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Aktienmarkt Warum Athen die gefährlichste Börse Europas ist

Kein anderer Aktienmarkt in der Euro-Zone war in den vergangenen 20 Jahren so volatil wie die Athener Börse. Nun könnte sie zu alter Stärke zurückfinden.
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Aktienmarkt: Warum Athen die gefährlichste Börse Europas ist Quelle: Sygma/Getty Images
Athener Börse

Bis 2007 hatte die Börse ihren Sitz an der Sophokles-Straße.

(Foto: Sygma/Getty Images)

Athen Erfahrene Anleger erinnern sich noch gut an den 17. September 1999, heute vor 20 Jahren. Eigentlich ein ganz normaler Freitag auf dem Parkett der Athener Börse an der Sophokles-Straße.

Im Handelssaal hinter dem klassizistischen Säulenportal haben die Broker alle Hände voll zu tun – wie seit Monaten. Griechischen Aktien sind gefragt wie nie. Der Leitindex der sogenannten Akropolis-Börse springt von einem Hoch zum nächsten.

Auch an jenem Freitag sieht es nach einem neuen Rekord aus. Kurz nach 12:00 Uhr steigt der Index auf 6584 Punkte. Bis zum Handelsschluss gibt das Börsenbarometer zwar 129 Zähler ab. Doch das beunruhigt kaum einen. „Gewinnmitnahmen“, lautet die Erklärung.

Erst im Nachhinein wurde klar: An jenem Freitag war sie geplatzt, die Blase an der Athener Börse. Die „Mutter aller Blasen“, wie es damals John Lomax formulierte, der bekannte Schwellenmarkt-Analyst bei der Großbank HSBC. Noch einmal, im Oktober 1999 konnte der Index mühsam über die 6000-Punkte-Marke klettern. Danach war die Luft endgültig raus.

Auf die Rally folgte eine ebenso rasante Talfahrt. Bis Ende 2000 verlor der Markt fast zwei Drittel seiner Bewertung. Heute steht der Athener Leitindex bei gut 860 Punkten – ein Minus von 87 Prozent gegenüber dem Allzeithoch vor 20 Jahren.

Kursantreiber Euro

Aufstieg und Absturz der Athener Börse hängen eng mit dem Euro zusammen. Die Gemeinschaftswährung war für den Aktienmarkt Segen und Fluch zugleich.

Die Blasenbildung begann im März 1998. Damals wertete die Athener Regierung die Drachme über Nacht um 13,8 Prozent ab und führte die Währung in den Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems – der erste Schritt in die Währungsunion, der Griechenland im Jahr 2000 beitrat. Die Aussicht auf den Euro beflügelte die Börse. Zwischen März 1998 und September 1999 legte der Athener Aktienindex um 313,4 Prozent zu.

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Alle wollten dabei sein. Zum Schluss sprangen auch die Kleinanleger auf den rasenden Börsenzug. Kein Geld für Aktien? Kein Problem: Die Athener Brokerhäuser stellten Kredite bereit. Die Gier war größer als die Angst. In der Hoffnung auf weitere Kurssteigerungen und schnelle Gewinne verschuldeten sich viele Anleger. Der Aktienkauf auf Pump trieb mit dem Ende der Rally viele Griechen in den Ruin.

Erste Zweifel an der Nachhaltigkeit der griechischen Mitgliedschaft in der Währungsunion trübten schon vor dem offiziellen Beitritt in den Euro die Aussichten. Überdies erwiesen sich viele Unternehmen als grotesk überbewertet.

Die Hoffnung auf einen Wirtschaftsboom durch die 2004 ausgerichteten Olympischen Sommerspiele ließ den Leitindex zwar ab Sommer 2003 noch einmal steigen. Mitte 2007 konnte er sogar für wenige Wochen die Marke von 5000 Zählern knacken. Aber danach ging es umso steiler nach unten: Die globale Finanzkrise, die in Griechenland Ende 2009 nahtlos in die hausgemachte Schuldenkrise überging, zwang die Börse in die Knie.

Wurden im Boomjahr 1999 im alten Handelssaal an der Sophokles-Straße noch Tagesumsätze von durchschnittlich 170 Millionen Euro getätigt, zeigt das Tableau heute an vielen Tagen weniger als 50 Millionen Umsatz. Die Marktkapitalisierung fiel von 122 auf 32 Prozent des BIP.

200 börsennotierte Unternehmen weniger

Das bittere Fazit: Wer vor 20 Jahren griechische Aktien ins Depot nahm, hat meist alles verloren. Von damals 288 börsennotierten Unternehmen sind heute nur noch 88 übrig. Besonders gebeutelt wurden die Finanztitel. Die vier systemischen Banken, die in der Krise drei Mal rekapitalisiert werden mussten, haben über 99 Prozent ihres Börsenwerts verloren.

Es gibt allerdings drei Papiere, die heute höher bewertet werden als vor 20 Jahren: Die Aktie des Immobilienentwicklers Lamda Development legte gegenüber damals 25 Prozent zu. Lamda ist Konsortialführer einer Investorengruppe, die rund acht Milliarden Euro in die Entwicklung des früheren Athener Flughafengeländes Ellinikon stecken will – das größte urbane Entwicklungsprojekt Europas.

Die Anteile des Familienunternehmens Karelia, Griechenlands ältester Tabakfabrik, gegründet 1888, werden aktuell zu 274 Euro gehandelt – ein Kursgewinn von 167 Prozent gegenüber dem 17. September 1999.

Der neue Sitz der Athener Börse HELEX. Quelle: dpa
Neue Börse

Der neue Sitz der Athener Börse HELEX.

(Foto: dpa)

Sogar ein Plus von 668 Prozent konnte im selben Zeitraum die Aktie des Einzelhändlers Jumbo verzeichnen. Wie Lamda Development zählt auch das auf Spielzeug und Freizeitartikel spezialisierte Unternehmen Jumbo aktuell zu den Athener Börsenfavoriten.

Seit dem Beginn des Jahres 2019 hat der griechische Leitindex fast 40 Prozent zugelegt. Vor allem die Aussicht auf einen Regierungswechsel beflügelte im ersten Halbjahr die Kurse. Tatsächlich konnte der konservativ-liberale Kyriakos Mitsotakis die Parlamentswahl am 7. Juli klar gewinnen und löste den Linkssozialisten Alexis Tsipras als Premier ab.

Mitsotakis Programm ist wirtschaftlich geprägt, er will mit Steuersenkungen und Strukturreformen Investoren umwerben. So sinkt die Besteuerung der Unternehmensgewinne in diesem Jahr von 28 auf 24 Prozent, die Dividendensteuer will Mitsotakis von zehn auf fünf Prozent halbieren.

Zwar warfen Gewinnmitnahmen nach der Wahl die Börse wieder etwas zurück. Außerdem lassen die globalen Konjunktursorgen und Handelskonflikte auch die Anleger in Athen nicht kalt. Die meisten Marktbeobachter sehen aber weiteres Aufwärtspotenzial, zunächst bis in die Region von 1013 Punkten. Das wäre ein Plus von gut 17 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand.

Als Schlüssel gelten die jetzt von der neuen Regierung angeschobenen Privatisierungsprojekte und die Stabilisierung der griechischen Banken, die immer noch mit immensen Kreditrisiken kämpfen. Die Institute sind beim Abbau der Problemkredite auf einem guten Weg. Eines allerdings scheint sicher: Seinem Allzeithoch von 6484 Punkten wird sich der Athener Leitindex so bald nicht wieder nähern.

Mehr: Athen macht bei der lange verschleppten Privatisierung von Staatsunternehmen jetzt Tempo. Das Programm soll auch das Vertrauen in den Reformwillen der neuen Regierung stärken.

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