Recep Tayyip Erdogan

Die Handelspolitik von US-Präsident Trump setzt der Türkei immer mehr zu. Der Kursverfall der türkischen Währung erhöht den Druck auf den Staatspräsidenten spürbar.

(Foto: AFP)

Währungsverfall Die schwache Lira bringt türkische Banken in akute Bedrängnis

Die türkische Lira fällt immer weiter. Ein Ende ist nicht in Sicht – was auch am Streit mit US-Präsident Trump liegt. Was Touristen freut, sorgt im Land für Verdruss.
Update: 09.08.2018 - 15:46 Uhr 2 Kommentare

IstanbulFür den britischen Reiseanbieter Thomas Cook läuft in der Türkei derzeit alles rund. Erstmals habe man mehr Reisen in die türkische Urlaubsregion Antalya verkauft als nach Mallorca, gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Die restlichen bei Briten beliebten türkischen Destinationen wie Fethiye oder die Metropole Istanbul sind da noch nicht einmal hinzugerechnet.

Der wichtigste Grund dafür: Die Lira hat seit Jahresbeginn zum britischen Pfund mehr als 35 Prozent an Wert verloren. Ähnlich sieht es zum Euro und zum US-Dollar aus.

Am Donnerstagvormittag verlor die türkische Währung erneut drei Prozent und notierte auf einem Rekordtief bei 5,44 Lira pro Dollar. Die Rendite auf zehnjährige türkische Staatsanleihen steigt zugleich immer weiter, sie liegt inzwischen bei knapp unter 20 Prozent.

Urlaub in der Türkei ist mittlerweile spottbillig geworden. Doch was Sonnenanbeter aus dem Ausland freut, ärgert die türkische Bevölkerung. Für sie wird alles empfindlich teuer, von Lebensmitteln über Benzin bis hin zu Urlaubsreisen ins Ausland.

Am 24. Juni gewann Recep Tayyip Erdogan die wichtige Präsidentschaftswahl, seitdem ist er mit ausgedehnten Befugnissen ausgestattet. Damals kostete ein US-Dollar 4,58 Lira, zum Jahresbeginn waren es sogar nur 3,75 Lira. Gleichzeitig stieg die Inflation auf 15 Prozent.

Das erhöht den Druck auf Erdogan. Er verliert selbst im regierungstreuen Lager an Unterstützung. Seine Strategie, gegen den Westen zu agitieren und damit auf Stimmenfang zu gehen, geht nicht mehr auf. Es drohen herbe Einschnitte – beim Wohlstand der Bevölkerung und bei seiner politischen Mehrheit.

Ein Grund dafür liegt in den USA, in der globalen Handelspolitik von Präsident Donald Trump. Mit seiner Strategie aus Drohungen, neuen Zöllen und Handelskriegen will er den US-Dollar wieder zur weltweit starken Leitwährung machen. Hinzu kommt, dass die US-Notenbank Fed die Leitzinsen anhebt und damit Investments in dem Land attraktiver werden.

Investoren schichten Vermögen um

Im Umkehrschluss ziehen Investoren Milliarden aus Schwellenländern wie der Türkei ab. Auch das belastet die Währungen dieser Staaten. Ein Phänomen, das auch anderswo zu beobachten ist. So hat etwa der argentinische Peso zum Dollar seit Jahresbeginn fast ein Drittel eingebüßt.

Im speziellen Verhältnis mit der Türkei kommt für Trump eine weitere Angelegenheit ins Spiel. Seit Herbst 2016 steht ein US-Pastor in der Türkei unter Verdacht, Terrorgruppen zu unterstützen. Der Fall ist äußerst undurchsichtig, aber für Trump von größter Bedeutung. Zum einen, weil davon die Unterstützung religiöser Gemeinden in den USA bei den anstehenden Kongresswahlen abhängt.

Zum anderen verlangt Erdogan im Tausch die Auslieferung des türkischen Predigers Fethullah Gülen, der für den Putschversuch in der Türkei im Sommer 2016 verantwortlich gemacht wird. Gülen hält sich seit fast 20 Jahren in den USA auf – dass sie ihn ausliefern, ist extrem unwahrscheinlich.

Hinzu kommt, dass die türkische Führung derzeit viel Vertrauen unter Investoren verspielt. Seit den Wahlen Ende Juni ist Berat Albayrak Finanzminister, Erdogans Schwiegersohn. Als Energieminister machte der 39-Jährige zuvor eine gute Figur. Jetzt vermissen Anleger und Analysten jedoch eine klare Strategie, um dem Währungsverfall und einer drohenden Abkühlung der türkischen Wirtschaft zu begegnen.

Erdogan, Albayrak und der Rest der türkischen Führung unternehmen nichts, um gegenzusteuern. Im Gegenteil: Wie ein Dickkopf spricht sich Erdogan gegen eine Anhebung der Leitzinsen aus. Inzwischen hat der Staatspräsident verstärkten Einfluss auf die eigentlich unabhängig agierende Zentralbank. Stattdessen fordert Erdogan günstige Kredite für Unternehmen.

Und außenpolitisch kämpft Ankara derzeit an zu vielen Fronten, als dass Analysten und Anleger den Überblick behalten können. Die Türkei ist zum geopolitischen Pulverfass geworden. Nicht für alles ist der Präsident verantwortlich. Dennoch ist das Konfliktpotential mächtig groß, und damit die Angst vor einem Knall.

Anleger werden immer nervöser. Die Kurse am Markt für Kreditausfallversicherungen (CDS) stiegen am Donnerstag auf den höchsten Stand seit 2009. So verteuerte sich etwa die Absicherung eines zehn Millionen Dollar schweren Pakets mit fünfjährigen türkischen Anleihen gegen einen Zahlungsausfall um 14.000 auf 370.000 Dollar, wie der Datenanbieter Markit mitteilte.

Das Finanzministerium versuchte die Börsen zu beruhigen. Türkischen Banken und anderen Unternehmen drohten keine Liquiditätsengpässe, hieß es am Donnerstag. Die Wirtschaft werde 2019 voraussichtlich um drei bis vier Prozent wachsen, nach 7,4 Prozent im vergangenen Jahr. Das Haushaltsdefizit werde bei rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzt. Albayrak werde die neuen Pläne für die Wirtschaft am Freitag vorstellen.

Türkische Konzerne setzt die schwache Währung inzwischen erheblich unter Druck. Die Unternehmen des Landes sitzen alleine auf rund 240 Milliarden US-Dollar Schulden, die nicht in der Landeswährung Lira zurückgezahlt werden können. Das heißt: Je schwächer die Heimatwährung wird, desto teurer werden diese Kredite.

Die türkische Dogus-Holding etwa gab am Mittwoch bekannt, ein 2,3 Milliarden Euro schweres Kreditpaket aufgeschoben zu haben. Firmenpräsident Ferit Sahenk erklärte, diese Kredite würden zwei bis vier Jahre später zurückgezahlt als geplant. Dies sei keine Restrukturierung, betonte er, weil der Kredit weiter zu marktüblichen Zinsen zurückgezahlt würde.

Die Dogus-Gruppe, zu der unter anderem die Restaurantkette „Nusret“ des Social-Media-Phänomens „Salt Bae“ gehört, sitzt alleine auf 1,7 Milliarden Euro Schulden, die bis zum Jahresende fällig werden. Insgesamt muss der Konzern 5,2 Milliarden Euro an Krediten zurückzahlen.

Weiterer Kursverfall möglich

Auch der Energiedienstleister EWE aus Oldenburg bekommt den Währungsverfall zu spüren. Das Unternehmen ist seit 2007 auch in der Türkei aktiv, hat dort Hunderte Millionen Euro investiert. EWE muss das Gas zu Dollar-Preisen einkaufen, während ihre türkischen Kunden die Rechnung in Lira bezahlen.

Jetzt will EWE sein Türkei-Geschäft veräußern. Allerdings nur, wenn der Preis stimmt. „Wenn wir jemanden finden, der uns einen fairen Wert bietet, werden wir das Geschäft verkaufen“, sagte Vorstandschef Stefan Dohler in dieser Woche.

Allein: Ein türkischer Käufer fällt damit quasi aus. Schließlich verteuert die schwache Lira den Verkaufspreis für inländische Abnehmer. Ausländische Investoren hingegen schauen bei der Türkei derzeit dreimal hin, bevor sie ein Investment wagen. Zu unsicher und unvorhersehbar ist die Lage.

Experten der US-Großbank Goldman Sachs halten es sogar für möglich, dass der Wechselkurs zum Dollar auf 7,10 Lira steigen könnte. Dann wären die letzten Dollar-Reserven der türkischen Unternehmen aufgebraucht.

Welche alternativen Maßnahmen kann es geben? Hüseyin Aydin, der Präsident der türkischen Bankenvereinigung TBB und Chef der türkischen Landwirtschaftsbank Ziraat Bankasi, will türkische Banken dazu ermutigen, Kredite türkischer Unternehmen zu restrukturieren. Dies sei weltweit gängige Praxis, wenn Unternehmen Probleme hätten.

Erdogan könnte den Internationalen Währungsfonds (IWF) um ein Hilfsprogramm bitten. Solch ein Programm würde von den Mitgliedern co-finanziert, unter anderem von den USA. Doch Trump ließ bereits einen Gesetzentwurf vorbereiten, in dem die Unterstützung für ein türkisches Hilfsprogramm untersagt würde. Ein weiterer Hebel, um Erdogan zum Einlenken zu bewegen.

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2 Kommentare zu "Währungsverfall: Die schwache Lira bringt türkische Banken in akute Bedrängnis"

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  • Liebe Frau Kah,
    Ihrer kryptischen Darstellung kann ich mich nur schwer anschließen. Welche endgültigen Auswirkungen dieses Theater auf die Zukunft der Türkei haben wird, bleibt abzuwarten. Die dafür verantwortliche Krankheit ist doch klar. Sie heißt "Sultanismus" in Person ihres Heilsbringers Recep-"Adolf"-Erdogan. Wer alle seine Kritiker als Terroristen beschimpft, darf eigentlich nicht erwarten, dass man mit ihm fair umgeht. Mag man Trumps Methoden billigen oder nicht, sie sind wirkungsvoll. Und diese Sippenhaft ist nun mal eine unangenehme Folge der Demokratie, einer Staatsform, die gerade von einer deutlichen Mehrheit abgeschafft wurde.
    Wer jetzt noch über einen EU-Beitritt der Türkei nachdenkt, sollte sich nochmals selbst befragen. Auch wäre es nicht ganz verkehrt, die Mitgliedschaft des "kranken Manns am Bosperus" in der NATO zu überdenken. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

  • Sehr geehrter Herr Demircan,

    nehmen wir einmal an, Sie wären Arzt. Dann wäre Ihnen die Unterscheidung zwischen "Krankheit" und "Symptomen der Krankheit" geläufig.

    Sie schildern in Ihren Artikeln mit ständigen Wiederholungen nur einige Symptome. In Ihrem Focus stehen stets die hohe Abwertung der Lira, die hohe Inflationsrate und die hohen Zinsen. Aber damit kennen wir bis zum Überdruß nur einige Krankheitssymptome. Aber an welchen Krankheiten die Türkei tatsächlich leidet, wissen wir leider immer noch nicht.

    Ihre Erklärungsversuche - so sie überhaupt angeboten werden - sind sehr dürftig. Oder glauben Sie allen Ernstes, dass die Währungen aller Entwicklungs- und Schwellenländer gegenüber dem Dollar ins Bodenlose gestürzt sind? Oder dass Trumps Forderung nach Freilassung eines amerikanischen Predigers die Türkei ins Unglück gestürzt hat?

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