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Währungen Dem britischen Pfund droht ein historisches Tief

Die Gefahr eines No-Deal-Brexits sorgt für Angst bei den Anlegern und treibt das Pfund in den Keller. Analysten erwarten weitere, deutliche Verluste.
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Diese Woche fiel das Pfund zunächst auf ein Zehnjahrestief zum Euro. Quelle: Moment/Getty Images
Bald gleichauf?

Diese Woche fiel das Pfund zunächst auf ein Zehnjahrestief zum Euro.

(Foto: Moment/Getty Images)

Frankfurt, London Der Wechselkurs des Pfunds ist derzeit eine Wette darauf, wie es mit dem Brexit weitergeht. Seit sich im Frühjahr abzeichnete, dass Boris Johnson britischer Premierminister wird, ging es für die Währung des Landes stetig bergab. Seit Anfang Mai hat das Pfund um jeweils rund sieben Prozent zum Euro und zum US-Dollar abgewertet.

Mit Johnson in der Downing Street ist die Gefahr eines ungeordneten Brexits gestiegen. Der konservative Regierungschef will das Land am 31. Oktober ohne Austrittsvertrag aus der EU führen, wenn die Europäer nicht den irischen Backstop aus dem Vertrag streichen. Die EU-27 lehnen dies ab, weil Johnsons Vorgängerin Theresa May dem Vertrag bereits zugestimmt hatte.

Die Talfahrt der britischen Währung droht daher auf absehbare Zeit weiterzugehen. Die Zahl der Short-Positionen im Futures-Markt ist zuletzt stark nach oben geschossen – und das, obwohl das Pfund seit dem Referendum 2016 bereits stark abgewertet hat. Das zeigt, wie negativ die Stimmung der Anleger ist.

„Ein ungeordneter Brexit könnte das Pfund in unbekanntes Terrain führen“, warnte kürzlich Silvia Dall’Angelo, Ökonomin beim britischen Fondshaus Hermes Investment. Im September und Oktober sei mit starken Marktbewegungen zu rechnen. Die Währung könne sogar auf Parität zum Dollar fallen. Das sei in der Geschichte noch nie passiert.

Diese Woche fiel das Pfund zunächst auf ein Zehnjahrestief zum Euro. Am Mittwoch notierte die britische Währung wieder etwas höher bei 1,08 Euro und 1,21 Dollar.

Mittelfristig erwarten Analysten weitere Kursverluste. „Viele Marktteilnehmer hoffen, dass Johnson blufft oder die EU doch noch einknickt“, sagt Esther Reichelt, Devisenexpertin der Commerzbank. Wenn dies nicht passiere, sei „eine weitere Abwertung des Pfunds um zehn Prozent zum Euro durchaus möglich“.

Längerer Streit mit EU droht

Tendenziell dürfte die Abwertung zum US-Dollar noch höher ausfallen als gegenüber dem Euro, weil Europa unter einem ungeordneten Brexit stärker leiden würde. Und viele Investoren bringen in Krisensituationen Kapital in die USA, die als sicherer Hafen gelten.

Bei einem Austritt ohne Abkommen käme es jedoch stark auf die Modalitäten an. „Falls beide Seiten gemeinsam versuchen, den Schaden zu begrenzen, sind die Folgen wahrscheinlich weniger dramatisch“, sagt Reichelt. Eine wichtige Frage sei, ob Großbritannien die mit der EU vereinbarte Austrittsrechnung von 39 Milliarden Pfund begleichen wird. „Wenn nicht, droht längerer Streit mit der EU und ein besonders chaotischer Brexit.“

Turbulenzen seien vor allem dann zu erwarten, wenn es kurzfristige Wendungen gibt. „Je plötzlicher und überraschender es für die Märkte zu einem harten Brexit kommt, desto größer die Gefahr, dass es zu starken Ausschlägen an den Devisenmärkten kommt.“

Die nächste Weichenstellung im Brexit-Prozess wird Anfang September erwartet. Dann wird sich entscheiden, ob es im Parlament ein Misstrauensvotum gegen Premierminister Johnson gibt. Eine Mehrheit der Abgeordneten ist entschlossen, einen ungeordneten Brexit zu verhindern.

Am Dienstag forderten 21 prominente konservative Pro-Europäer Johnson in einem Brief auf, in jedem Fall eine Einigung mit den Europäern zu finden. Zu den Unterzeichnern zählten Ex-Finanzminister Philip Hammond und Ex-Wirtschaftsminister Greg Clark. Parlamentspräsident John Bercow erklärte bei einem Auftritt am Dienstagabend, das Parlament könne einen ungeordneten Brexit stoppen. Er werde verhindern, dass Johnson das Parlament auflöse.

Doch ist vollkommen unklar, wer den Machtkampf zwischen Regierung und Parlament gewinnen wird. Zwar regiert Johnson nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme. Es scheint also machbar, ihn im Notfall zu stürzen. Doch seine Gegner können sich bisher nicht auf einen Ersatzpremier einigen.

Sollte es auf den linken Oppositionsführer Jeremy Corbyn hinauslaufen, wäre dies aus Sicht der Pfund-Anleger ebenso unerwünscht wie Johnsons No-Deal-Regierung, schreiben die Devisenanalysten der US-Bank JP Morgan. Sie empfehlen daher den Verkauf der Währung.

Geldpolitik spielt eine untergeordnete Rolle

Trotz der Brexit-Unsicherheit gibt es einen Faktor, der das Pfund vielleicht etwas stützt. „Im September könnte es etwas Entlastung geben, wenn die EZB und die Fed ihre Geldpolitik lockern oder zumindest starke Signale in diese Richtung geben“, sagt Manuel Andersch, Devisenexperte der Bayerischen Landesbank. Sinken in den USA und der Euro-Zone die Zinsen, wird es für Investoren relativ attraktiver, in Zinspapiere in Großbritannien zu investieren. Das würde tendenziell dem Pfund-Kurs helfen.

Die Bank von England wird sich hingegen höchstwahrscheinlich mit geldpolitischen Schritten zurückhalten. Verglichen mit dem Brexit spielt die Geldpolitik derzeit aber eine untergeordnete Rolle für den Pfund-Kurs.

Bewegung in die Brexit-Verhandlungen wird vermutlich erst zur Deadline am 31. Oktober kommen – wenn überhaupt. Zunächst bleibt die Unsicherheit sehr hoch. „Boris Johnson hat sich sehr stark festgelegt, es im Zweifel auch zu einem harten Brexit kommen zu lassen“, sagt Andersch. Der Experte hält dieses Szenario daher für „durchaus wahrscheinlich“. Man brauche „schon viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass alles gut ausgeht und sich EU und Großbritannien doch noch auf eine Vereinbarung einigen“.

Mehr: Trumps Brexit-Begeisterung sollte die Briten misstrauisch machen. Ein Chaos-Brexit würde die Abhängigkeit von den USA erhöhen - und die EU schwächen.

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