Türkei Zwei Alphatiere und ein Pastor sorgen für den Lira-Absturz

Der Verfall der türkischen Währung hat weniger wirtschaftliche als vielmehr politische Gründe. Der Druck auf die Lira ist irrational, aber real.
Update: 10.08.2018 - 15:34 Uhr 1 Kommentar
Türkei: Trump und Erdogan haben Einfluss auf den Absturz der Lira Quelle: AFP
Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump

Der türkische Staatschef (r.) will genau wie sein US-Kollege sein Land zu neuer Größe führen.

(Foto: AFP)

IstanbulWer in der Türkei am Freitagmorgen 100 US-Dollar kaufen wollte, musste dafür gegen 6 Uhr Ortszeit (5 Uhr MESZ) rund 555 Lira hinblättern. Gut zwei Stunden später waren es fast 630 Lira. Innerhalb kürzester Zeit verlor die türkische Währung zum Greenback 13 Prozent an Wert. Am Nachmittag entspannte sich der Verfall zwischenzeitlich, ehe die Währung erneut auf deutlich über sechs Lira pro Dollar nachgab.

Der Lira-Verlust verteuert Importe und setzt Staatschef Recep Tayyip Erdogan unter Druck. Er wird mehr und mehr gezwungen einzulenken – jedoch nicht unbedingt wirtschaftlich, sondern vielmehr politisch. Denn für die Turbulenzen um die türkische Währung und andere Anlagewerte gibt es eine einfache Erklärung.

Nimmt man die grundsätzliche wirtschaftliche Situation der Türkei zum Maßstab, passt es jedenfalls nicht, dass die Lira derart massiv an Wert verliert. Die Unternehmen sind zwar stark verschuldet, stehen aber grundsätzlich solide da. Auch bei den Banken sind noch keine Liquiditätsengpässe bekannt geworden.

Das Problem ist politischer Natur. Präsident Erdogan führte im November 2016 eine besonders aggressive außenpolitische Doktrin ein. Wörtlich sagte er damals: „Wir werden nicht mehr warten, bis die Bedrohungen bei uns angekommen sind. Wir werden die Bedrohungen dort bekämpfen, wo sie entstehen.“

Dieser neue politische Grundsatz mündete nicht nur in zwei Kampfeinsätze im Norden Syriens, wo das türkische Militär nach Angaben der Führung in Ankara Terroristen bekämpfte. Sondern auch in einer besonders scharfen Rhetorik gegenüber dem Westen – dem alten Partner der Türkei. Gleichzeitig wandte sich Erdogan Russland, China und dem Iran zu.

Der türkische Staatschef wollte sein Land zu neuer Stärke und sich selbst auf den Gipfel der Macht führen. Doch im Zuge dieses Vorhabens geriet er an einen Amtskollegen, der genau dasselbe vorhat: US-Präsident Donald Trump.

Auch Trump will die USA zurück zu alter Stärke führen, die Bestrebungen vieler Länder hin zu einer multipolaren Welt aufbrechen und den US-Dollar – wie in alten Zeiten – zur weltweiten Leitwährung machen. Trump hat dazu geopolitisch ein deutlich größeres Arsenal zur Verfügung als Erdogan. Am Freitag ordnete er höhere Zölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei an.

Erdogan und Trump – die beiden hätten sich kaum in die Quere kommen müssen. Wenn da nicht der US-Pastor Andrew Brunson wäre. Der amerikanische Geistliche lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren an der türkischen Westküste. Die Behörden hatten mit ihm oder seinem christlichen Glauben nie ein Problem. Bis zum Putschversuch im Juli 2016.

Wenige Monate später wurde Brunson festgenommen, später in Untersuchungshaft gesteckt. Der Vorwurf: Terrorunterstützung und Kontakt zu den Putschisten der Gülen-Bewegung. Fethullah Gülen ist ein türkischer islamischer Prediger, der seit 19 Jahren in den USA lebt. Die türkische Führung sowie ein Großteil der Bevölkerung machen ihn für den Putschversuch verantwortlich.

Als die US-Administration zum ersten Mal die Freilassung Brunsons forderte, konterte Erdogan: „Ihr habt ja auch einen Prediger, den wir gerne hätten.“

Im Juli entließen türkische Behörden Brunson aus der Untersuchungshaft, seitdem steht er jedoch unter Hausarrest. Das war den Amerikanern zu wenig: Im Herbst stehen Kongresswahlen in den USA an. Vor allem Vizepräsident Mike Pence baut auf die Unterstützung der religiösen Gemeinden in den Bundesstaaten. Für ihn ist klar: Brunson muss freikommen.

Verhandlungen zwischen türkischen und amerikanischen Spitzendiplomaten schlugen zuletzt fehl. Seitdem hat sich der Absturz der Lira drastisch verschärft.

Ein solcher Währungsverfall könne daher mit der Angst der Marktteilnehmer begründet werden, heißt es aus Finanzkreisen. Investoren befürchten, dass sich die Lage in Zukunft weiter verschlechtert. Diese Angst wird in den Wechselkurs der Lira eingepreist. „Da müssen Milliarden auf den Markt geworfen werden, um einen derartigen Kursrutsch auszulösen“, erklärt eine deutsche Bankerin, die mit dem Türkeigeschäft ihres Geldhauses betraut ist.

Klar ist, dass Anleger allmählich die Geduld und ihr Vertrauen in die Türkei und die politische Führung in Ankara verlieren. Viele dürften jetzt ihre letzten türkischen Werte wie etwa Aktien, Staatsanleihen oder Lira-Devisen abstoßen. Auch das treibt die Verluste der Lira weiter an.

Ob eine große Krise kommt, hängt von den Signalen ab, die Ankara ab jetzt aussendet. Finanzminister Albayrak will am Freitagnachmittag ein „neues ökonomisches Modell“ vorstellen, hüllt sich bis dahin aber in Schweigen.

Auf den Straßen ist von Krise jedenfalls bislang nichts zu spüren. Zwar beschweren sich viele Türkinnen und Türken über die Inflation von 15 Prozent, die vor allem die Preise für Lebensmittel oder importierte Luxusprodukte steigen lässt. Dennoch sind die Supermärkte und Einkaufszentren bisher gefüllt. Demonstrationen hat es noch nicht gegeben.

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1 Kommentar zu "Türkei: Zwei Alphatiere und ein Pastor sorgen für den Lira-Absturz"

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  • Sehr geehrter Herr Demircan,

    villeicht erleben wir zusammen noch ein schönes Experiment, das Ihre wunderbaren Gedanken vollauf bestätigt. Vielleicht läßt die Türkei den amerikanischen Pastor endlich frei und der Kurs der Lira schießt dann sofort um 50 % in die Höhe. Damit wären dann zugleich die üblen Machenschaften der Amerikaner aufgedeckt.

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