Rohstoffe Warum der Ölpreis noch lange im Bann der Weltpolitik bleibt

Ob Iran-Sanktionen oder Handelskonflikt, die Geopolitik hat die Ölmärkte im Griff. Für Anleger bedeutet das: Der Ölpreis bleibt weiterhin unberechenbar.
Kommentieren
Die Schwankungen beim Ölpreis werden noch länger anhalten. Quelle: Reuters
Öltanker

Die Schwankungen beim Ölpreis werden noch länger anhalten.

(Foto: Reuters)

LondonPatrick Pouyanné vermied es, Namen zu nennen. Dennoch machte der Chef des französischen Ölkonzerns Total keinen Hehl daraus, wen er für den wichtigsten Treiber des Ölpreises hält: „Mit jedem Tweet geht er nach oben“, sagte Pouyanné mit Blick auf US-Präsident Donald Trump und seinen Twitter-Attacken gegen das Ölförderkartell Opec.

Aus fundamentaler Sicht sei der Ölmarkt gut versorgt, ergänzte er. Dass der Ölpreis dennoch innerhalb weniger Wochen um 20 Prozent zugelegt hat, geht aus seiner Sicht allein auf „geopolitische Faktoren“ zurück, sagte der Total-Chef auf der Fachkonferenz „Oil and Money“ in London.

Spätestens seit Trump im vergangenen Mai den einseitigen Austritt der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran verkündet hat, bewegt vor allem die Weltpolitik den Ölpreis. Dessen künftige Entwicklung einzuschätzen, wird daher für Experten immer schwieriger. Zuletzt haben zahlreiche Analysten etwa bei der Commerzbank oder bei der HSH Nordbank ihre Prognosen nach oben korrigiert.

Vorerst können Anleger nicht darauf hoffen, dass sich die Preisbewegungen beruhigen: Die geopolitischen Risiken dürften auch im kommenden Jahr der bestimmende Faktor für die Entwicklung des Ölpreises sein – mit möglichen Ausschlägen nach oben und unten.

Ein wichtiger Grund für das kompromisslose Auftreten der USA auf der Weltbühne ist der Schieferöl-Boom in den USA, sagt Helima Croft, Chef-Rohstoffstrategin bei der Investmentbank RBC Capital Markets. Das US-Schieferöl habe das Land unabhängiger von den Öl-Exporteuren im Mittleren Osten gemacht. „Dadurch können es sich USA erlauben, eine härtere Haltung gegenüber dem Iran einzunehmen.“

Sie glaubt daher, dass der Iran-Konflikt noch mehrere Jahre andauern könnte: „Ich sehe nicht, dass die USA demnächst klein beigeben.“ Und David Knapp, Chefökonom beim Analysehaus Energy Intelligence ist überzeugt: „Trump will einen Regimewechsel.“

Schon jetzt treffen die US-Sanktionen den Iran hart. Anfang Oktober hat das Land durchschnittlich nur noch 1,1 Millionen Barrel Öl täglich exportiert. Im September lagen die Ausfuhren noch bei 1,6 Millionen Barrel. „Der Fokus liegt auf der Frage: Welches Land kann Reservekapazitäten frei machen“, sagt Spencer Dale, Chefökonom des britischen Ölmultis BP.

Doch selbst wenn etwa Saudi Arabien, wie kürzlich geschehen, ankündigt, eigene Ölproduktionsreserven heben zu wollen, reagieren die Märkte nur für kurze Zeit mit Erleichterung. „Denn die Reservekapazitäten fehlen dann an anderer Stelle“, sagt Dale. Daher sei der Ölmarkt weiter im Panikmodus. Fällt ein weiterer Öl-Produzent aus, hat die Opec keine Möglichkeit mehr zu reagieren.

Und Wackelkandidaten gebe es genug, sagt RBC-Analystin Croft. „Ich mache mir Sorgen um Länder wie Nigeria und Lybien.“ Dort stehen im kommenden Jahr Wahlen an. „Was passiert, wenn einer dieser fragilen Staaten offline geht?“, fragt Croft. Sie ist sich sicher: „Dann haben wir ein großes Problem auf dem Ölmarkt.“

Konjunkturrisiken könnten die Nachfrage drücken

Kurzfristig dürfte der Preisdruck daher groß bleiben. Andererseits könnte eine Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China die globale Konjunktur ins Stocken bringen – und damit die Ölnachfrage dämpfen.

Zudem droht in den Schwellenländern wegen der hohen Rohstoffpreise und aufgrund des starken Dollars ein Nachfrageeinbruch, warnte der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, erst kürzlich. „Hohe Preise heute hemmen die Nachfrage morgen.“

Ein Trend, der sich bereits jetzt abzeichnet, wie der Chairman des größten unabhängigen Rohstoffhändlers Vitol, Ian Taylor, bestätigt: Schon jetzt sei zu sehen, dass viele Schwellenländer weniger Öl kauften. Ölmarkt-Veteran Taylor sieht den Ölpreis im kommenden Jahr daher bei 65 Dollar pro Fass – und damit 20 Dollar unterhalb des aktuellen Niveaus. Doch er räumt freimütig ein: „Letztes Jahr lag ich total falsch.“

Startseite

Mehr zu: Rohstoffe - Warum der Ölpreis noch lange im Bann der Weltpolitik bleibt

0 Kommentare zu "Rohstoffe: Warum der Ölpreis noch lange im Bann der Weltpolitik bleibt"

Bitte bleiben Sie fair und halten Sie sich an unsere Community Richtlinien sowie unsere Netiquette. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar. Wir behalten uns vor, Leserkommentare, die auf Handelsblatt Online und auf unser Facebook-Fanpage eingehen, gekürzt und multimedial zu verbreiten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%