Lira

Die türkische Währung hat im Jahr 2018 gegenüber dem Dollar schon mehr als 38 Prozent verloren.

(Foto: AFP)

Sorgen um US-Beziehung Donald Trump schickt die Lira auf die nächste Talfahrt

Der US-Präsident verdoppelt die Zölle auf türkischen Stahl und Aluminium. Der türkische Präsident Erdogan appelliert an die Bevölkerung, Euro, Dollar und Gold in Lira zu tauschen.
Update: 10.08.2018 - 17:37 Uhr 1 Kommentar

DüsseldorfDie türkische Lira ist am Freitag am zweiten Tag in Serie auf ein Rekordtief gefallen. Die türkische Währung gab gegenüber dem US-Dollar zeitweise um mehr als 18 Prozent nach, weil sich Anleger Sorgen um die Beziehung zu den USA und eine ausufernde Inflation machen.

Ein Dollar kostete am Nachmittag zeitweise mehr als 6,70 Lira, nachdem US-Präsident Donald Trump höhere Zölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei anordnete. Für Aluminium-Einfuhren würden nunmehr 20 Prozent Zoll fällig, für Stahlimporte 50 Prozent, erklärte Trump am Freitag auf Twitter. „Unsere Beziehungen zur Türkei sind zurzeit nicht gut.“ Er wolle damit verhindern, dass die Türkei durch die günstige Lira vermehrt in die USA exportiere und heimische Anbieter vom Markt verdrängen.

Das Verhältnis zwischen Washington und Ankara wird aktuell durch den Streit um den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson belastet. Gespräche hochrangiger Regierungsvertreter beider Seiten brachten zuletzt keinen Durchbruch. Aus türkischen Kreisen hieß es, die von Außen-Staatssekretär Sedat Önal angeführte Delegation sei inzwischen wieder von Washington zurück nach Ankara gereist.

Bereits am Morgen war die Lira abgestürzt. Damit hat die Lira im Jahr 2018 gegenüber dem Dollar mehr als 38 Prozent verloren.

Parallel dazu stiegen auch die Kosten für Kredit-Ausfall-Versicherungen (CDS) auf 400,64 Basispunkte an. Erst am Donnerstag waren sie auf 370 Punkte gestiegen, den höchsten Stand seit neun Jahren. Nach Einschätzungen der Analysten der Landesbank-Baden-Württemberg (LBBW) wird an den Märkte mittlerweile eine mögliche Staatspleite der Türkei durchgespielt.

Angesichts des Kursverfalls der Lira rief der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Freitagnachmittag die Bevölkerung dazu auf, Euro, Dollar und Gold in die Landeswährung zu tauschen. Es handele sich um eine „nationale Anstrengung“. Der Dollar werde der Türkei nicht im Weg stehen. „Wir werden unser Land entschieden gegen wirtschaftliche Angriffe verteidigen.“ Die beste Antwort sei es, Produktion, Exporte und Beschäftigung zu steigern.

Einem Bericht der „Financial Times“ zufolge schauen sich die EZB-Bankenaufseher wegen der Lira-Krise bereits die Verbindungen europäischer Geldhäuser zur Türkei an. Deutsche Banken sind in der Türkei aber nur am Rande engagiert: Die Forderungen beliefen sich Ende Juni auf insgesamt rund 20,8 Milliarden Euro, geht aus Bundesbank-Statistiken hervor. Gemessen am insgesamt 1,8 Billionen schweren Auslandsengagement deutscher Kreditinstitute, ist das eine relativ kleine Summe.

Französische Banken sind in dem Land am Bosporus etwa doppelt so stark engagiert, zeigen Daten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich vom ersten Quartal. Das spanische Engagement ist sogar gut viermal so umfangreich wie das deutscher Kreditinstitute. Das liegt an den direkten Beteiligungen von Großbanken der italienischen Unicredit und der spanischen BBVA an türkischen Finanzinstituten.

Europas Banken betroffen

Diese Institute sind neben der in der Türkei ebenfalls stark präsenten französischen Großbank BNP Paribas die drei EU-Banken, die am härtesten von der Lira-Krise betroffen sind. Die Risikoprämien für die spanische BBVA und die italienische Unicredit stiegen am Freitag um rund 0,2 Prozentpunkte. Die Aktien von BBVA und Unicredit verloren mehr als fünf Prozent und waren die schwächsten Werte im Stoxx 600 Banken. BNP Paribas kam mit Kursverlusten von knapp vier Prozent davon.

Vor allem die BBVA ist hart von der Türkei-Krise betroffen: Ihr gehört knapp die Hälfte der türkischen Garanti Bank, das ist die zweitgrößte Bank des Landes. Ihrer türkischen Beteiligung verdankte die spanische Großbank im ersten Halbjahr 2018 14 Prozent ihres Reingewinns.

Unicredit ist durch ihre Beteiligung an der türkischen Bank Yapi Kredi sehr direkt von den Turbulenzen durch den Lira-Einbruch betroffen. Die Mailänder Bank hält 40,9 Prozent an der viertgrößten Privatbank der Türkei. Kommentieren wolle man Gerüchte und Spekulationen nicht, heißt es bei Unicredit.

Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank waren am Freitag die Dax-Titel mit den stärksten Verlusten: Anteilsscheine der Deutschen Bank verloren mehr als vier Prozent, bei der Commerzbank waren es 3,7 Prozent.

Die Commerzbank kam Ende Juni auf Türkei-Geschäfte mit einem Volumen von 2,5 Milliarden Euro. „Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Entwicklungen werden Volkswirtschaften wie Russland, Türkei und China eng beobachtet“, heißt es im Geschäftsbericht. Sorgen bereitet das Türkei-Engagement dem Institut Finanzkreisen zufolge jedoch nicht.

Die Deutsche Bank ist mit einer Tochtergesellschaft in der Türkei aktiv, die im Firmenkunden- und Investmentbanking operiert. Mit 128 Vollzeitstellen zählt die Türkei zu einem der kleineren Auslandsstandorte. Über die Größe des Engagements der Bank am Bosporus wollte eine Sprecherin der Bank nichts sagen. In Finanzkreisen hieß es aber, die Aktivitäten in der Türkei bereiteten der Bank „keine Kopfschmerzen“.

Weitere Verluste möglich

Die Lira-Talfahrt könnte allerdings noch weitergehen. Laut einem Bericht der niederländischen Bank ABN Amro könnte die türkische Devise noch einmal um fünf bis zehn Prozent sinken. Um die angespannte Situation der Lira abzumildern, müsste die türkische Notenbank nach Meinung von Ökonomen die Zinsen erhöhen. „Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt sind, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen“, sagte Thomas Gitzel von der VP Bank der Nachrichtenagentur Reuters.

Doch Erdogan hat sich zuletzt selbst als Gegner der Zinsen bezeichnet und angekündigt, eine größere Kontrolle über die eigentlich unabhängige Zentralbank auszuüben – was internationale Investoren skeptisch macht.

Erdogan wünscht sich, dass die Banken billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es zu einer Überhitzung kommen könnte. Der Präsident hat bereits seine Landsleute aufgerufen, ihre Dollar- und Euro-Guthaben in die heimische Währung umzutauschen.

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak sicherte der Notenbank seines Landes am Freitagnachmittag jedoch die Unabhängigkeit zu. Zudem stellte er ein Maßnahmenpaket für die schwer angeschlagene Wirtschaft vor. In einer fast einstündigen Präsentation sagte er, die Regierung unterstütze voll eine „unabhängige Geldpolitik“. Man wolle das Vertrauen in die Lira verbessern und werde die Inflation effektiv bekämpfen. Außerdem werde das Budget gestrafft. Wie genau die Regierung diese Ziele erreichen will, ging aus der Rede nicht hervor.

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