Währungsexperte im Interview „Der Euro kann auf Parität zum Dollar fallen“

Der Euro verliert seit Monaten an Wert. Wie denken diejenigen, die täglich mit Devisen handeln? Heiko Müller, Deutschlandchef des Devisenbrokers Alpari, rechnet mit weiter Verlusten - aber nicht mit dem Schlimmsten.
13 Kommentare
Die deutschen Anleger sind sehr sicherheitsbewusst, sagt Devisenexperte Heiko Müller.

Die deutschen Anleger sind sehr sicherheitsbewusst, sagt Devisenexperte Heiko Müller.

Herr Müller, wie ist die Stimmung am Devisenmarkt? Geht die Talfahrt des Euros weiter?

Die Stimmung ist derzeit schwer zu fassen. Das Schlimmste ist die Unsicherheit. Niemand weiß, wie die Politik die Euro-Krise in den Griff bekommen will. Wir brauchen endlich eine Entscheidung! Wenn sich nichts tut, wird der Euro weiter fallen.  

Welche Rolle spielt die Herunterstufung von neun Ländern der Eurozone durch S&P?

Die Abwertung kam zu einem denkbar schlechten Moment. Sie bedeutet, dass nun die Kapitalaufnahme nicht nur für die Peripherieländer der Eurozone, die sich eh schon als sehr problematisch gestaltet, sondern auch für Schwergewichte wie Frankreich teurer wird. Außerdem stellt sich die grundsätzliche Frage, inwieweit die Herabstufung zu einem Vertrauensverlust der Marktteilnehmer in die 17-Nationen-Währung führt. Dass der Rettungsfonds ESM auf eine Billion Euro verdoppelt werden soll, dürfte wiederum für zusätzliches Vertrauen sorgen. Ebenso verliefen die letzten Auktionen für Staatsanleihen für die Länder wie Italien oder Spanien recht vielversprechend.

Wie wird es mit dem Kurs in den kommenden Monaten weitergehen?

Der Blick auf die Charttechnik zeigt, dass sich der Euro gegenüber seinem US-amerikanischen Pendant innerhalb eines Abwärtstrends befindet. Es kann sogar in Richtung Parität zum Dollar gehen. Das wird nicht in einem Rutsch passieren, sondern schrittweise. Wenn es so weitergeht, dann rechne ich damit im dritten Quartal.

Wird der Euro überleben?

Ich denke, den Euro wird es auch in fünf Jahren noch geben, allerdings in anderer Konstellation.

Weichen die Anleger auf andere Währungen aus, weil der Euro zu unberechenbar geworden ist?

Das entscheidende Kriterium für den Handel mit Währungen heißt: Liquidität. Deshalb handeln unsere Kunden weiterhin die großen Währungspaare, hauptsächlich Euro/Dollar oder Euro/Pfund.

Welche Währungen sind noch „sicher“?

Es gibt keine Währung mehr, die als „Sicherer Hafen“ dient. Am interessantesten ist noch der Kanadische Dollar. Das Land ist wirtschaftlich gesund, verfügt zudem über große Rohstoffvorkommen. Mit anderen Worten: Es sind Sachwerte vorhanden, die hinter der Währung stehen. Ähnliches gilt für Australien. Auch der Australische Dollar hat noch Potenzial.

Handeln die Leute mehr oder weniger, wenn es an den Devisenmärkten es rund geht?

Die deutschen Anleger sind sehr sicherheitsbewusst. Bei hohen Schwankungen an den Märkten handeln sie weniger. In anderen Ländern ist das anders, etwa in Großbritannien. Dort sind die Anleger aktiver, wenn es turbulent zugeht.

Sie sind seit knapp zwei Jahren mit Alpari in Deutschland vertreten. Lassen sich die Deutschen überhaupt für Devisenhandel begeistern?

Deutschland ist kein leichter Markt für uns, aber einer der interessantesten. Im vergangenen Jahr haben wir Kunden hinzugewonnen. Aktuell haben wir rund 7.000 aktive Kunden.

Wie wirkt sich die Finanz- und Schuldenkrise für Sie als Anbieter von Devisenwetten aus?

Wir müssen uns mit Fragen befassen, an die wir früher nie gedacht hätten. Zum Beispiel: Wie sicher sind die Banken und Broker, mit denen wir zusammenarbeiten. Unser Hauptpartner für den Interbankenhandel ist eine der weltgrößten US-Investmentbanken mit großer Sicherheit. Eine Bank zu finden, die als absolut sicher eingestuft wird, ist aber momentan gar nicht möglich.

Heiko Müller ist Geschäftsführer von Alpari Deutschland. Der britische Devisenbroker Alpari ist ein weltweiter Anbieter von Devisenhandel über das Internet, seit knapp zwei Jahren ist das Unternehmen mit einem Sitz in Deutschland vertreten.

Startseite

Mehr zu: Währungsexperte im Interview - „Der Euro kann auf Parität zum Dollar fallen“

13 Kommentare zu "Währungsexperte im Interview: „Der Euro kann auf Parität zum Dollar fallen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Mitbuerger,

    Sie haben absolut recht, solange keine bessere Alternative gibt ist der Dollar sicher.
    Der Euro, mit seiner mangelhafter Architektur, ist zum Scheitern verurteilt. Eine Währungsunion zwischen so unterschiedlichen Mitgliedern, ohne eine echte Fiskalunion mit teilweisem Verzicht auf Steuerhoheit, ist nicht lebensfähig.
    Langfristig wird aber Asien eine immer stärkere Rolle spielen, während die EU, wegen Mangel an Zusammengehörigkeitsgefühl, in die Bedeutungslosigkeit langsam versinkt.

  • @ Mitbuerger,
    wenn Sie meinen dass ein Gleichgewicht sich einstellen muss, meinetwegen!.
    Trotzdem, solange sich kein Gleichgewicht von allein einstellt muss dafür, über eine Leistungsbilanzdefizitbremse, gesorgt werden, genau so wie die Schuldenbremse für einen ausgeglichenen Haushalt sorgen soll. Und wenn sich dieses Gleichgewicht doch automatisch einstellt, was ich nicht glaube, dann um so besser weil dann diese Leistungsbilanzdefizitbremse aufgehoben werden kann. So wie auch die Schuldenbremse. Es könnte tatsächlich eine Weile funktionieren wie Sie sagen, aber nur weil dann die Substanz exportiert wird.
    Aber dann führt dies zur Verarmung und Ausbeutung und das wollen wir nicht. Wichtig ist ein Gleichgewicht auf hohem und mit den anderen Euroländer vergleichbarem Niveau. Es geht hier nicht um Mathematik, es geht um Menschen in Europa und deren Lebensstandart.
    Es geht um horizontale (ungerechte = Bananenrepubliken) oder vertikale (gerechte = mit vergleichbaren Löhne) Arbeitsteilung.

  • @ Adam-Ries:
    Das mit dem Straßenbau war ja nur ein Beispiel. Wenn man auf diese Export-Kredite bzw. -Subventionen verzichtet wird sich schon ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen einstellen, ein Merkmal, dass auf Kolonien ja gerade nicht zutraf. Wenn bspw. der griechische Markt nicht mehr mit den subventionierten Exporten Deutschlands überfüttert würde, könnte ich mir vorstellen, dass sich dann auch dort das wirtschaftliche Treiben intensivieren würde, um den Gütern aus Deutschland eine Gegenleistung bieten zu können. Aber auch wenn nicht kann ja wie gesagt von keiner Kolonie gesprochen werden, solange das Geben und Nehmen stimmt.

  • @ Mitbuerger,
    so kann man das auch sehen, das würde aber zu einer Art Neokolonialismus führen, mit Hochindustrialisierten Länder und Bananenrepubliken innerhalb einer politischen und Wirtschaftsunion.
    Also eine horizontale Arbeitsteilung.
    Nicht unbedingt wünschenswert, denke ich!
    Außerdem nicht rationell weil dadurch die Leistungsfähigkeit von vielen Menschen aus den Bananenrepubliken nicht genutzt würde.
    Diese leistungsfähige Menschen, weil zur Arbeitslosigkeit verurteilt, würden das alte Kontinent massenweise verlassen. Für Europa sicher ein Verlust.
    Europa, durch seine Völkerstruktur braucht eine größere Wirtschaftskonvergenz, mit vertikalen Arbeitsteilung. Es geht nicht um Deutschland, es geht um Europa.

  • @ Mitbuerger,
    wenn aber wir uns von den Griechen unsere Straßen hätten sanieren lassen anstelle sie selbst zu sanieren, hätte es in Deutschland mehr Arbeitslose gegeben.
    Mit dem Exportüberschuss haben wir auch einen Teil unserer Arbeitslosigkeit exportiert.
    Die moderne Produktionsmittel würden einer Wirtschaft wie die deutsche erlauben den Bedarf an Güter der gesamten Währungsunion zu decken, vor allem wenn man die Wochenarbeitszeit auf 45 Stunden wieder erhöht und das Renteneintrittsalter auf siebzig hochschraubt.
    Das Problem: womit sollen die andere Länder diesen Export bezahlen wenn dort alle arbeitslos sind weil sie alles von uns kaufen? Das war nur zum besseren Verständniss des Problems „Überschuss“.
    In Spanien und Portugal gibt es schon fast 50% Jugendarbeitslosigkeit, Italien ist nicht viel besser, von Griechenland ganz zu schweigen.
    Wohlstand durch Exportüberschuss ist nicht anderes als Kapitaltransfer weil die gesamtbilanz zwangsläufig ausgeglichen bleiben muss.
    Mathamatisch zwangsläufig.

  • Und übrigens: Mit der Schaffung von Arbeitsplätzen hat ein Exportüberschuss meiner Ansicht nach nichts zu tun. Arbeit gibt es immer genug, und wenn wir Monumente bauen oder auf den Mars fliegen. Das Problem ist nur eine Verteilungssache, d.h. wer zu welchem Relativlohn in einer Gesellschaft arbeitet.

  • Dass der Dollar über die Wupper geht glaube ich nicht. Es wird jetzt vermutliche eine Zeit höherer Inflation des Dollars im Innenwert (da die anderen großen Währungen gegenüber Realgütern ja auch stark abwerten) geben, aber ansonsten hat der Dollar keinen Grund kaputt zu gehen.

  • Anstatt mehr Export brauchen wir in Deutschland doch mehr Import - von realen Gütern oder Dienstleistungen - ! Wir haben doch bereits einen Exportüberschuss. Im Gegenzug zu diesen Exporten haben wir, wie beispielsweise Herr H.-W. Sinn feststellte, doch viel zu viele Schuldscheine importiert, die allerdings zu einem großen Teil verfallen werden. Wer so wirtschaftet verschenkt Leistung ! Lieber hätten wir uns von den Griechen im Gegenzug unsere Straßen sanieren lassen, anstatt ihnen Kredite zu geben, die sie ohnehin nicht einhalten können.

  • Niemand soll sich Illusionen machen: Euro, Yen und Dollar werden über die Wupper gehen. Da beisst die Maus keinen Faden ab.

  • Man darf jetzt hoffen dass dank des jetzt auf ein realistisches Niveau zurückgekehrter Euro, die Gewinne die Großkonzernen im Euroraum machen wieder im Euroraum reinvestiert werden.
    Auch weil, wegen des Wechselkurs des Euro, Importe aus Nichteuroländer teurer sind, werden wir mehr Produkte Made im Euroland kaufen und weniger importieren.
    Das wird sich auch auf die Arbeitslosigkeit in den Krisenländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit positiv auswirken (Spanien und Portugal 40% - bis 50% Jugendarbeitslosigkeit) und folglich auch auf deren Schulden weil die Sozialausgaben sinken und die Steuereinnahmen zunehmen.
    Deutsche Weltkonzerne, weil im Nichteuroausland engagiert, haben ein unpatriotisches Interesse an einem starken Euro. Sie können dadurch billig im Nichteuroausland produzieren und den Euroraum mit billig Produkte „Made in Germany“ überfluten. Dies mit riesigen Gewinne aber zum Nachteil der schwächeren Eurowirtschaften. Sollte wegen des jetzt richtig bewerteter Euro Erdöl teurer werden, sehe ich es als ein Vorteil, vor allem für die Umwelt. Es muss nicht jeder Deutscher mit einem Panzer unterwegs sein. Schön wäre wenn der Euro noch um ein paar Cents fällt.
    Die richtige Parität liegt bei 1,25,- zum US-Dollar

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%