpreise in Europa.
10.06.2021 Update: 10.06.2021 - 16:54 Uhr Kommentieren
Die Preise steigen wohl auch für deutsche Autofahrer weiter. Quelle: dpa
Ölförderung in Texas

Die Preise steigen wohl auch für deutsche Autofahrer weiter.

(Foto: dpa)

Frankfurt Bei einem Preis von knapp 70 Dollar für ein Fass der amerikanischen Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) herrscht in der US-Ölindustrie für gewöhnlich Partystimmung. Doch von Euphorie sei nichts zu spüren, sagt der deutsche Manager Thomas Gutschlag, der einige Ölprojekte in den USA betreibt. „Es wird zwar wieder gebohrt, aber nur sehr vorsichtig“, so der Chef des Mannheimer Konzerns Deutsche Rohstoff AG.

„Die bestehende Produktion ist sehr profitabel“, sagt Gutschlag. Trotzdem reicht die Zahl der neuen Ölbohrungen seinen Schätzungen zufolge derzeit lediglich aus, um die US-Ölproduktion auf dem aktuellen Niveau von derzeit rund 11 Millionen Barrel (rund 159 Liter) pro Tag zu halten. „Der Schock aus dem letzten Jahr sitzt noch tief“, sagt Gutschlag.

Der Ölpreis in den USA ist gerade erst auf den höchsten Stand seit Oktober 2018 gestiegen. In den vergangenen zwölf Monaten hat der Ölmarkt eine beispiellose Rally hinter sich, nachdem er im April 2020 ein historisches Tief auslotete: Ein Preiskampf zwischen Saudi-Arabien und Russland sowie ein Einbruch der weltweiten Ölnachfrage in der Corona-Pandemie drückten den Preis für WTI zwischenzeitlich auf minus 40 Dollar pro Fass.

Von dieser Krise hat sich die US-Ölindustrie bis heute nicht vollständig erholt, wie der am Donnerstag veröffentlichte Monatsreport der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) nahelegt. Darin heißt es: „Trotz der Erholung der US-Rohölproduktion wird die Ölproduktion 2021 leicht sinken auf 11,2 Millionen Barrel pro Tag.“ Zum Vergleich: Vor der Krise förderten die USA jeden Tag fast 13 Millionen Barrel.

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    Ölproduktion hält mit der Nachfrage nicht Schritt

    Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den Zahlen zu neuen Ölbohrungen in den USA des Ausrüsters Baker Hughes. Diese sind um die Hälfte niedriger als 2018. Das bedeutet: Das Ölangebot reagiert aktuell nicht so schnell auf steigende Ölpreise, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Die Folge: „Der Ölpreis könnte unsere Prognose von 72 Dollar für WTI in den kommenden sechs bis zwölf Monaten überspringen“, sagt Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte bei der UBS.

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    Insbesondere in Deutschland müssen sich Verbraucher daher weiterhin auf erhöhte Preise etwa für Benzin oder Heizöl einstellen. Schon jetzt ist etwa Super-Benzin im Schnitt teurer als im Juni 2018, als die Rohölpreise auf einem ähnlich hohen Niveau waren. Auch der Preis für Heizöl nähert sich mit knapp 67 Euro pro Liter dem Niveau von vor drei Jahren.

    Das schlägt auch auf die Inflationsrate durch: Steigende Energiepreise waren zuletzt der Haupttreiber, der die Teuerungsrate in Deutschland auf 2,5 Prozent steigen ließ. In den USA kletterte die Inflationsrate auf fünf Prozent, wie am Donnerstag bekannt wurde.

    Entlastung aus den USA ist nicht in Sicht: So erwarten die Energiemarkt-Experten der japanischen Bank MUFG, dass die US-Ölproduktion auf Gesamtjahressicht leicht sinkt. „Ausgabendisziplin war das oberste Gebot der Schieferölfirmen während der Pandemie.“ Und selbst stark gesunkene Fallzahlen in den USA haben daran bislang wenig geändert. Sowohl die großen US-Ölkonzerne als auch die kleinen Entwickler legten weiterhin den Fokus auf Dividendenzahlungen und Schuldenabbau.

    Ein Eindruck, den Rohstoff-Unternehmer Gutschlag bestätigt: „Früher stand Produktionswachstum über allem. Dafür haben sich viele Unternehmen bis zur Halskrause verschuldet.“ Inzwischen habe ein Umdenken stattgefunden. „Jetzt steht Ergebniswachstum vor Produktionswachstum.“

    Die Folgen dieser Entwicklung reichen weit über die USA hinaus: „Bis vor einem Jahr war der US-Markt Lieferant von zusätzlichen Mengen am Ölmarkt, sobald der Preis nur leicht gestiegen ist“, so Gutschlag. „Diese Funktion wird er auf absehbare Zeit nicht mehr erfüllen können.“

    Westliche Ölkonzerne können die Lücke nicht füllen

    Auch ist nicht in Sicht, dass andere große Ölproduzenten wie Kanada, Norwegen oder Brasilien die Lücke füllen können. Der Trend zu strikteren Klimaschutzzielen für nordamerikanische und europäische Ölkonzerne verschärft die Situation auf der Angebotsseite weiter. Kürzlich war ein aktivistischer Investor beim US-Ölmulti Exxon Mobile eingestiegen, um das Management zu Investitionen in grüne Energien zu verpflichten.

    In den Niederlanden hat Shell auf ein Gerichtsurteil reagiert und zugesagt, mehr CO2 einzusparen und stärker in grüne Energien zu investieren als ursprünglich geplant. „Diese Ereignisse dürften die Investment-Aktivitäten in Öl- und Gasprojekte von internationalen Ölkonzernen und börsennotierten Schieferölfirmen reduzieren“, erwartet UBS-Stratege Staunovo.

    Letzter verbliebener Anbieter von Reservekapazitäten am Ölmarkt ist die erweiterte Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland. Und die kostet ihre neue Macht aus. Schon jetzt zeichnet sich laut Opec-Monatsbericht ab, dass der Marktanteil des Kartells an der weltweiten Ölproduktion zulegt. Im Mai kletterte er leicht auf 27,2 Prozent – Tendenz steigend.

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    Und der saudische Ölminister hat kein Interesse, diesen Trend zu gefährden, wie er kürzlich auf einer Pressekonferenz betonte: „Es wird immer genügend Angebot geben, um die Ölnachfrage zu bedienen“, versicherte er. Doch bevor man das Angebot ausweite, müsse erst mehr Nachfrage zu sehen sein, betonte er.

    Die Opec-plus-Allianz legt ihre Ölquoten auf Basis der Produktion von Oktober 2018 fest – damals pumpte das Kartell unbeschränkt Öl. In der Coronakrise nahm das Bündnis, nachdem Saudi-Arabien und Russland ihren Preiskampf beigelegt hatten, auf einen Schlag zehn Millionen Barrel pro Tag vom Markt.

    Das entsprach damals mehr als zehn Prozent der weltweiten Ölnachfrage – und war eine historisch beispiellose Drosselung der Ölproduktion. Seither haben die 23 Opec-plus-Staaten das Öl-Angebot schrittweise erhöht. Allerdings fördern sie noch immer rund sieben Millionen Barrel Öl weniger als im Oktober 2018.

    Indien belebt die Ölnachfrage

    Gleichzeitig erholt sich die Ölnachfrage immer schneller. Die Internationale Energieagentur, IEA, rechnete auf dem Höhepunkt der Ölpreiskrise im vergangenen Jahr damit, dass es bis zum Jahr 2023 dauern könnte, bis das Vorkrisenniveau erreicht ist. Nun erwartet die Agentur, dass es bereits in der ersten Jahreshälfte 2022 so weit sein könnte.

    „Eines ist klar“, sagte Fatih Birol, Chef der IEA, im Interview mit Bloomberg TV: „Sollte sich die Förderpolitik nicht ändern, dürfte sich angesichts des Wachstums in den USA, China und Europa die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot ausweiten.“ Birol ist überzeugt, dass sich „im Gegenzug der Aufwärtsdruck auf die Preise verstärkt“.

    Hinzu kommt: Nun kehrt auch das von der Coronakrise gebeutelte Indien an den Markt zurück. Kevin Solomon, Energieanalyst beim Broker StoneX, beobachtet: „Am physischen Markt zeichnet sich eine Belebung der Nachfrage in Asien ab, der mit dem starken Rückgang der Covid-19-Zahlen in Indien einhergeht.“
    Einzig ein Deal in den festgefahrenen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm könnte die Rohöl-Märkte noch mal unter Druck bringen. Doch ein schnelles Ende der Iran-Sanktionen, das es dem Land ermöglichen könnte, wieder mehr Öl zu exportieren, ist bislang nicht in Sicht. „Der Markt erwartet keine schnelle Aufhebung der Sanktionen“, bestätigen die Rohstoffexperten der ING Bank.

    Und so dürfte es bei der kommenden Opec-plus-Sitzung im Juli zum ersten Mal seit Monaten wieder ernst werden. Bei dem Gipfeltreffen stimmen die 23 Mitglieder der Allianz über die weitere Förderpolitik der kommenden Monate ab. Zuletzt agierte das Kartell extrem geschlossen. Selbst Mitgliedstaaten wie Nigeria oder der Irak, die notorisch mehr produzieren, als sie eigentlich dürfen, haben sich weitgehend an die auferlegten Förderquoten gehalten.

    Nun dürften die Stimmen lauter werden, die eine Ausweitung der Produktionsmenge fordern. Denn das Ölkartell ist in einer so starken Position wie seit Jahren nicht: Vor allzu großer Konkurrenz aus den USA müssen sie sich jedenfalls nicht fürchten.

    Mehr: Die neue Macht des Ölkartells Opec wird zum Kostentreiber für Europa

    Hier geht es zur Seite mit dem Brent-Preis, hier zum WTI-Kurs.

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