Währungsverfall Schwache Lira bringt Banken in akute Bedrängnis

Der Kursverfall der Lira verteuert Auslandskredite. Die Regierung beschwichtigt, Analysten verlieren die Geduld. Und die türkischen Banken wanken.
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Allein am Donnerstag sackte die Währung der Türkei um zwei Prozent ab. Quelle: AFP
Lira

Allein am Donnerstag sackte die Währung der Türkei um zwei Prozent ab.

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IstanbulFür den britischen Reiseanbieter Thomas Cook läuft in der Türkei derzeit alles rund. Das Unternehmen gab am Donnerstag bekannt, dass es erstmals mehr Reisen in die türkische Urlaubsregion Antalya verkauft habe als nach Mallorca. Die restlichen bei Briten beliebten türkischen Destinationen wie Fethiye oder die Metropole Istanbul sind da noch nicht einmal eingerechnet.

Der Grund: Die Lira hat seit Jahresbeginn zum britischen Pfund mehr als 35 Prozent an Wert verloren. Ähnlich sieht es beim Euro- und Dollar-Wechselkurs aus. Allein am Donnerstag sackte die Währung des Landes noch einmal um zwei Prozent ab. Urlaub in der Türkei ist für Europäer deshalb spottbillig geworden. Doch was die Sonnenanbeter aus dem Norden freut, ärgert so gut wie jeden Türken – und bringt inzwischen auch die Banken des Landes in Bedrängnis.

Türkische Bankaktien verloren in diesem Jahr ein Drittel an Wert, fast doppelt so viel wie der größte türkische Aktienindex Borsa Istanbul. Im Juli stufte die US-Ratingagentur Fitch 24 türkische Banken ein weiteres Mal auf Ramschniveau herab.

Hochverschuldete Firmen

Das türkische Finanzministerium versucht, die Börsen angesichts des anhaltenden Verfalls der Landeswährung zu beruhigen. Türkischen Banken und anderen Unternehmen drohten keine Liquiditätsengpässe, teilte es am Donnerstag mit. Doch die Gefahr kommt von anderer Seite: Türkische Unternehmen können ihre Schulden kaum bedienen.

Sollten Konzerne kollabieren, könnte dies in einem Dominoeffekt auch die Geldhäuser mitreißen. Ein Beispiel: Am Mittwoch gab die türkische Dogus-Holding bekannt, ein 2,3 Milliarden Euro schweres Kreditpaket später als geplant tilgen zu wollen. Firmenpräsident Ferit Sahenk sprach von zwei bis vier Jahren Aufschub. Er betonte, dies sei keine Restrukturierung, weil der Kredit weiter zu marktüblichen Zinsen zurückgezahlt werde.

Zum Mischkonzern Dogus gehört unter anderem die Restaurantkette Nusret des Kochs und Gastronomen Nusret Gökçe – auch bekannt unter seinem Social-Media-Namen „Salt Bae“. Dogus sitzt allein auf 1,7 Milliarden Euro kurzfristig fälliger Schulden – sie müssen bis Jahresende zurückgezahlt werden. Insgesamt belaufen sich die Schulden des Konzerns auf 5,2 Milliarden Euro.

Auch dort liegt der Hauptgrund für die Probleme in der schwachen türkischen Lira. Denn türkische Konzerne haben Auslandsschulden in Höhe von rund 230 Milliarden Dollar aufgehäuft. Ihre Rückzahlung wird umso teurer, je schwächer die Lira ist.
Die türkische Zentralbank wäre gut beraten, die Leitzinsen des Landes weiter anzuheben. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan hält dickköpfig dagegen.

Schon allein die Vermutung, der finanzpolitisch unerfahrene Staatslenker könne sich in die Angelegenheiten der Währungshüter einmischen, sorgt seit Wochen für einen Ausverkauf der Landeswährung und türkischer Staatsanleihen. Die Kurse für Kreditausfallversicherungen (CDS) stiegen auf den höchsten Stand seit 2009. So verteuerte sich die Absicherung eines zehn Millionen Dollar schweren Pakets mit fünfjährigen türkischen Anleihen gegen einen Zahlungsausfall um 14.000 auf 370.000 Dollar.

Viele Experten erwarten, dass die Lira auch weiterhin unter Druck bleibt. Analysten der US-Großbank Goldman Sachs halten es sogar für möglich, dass ein Dollar – heute für 5,40 Lira zu haben – demnächst bis zu 7,10 Lira kosten könnte. Würde es so kommen, wäre damit wohl für manches türkische Unternehmen die letzte Hoffnung dahin, mit Lira-Einnahmen die auf Dollar lautenden Auslandsschulden in absehbarer Zeit begleichen zu können.

Der Präsident der türkischen Bankenvereinigung TBB und Chef der türkischen Landwirtschaftsbank Ziraat Bankasi, Hüseyin Aydin, will türkische Banken sogar dazu ermutigen, Kredite türkischer Unternehmen zu restrukturieren. Dies sei weltweit gängige Praxis, wenn Unternehmen Probleme hätten.

Politik steuert gegen

Die Analysten der LBBW Bank bleiben bei ihrer sehr kritischen Einstellung gegenüber der Wirtschaftspolitik in der Türkei und gegenüber Schuldtiteln der türkischen Regierung. „Die kontinuierlich notwendige Finanzierung des beängstigend hohen und steigenden türkischen Leistungsbilanzdefizits kann jederzeit zusammenbrechen, fußt diese doch zu übergroßen Teilen auf schnell flüchtigen kurzfristigen Geldern“, schreiben die LBBW-Experten am Donnerstag.

Finanzminister Berat Albayrak kündigte an, am Freitag ein „neues ökonomisches Modell“ vorstellen zu wollen. Damit solle das Wachstum gedämpft, die Inflation eingedämmt und das Handelsbilanzdefizit stabilisiert werden, hieß es am Donnerstag aus dem Schatzamt in Ankara.

Allein mit welchen Methoden das bewerkstelligt werden soll, ist noch nicht bekannt. „Die Märkte brauchen Details“, fordert daher der Türkei-Experte Timothy Ash vom Vermögensverwalter Bluebay Asset Management. „Die Glaubwürdigkeit ist bereits am Boden.“

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