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Schwache Lira, steigende Anleiherenditen Turbulenzen an den türkischen Börsen – Erdogan schimpft über böse Mächte im Ausland

Der vergangene Einbruch der türkischen Lira hat auch Devisen anderer Schwellenländer in die Bredouille gebracht. Wiederholt sich nun die Geschichte?
2 Kommentare
Der türkische Präsident will Spekulanten an den Märkten Disziplin beibringen. Quelle: AP
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident will Spekulanten an den Märkten Disziplin beibringen.

(Foto: AP)

Istanbul, FrankfurtEs hat nicht lange gedauert, bis Recep Tayyip Erdogan die Verantwortlichen für die jüngste Krise der heimischen Wirtschaft gefunden hat: böse Mächte im Ausland. Die USA und andere westliche Staaten versuchten, das Land durch Angriffe auf den Wechselkurs in eine Falle zu locken, sagte der türkische Staatschef auf einer Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag vor Jungwählern in Ankara. Die Banken trieben vor den Kommunalwahlen am Sonntag Spielchen mit der Währung.

Welche Geldhäuser er meinte, ließ er offen. Die Türkei müsse den „Spekulanten an den Märkten Disziplin beibringen“. Zugleich erneuerte er seine Forderung an die Notenbank, dass die Inflation durch Leitzinssenkungen bekämpft werden müsse.

Doch die Gründe für die Turbulenzen liegen woanders. Es begann Ende vergangener Woche, als die türkische Zentralbank bekanntgab, binnen 15 Tagen 18 Prozent ihrer Fremdwährungsreserven abgebaut zu haben. Während ein Teil davon auf regelmäßige Aktivitäten zurückzuführen war, kam beim Rest die Vermutung auf, die Regierung könne damit die schwächelnde Wirtschaft des Landes stützen.

„Es gibt nur wenige andere Länder, deren Devisenreserven so niedrig sind wie die der Türkei“, sagt Paul McNamara, Investment Director bei GAM in London. Aber die Daten selbst zeigten mehr als nur niedrige Reserven. Sie sind auch ein Beweis für die Rolle, die die Zentralbank in dem von Präsident Erdogan regierten Land spielt. Erdogan ist bekanntermaßen ein Feind von Zinsen.

Als Folge prophezeiten offenbar Großanleger eine schwache Währung und wetteten mittels Leerverkäufen gegen die Lira. Dafür müssen sie sich Lira von türkischen Banken leihen. Doch das ging ab Dienstag nicht mehr – die Banken blockierten den Handel. Banken und Hedgefonds, die gegen die Lira gewettet hatten, konnten ihre offenen Positionen nicht mehr schließen, es drohten Verluste in Milliardenhöhe.

In der Folge stieg die Nervosität, der Swap-Zinssatz für solche Termingeschäfte stieg auf bis zu 1 .200 Prozent, obwohl er sonst maximal in den zweistelligen Prozentbereich steigt. Inzwischen liegt der Wert wieder bei 50 Prozent. Beobachter vermuteten, die Regierung habe die Banken dazu gezwungen, den Lira-Handel zu erschweren, um Spekulanten das Leben schwerzumachen. Der Chef des Bankenverbands wies dies zurück. Experten sehen bereits erste Vorboten für die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen.

Was dann passierte, konnte Erdogan offenbar nicht vorhersehen. Um irgendwie an Geld zu kommen, verkauften die beteiligten Investoren türkische Aktien – der Börsenindex des Landes verlor gestern in der Spitze sechs Prozent an Wert, Banktitel fielen bis zu acht Prozent. Auch die Lira verlor zum Dollar bis zu 5,3 Prozent.

Die Kursturbulenzen an den türkischen Börsen gehen indes weiter. Anleger zogen sich am Donnerstag erneut fluchtartig aus der Währung des Landes zurück. Dadurch stieg der Kurs des Dollars um bis zu 5,3 Prozent auf ein Zweimonatshoch von 5,6110 Lira. Gleiches galt für den Euro, der sich auf 6,3235 Lira verteuerte.

Werden die Prognosen der Düsseldorfer Bank HSBC wahr, dürfte dieser Trend weitergehen. Die Analysten rechnen bis Ende dieses Jahres mit Notierungen von 6,50 Lira je Dollar sowie 7,15 Lira je Euro. Damit würde die türkische Währung fast wieder auf ein ähnliches Level steigen wie während der Währungsturbulenzen im August vergangenen Jahres. Damals schoss der Euro-Kurs in der Spitze kurzzeitig auf 8,15 Lira.

Währungsverfall ist ein rein türkisches Problem

In diesem Zeitraum hatte der Lira-Verfall von rund 40 Prozent auch Währungen anderer aufstrebender Volkswirtschaften in die Bredouille gebracht. Argentinien hatte den Internationalen Währungsfonds (IWF) um eine vorzeitige Auszahlung von Milliardenhilfen gebeten, in Indien fiel die Rupie von Tiefststand zu Tiefststand.

Der brasilianische Real, der südafrikanische Rand und der russische Rubel hatten ebenfalls zweistellig eingebüßt, auch die indische Rupie und die indonesische Rupiah standen damals deutlich unter Druck.

Diesmal ist das anders. Der Blick auf andere Devisen zeigt: Der Währungsverfall ist ausschließlich ein türkisches Problem, andere Länder sind bislang noch nicht davon betroffen.

Türkische Anleihen flogen am heutigen Donnerstag ebenfalls aus den Depots. Dies trieb die Rendite der bis 2030 laufenden Dollar-Bonds auf ein Fünfmonatshoch von 8,309 Prozent. Eine türkische Anleihe in der Landeswährung mit einer Laufzeit von zwölf Monaten bringt aktuell eine Rendite von 22,56 Prozent. Der Wert lag gestern noch bei 22,08 Prozent.

Gleichzeitig verteuerte sich die Absicherung eines zehn Millionen Dollar schweren Pakets türkischer Anleihen gegen Zahlungsausfall um 36.000 auf 506.000 Dollar, teilte der Datenanbieter Markit mit. Dies sei ein Anstieg um 177.000 Dollar binnen einer Woche. Zum Vergleich: Für die Absicherung eines Pakets deutscher Staatsanleihen müssen nur 12.700 Euro gezahlt werden.

Gesamtwirtschaftlich befindet sich die Türkei im Krisenmodus. „Im vierten Quartal 2018 ist das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um drei Prozent zurückgegangen, der private Konsum fiel um 8,9 Prozent, der Absatz beim Fahrzeugbau, der Elektroindustrie und der Chemieindustrie stürzte zwischen zehn und vierzig Prozent ab“, erklärt der Türkeiexperte Necip Bagoglu von Germany Trade & Invest (GTAI). „Die Inflation und die Lebensmittelpreise sind hoch, die Realeinkommen sinken, und der Frust sitzt tief.“

Beobachter sehen unter den aktuellen Umständen eine gefährliche Parallele zur großen Bankenkrise der Türkei in den Jahren 2000 und 2001. Auch damals taumelte erst die Währung, anschließend stiegen die Zinssätze in unermessliche Höhen. In der Folge stürzte die Türkei in eine Krise, der Internationale Währungsfonds musste mit Milliardenstützen und einem Reformprogramm einspringen. Der damalige Ministerpräsident verlor die Wahlen im Jahr darauf. Der Wahlgewinner hieß: Erdogan.

Mit Material von Reuters.

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2 Kommentare zu "Schwache Lira, steigende Anleiherenditen: Turbulenzen an den türkischen Börsen – Erdogan schimpft über böse Mächte im Ausland"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Hans Schönenberg
    "Auch Despoten können nicht die Regeln des Marktes aushebeln; und das ist auch gut so."

    Stellen Sie sich einmal vor, man würde den demonstrierenden Schülern in Deutschland stattdessen nur diesen einzigen Satz beibringen.
    Leider kann eine Despoten-Herrschaft aber dennoch sehr, sehr lange Zeit andauern - Beispiel: Simbabwe. Dort hungert Robert Mugabe sein Volk nun schon über Jahrzehnte im wahrsten Sinne des Wortes aus. Jedoch nicht sein ganzes Volk: das bewaffnete Militär, welches ihn stützt, erhält selbstverständlich Privilegien.
    Wie könnte ein Volk nun eine solche Despoten-Herrschaft verhindern? Denken Sie einmal über dieses Zitat nach:
    "Ratet, vor welchen historischen Großereignissen die sukzessive Entwaffnung der Bevölkerung jedes Mal notwendige Prämisse gewesen war? Viel Spaß!" (aus Philipp A. Mende: Geschosse wider den Einheitsbrei)
    Die amerikanischen Verfassungsväter waren hier absolut genial: genau das haben sie verhindert.

  • Auch Despoten können nicht die Regeln des Marktes aushebeln; und das ist auch gut so. Nur die Türkische Bevölkerung entscheidet, welche Regierungsform man haben will- Ich fürchte aber: es muss noch schlimmer werden.

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