Analyse Rekordjagd an der Wall Street – Warum die Anleger den Handelskrieg ignorieren

Ungeachtet des Handelsstreits setzen die US-Börsen ihre Rekordjagd fort. Nichtprofis lässt das am Verstand der Aktienkäufer zweifeln – zu unrecht.
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Die Investoren an der New Yorker Börse stürzen sich auf Anteilsscheine von US-Unternehmen. Quelle: AP
Wall Street

Die Investoren an der New Yorker Börse stürzen sich auf Anteilsscheine von US-Unternehmen.

(Foto: AP)

FrankfurtTrump hat tatsächlich beschlossen, wovor Anlagestrategen als größtes Absturzrisiko an der Wall Street warnen: Unbeirrt verschärft der US-Präsident seinen handelspolitischen Konfrontationskurs. Er verhängte Anfang der Woche zusätzliche Strafzölle auf chinesische Waren. Peking konterte wie befürchtet, überzieht Einfuhren aus den USA künftig mit neuen Gegenzöllen - und dreht so die Protektionismus-Spirale ebenfalls weiter.

Doch wie reagieren die Anleger am weltweit richtungsweisenden Aktienmarkt? Scheinbar ungeachtet der vermeintlichen Horrornachrichten stürzen sich die Investoren auf Anteilsscheine von US-Unternehmen und hievten sowohl den Schwergewichte-Index Dow Jones als auch den marktbreiten S&P 500 am Donnerstag auf neue Allzeithochs. Am Freitag eröffneten beide Indizes auf erneuten Rekordständen.

Das lässt so manchen Nichtprofi am Verstand der Aktienkäufer zweifeln. Es gibt aber durchaus gute Gründe für den jüngsten Kursschub.

Erstens fallen die nun verhängten Zölle bei weitem nicht so umfangreich aus, wie ursprünglich befürchtet: Zuletzt hatten sich zwar unter anderem gewichtige Akteure wie Goldman Sachs in die Riege der Pessimisten eingereiht, die ein abruptes Ende der längsten Wall-Street-Hausse aller Zeiten voraussagen, falls Washington den Handelskonflikt mit China eskalieren lässt.

Doch die Experten der US-Investmentbank bezogen ihre Vorhersagen auf Trumps ursprüngliche Drohung. Da hatte er noch Strafabgaben in Höhe von zehn Prozent auf sämtliche Einfuhren aus dem Reich der Mitte erwogen. Die nun verhängten US-Zölle beziehen sich auf Importe im Umfang von „nur“ 200 Milliarden Dollar. Das entspricht weniger als der Hälfte der gesamten Importe aus China, die sich im vergangenen Jahr auf mehr als eine halbe Billion Dollar summierten.

Zweitens glauben Optimisten inzwischen Signale dafür zu erkennen, dass beide Konfliktparteien eigentlich eine wirtschaftsschonende Beilegung des Handelsstreits anstreben. Selbst die nun neu beschlossenen Zölle könnten ihrer Einschätzung nach zumindest teilweise wieder zurückgenommen werden.

Drittens befeuern überraschend gute Konjunkturdaten die Kauflaune und damit den jüngsten Rekordlauf der Wall Street-Barometer: Weil sich wichtige Geschäftsklimaindikatoren zuletzt deutlich besser als von Volkswirten prognostiziert entwickelt haben und die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 1969 gesunken ist, nehme die Sorgen angesichts der abnehmenden geldpolitischen Unterstützung der US-Notenbank ab.

Zu defensive Investoren müssen jetzt umsteuern

Viertens schließlich hatten sich in den vergangenen Wochen überdurchschnittlich viele Investoren wegen der anhaltenden Diskussionen um einen drohenden Crash an der Wall Street bereits zu defensiv positioniert.

Aus Handelsdaten der Chicagoer Terminbörse geht etwa hervor, dass dort institutionelle Akteure vermehrt Absicherungsgeschäfte abschlossen. Und auch Privatanleger rechneten offenbar mit einer Talfahrt. Darauf lassen sogenannte Sentiment-Erhebungen schließen, die das Stimmungsbild an den Börsen messen. Diese Skeptiker wurden auf dem falschen Fuß erwischt und müssen nun umsteuern.

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