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Währungskrise Lira-Absturz bringt Schwellenländer in Not

Im Strudel der Türkei-Krise stürzen auch Währungen und Anleihen anderer Länder ab. Werden Russland, Brasilien oder Argentinien mitgerissen?
Update: 13.08.2018 - 18:10 Uhr Kommentieren
Türkei: Lira-Absturz bringt Schwellenländer in Not Quelle: AFP
Türkische Lira

Die Türkei kämpft gegen den dramatischen Verfall der heimischen Währung Lira.

(Foto: AFP)

FrankfurtEine Zentralbank, die Geldinstitute im Falle eines Falles zur Not retten will, ein Finanzminister, der einen Notfallplan für die Wirtschaft in Kraft treten lässt – und die den Verfall der Landeswährung doch nicht stoppen können: Die Türkei stemmt sich mit aller Macht gegen den Staatsbankrott.

Doch die Währungskrise am Bosporus ist längst zur Schuldenkrise ausgewachsen. Die Rendite in Dollar notierter türkischer Staatsanleihen kletterte allein am Montag um fast 90 Basispunkte auf über 9,2 Prozent. Für Papiere in Landeswährung verlangen die Investoren inzwischen fast 21 Prozent Rendite. Die Aktienkurse an der Istanbuler Börse stürzen genauso schnell ab, wie sich die türkische Lira der Schwelle von sieben Dollar nähert.

Die Krise in der Türkei sorgt dafür, dass sich Investoren zunehmend auch aus anderen Schwellenländern zurückziehen. Der brasilianische Real, der argentinische Peso und der mexikanische Peso gerieten am Montag ebenfalls unter Druck. Der südafrikanische Rand fiel um mehr als zehn Prozent auf den tiefsten Stand seit Mitte 2016. Die indische Rupie sackte auf ein Rekordtief ab, und der russische Rubel erreichte zeitweise den tiefsten Stand seit fast zweieinhalb Jahren.

Die Renditen der Staatsanleihen dieser Länder kletterten am Montag ebenfalls weiter, die Aktienkurse notierten im Minus. Immer mehr Anleger stellen sich die Frage: Sind das noch Einzelfälle – oder braut sich eine neue Schwellenlandkrise zusammen?

Jurrien Timmer, Anlagestratege beim US-Fondshaus Fidelity Investments, sagt: „Die Krise hat eindeutig eine neue Stufe erreicht, und nun stellt sich die Frage, ob sie ansteckend wird.“ Kim Doo Un, Volkswirt beim Brokerhaus KB Securities, sieht eine bestimmte Gruppe von Staaten in Gefahr: „Ich glaube, dass die Schwellenländer, die mit US-Präsident Trump eine schwierige Verbindung haben, die Ersten sein könnten, die unter einer Kapitalflucht leiden.“

Bereits seit einigen Monaten hat sich das Umfeld für die Schwellenländer deutlich eingetrübt. Lange Zeit floss wegen der lockeren Geldpolitik in den USA viel Kapital in die Emerging Markets. Zuletzt jedoch haben sich die Kapitalströme umgekehrt. Denn in diesem Jahr sind die Märkte davon überrascht worden, wie schnell die US-Notenbank die Zinsen anheben will. Die Experten gehen inzwischen im Schnitt von vier Zinserhöhungen in diesem Jahr aus.

Ein höheres Zinsniveau in den USA sorgt dafür, dass Anlagen im Dollar-Raum für Investoren attraktiver werden. Um zu verhindern, dass mehr Kapital dorthin abfließt, müssen viele Schwellenländer daher die Zinsen anheben. In diesem Jahr haben das beispielsweise neben der Türkei auch Argentinien, Mexiko, Indonesien und Indien getan.

Hausgemachte Probleme

Der Kapitalbedarf in den USA ist zudem umso größer, weil die Trump-Regierung zu Jahresbeginn massive Steuersenkungen beschlossen hat, die sie weitgehend auf Pump finanzieren will. „Die steigenden US-Zinsen machen Anlagen in Schwellenländern weniger attraktiv,“ erläutert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Insofern hätten die Emerging Markets Gegenwind.

„Aber umgepustet werden sie nur, wenn sie massive hausgemachte Probleme haben.“ Neben der strafferen Geldpolitik spielt außerdem eine Rolle, dass in Zeiten hoher politischer Unsicherheit Investoren ohnehin risikoreichere Anlagen in Schwellenländern meiden und verstärkt in sogenannte sichere Häfen wie US-Staatsanleihen investieren.

In den Schwellenländern achten die Investoren hingegen viel stärker auf Risiken. So warnte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor einer starken Fremdwährungsverschuldung vieler Staaten. Demnach stieg das Volumen der Dollar-Schulden der Schwellenländer im ersten Quartal 2018 auf insgesamt 3,68 Billionen US-Dollar. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind knapp 300 Milliarden Dollar Schulden hinzugekommen.

Treibende Kraft der zunehmenden Verschuldung waren Anleihen in US-Währung. Das Problem: Um die Zinsen für die Staatsanleihen zu bedienen, müssen die Staaten ihre Landeswährung in US-Dollar umtauschen. Wegen des ungebrochenen Höhenflugs des Dollars wächst für die Schwellenländer die Zinslast.

Hinzu kommen länderspezifische Risiken: Dazu gehört etwa in Brasilien die anstehende Präsidentschaftswahl im Oktober, die für Unsicherheit über den weiteren wirtschaftspolitischen Kurs sorgt. Steigende Strompreise erschweren der Notenbank des Landes den Kampf gegen die Inflation – und schwächen damit die Landeswährung weiter.

Russland kämpft ebenso wie die Türkei mit den Folgen der US-Sanktionspolitik: Als Gegenmaßnahme verkündete der russische Finanzminister Anton Siluanow, er wolle verstärkt US-Staatsanleihen auf den Markt werfen, um die Landeswährung zu stärken. Allein: Den Verfall des Rubels und die Kursverluste russischer Staatsanleihen konnte Siluanow dadurch nicht stoppen. In Dollar ausgegebene Papiere rentieren mit deutlich über fünf Prozent.

Mit Brasilien und Russland ringen zwei Schwergewichte unter den Schwellenländern um Stabilität. Und mit der Türkei, Argentinien und Venezuela stehen drei weitere kurz vor dem ökonomischen Kollaps. Zwar hat Argentinien bereits den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe gebeten.

Doch bislang konnte das Land den Exodus ausländischer Investoren nicht stoppen: Die Rendite in US-Dollar notierter argentinischer Staatsanleihen kletterte zuletzt ähnlich schnell wie die Rendite türkischer Staatsanleihen. Noch schlimmer ist die Situation nur in Venezuela: Das Land leidet seit Monaten unter Hyperinflation – Staatschef Nicolás Maduro hält sich nur noch mit militärischer Gewalt an der Macht.

Sonderfall Türkei

Auch wenn die wirtschaftlichen Probleme in diesen Ländern in vielen Fällen hausgemacht sein mögen: Zusammen mit den von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskonflikten und dem starken Dollar bilden sie einen gefährlichen Mix, der die gesamte Anlageklasse in Mitleidenschaft zieht: Der Leitindex für Schwellenländerwährungen, der „MSCI Emerging Markets Curreny Index“, fiel am Montag auf den tiefsten Stand seit mehr als einem Jahr.

Bei den Indizes, die die Entwicklung von Schwellenlandanleihen nachbilden, war das Bild ähnlich: „Das war aus Performancesicht das schlechteste Halbjahr für Euro-Schwellenländeranleihen seit 2008“, sagt Torsten Hähn von der DZ Bank.

Noch sind die meisten Analysten allerdings vorsichtig optimistisch, dass sich die Gemengelage nicht zu einer handfesten Schwellenländerkrise auswächst: „Aus fundamentaler Sicht sollte es nur geringe Wechselwirkungen geben“, schreiben Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs zu den Auswirkungen der Lira-Krise.

Auch Per Hammarlund, Schwellenlandexperte der schwedischen Bank SEB, sagt: „Der Ansteckungseffekt auf Schwellenlandwährungen wird spürbar sein, aber der Lira-Verfall wird keine Krisen in anderen Schwellenländern auslösen. Die Türkei ist ein Sonderfall.“

Dafür spricht auch, dass hohe permanente Leistungsbilanzdefizite, also negative Salden im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland, als wichtiges Warnsignal für Währungskrisen gelten. Viele Schwellenländer haben ihre Leistungsbilanzen zuletzt jedoch verbessert.

Nicht so die Türkei. Dort wird die Krise zusätzlich durch Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank verschärft. „Erdogan hindert die Zentralbank faktisch daran, die hohe Inflation mit hohen Leitzinsen zu bekämpfen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. In anderen Emerging Markets sieht der Ökonom dieses Problem dagegen nicht: „In den meisten Schwellenländern können die Zentralbanken anders als in der Türkei recht frei agieren.“

„Ohne eine drastische Zinserhöhung geht die Türkei bankrott“

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