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Börsenindizes Zehn Jahre Bullenmarkt an der Wall Street: Ist es ein Boom ohne Ende?

Länger hielt ein Aufschwung in der US-Börsengeschichte noch nie. Es wird deutlich, wovon die Hausse wirklich abhängt – und das ist kein gutes Zeichen.
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Der größte Gewinner des zehnjährigen Aufschwungs im S&P 500 ist die Aktie der Drogerie Ulta Beauty. Quelle: dpa
Wall Street

Der größte Gewinner des zehnjährigen Aufschwungs im S&P 500 ist die Aktie der Drogerie Ulta Beauty.

(Foto: dpa)

New YorkDie Stimmung war düster am 9. März 2009. „Wie tief können Aktien fallen?“, lautete die Überschrift im „Wall Street Journal“. Und das war keine rhetorische Frage. Der US-Leitindex Dow Jones war schon seit vier Wochen auf Abwärtskurs. Und der breiter gefasste S&P 500 notierte zum ersten Mal seit 13 Jahren unter der Marke von 700 Punkten – und hatte damit gegenüber seinem Spitzenwert vom Oktober 2007 mehr als die Hälfte verloren.

In einer gerade veröffentlichten Analyse kam die Investmentbank Goldman Sachs zu dem Schluss, dass es noch einmal deutlich abwärtsgehen könnte bis auf 400 Punkte. In Wahrheit kam es anders. Der 9. März 2009 ging als der Tag in die Geschichte ein, an dem die amerikanischen Aktienkurse ihren Boden fanden. Der Leitindex S&P schloss an jenem Montag bei 676 Punkten.

Und das war der Beginn eines beispiellosen Bullenmarktes, der dieses Wochenende sein zehnjähriges Jubiläum feiert. In der vergangenen Dekade lieferte der Index der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen im Schnitt eine jährliche Rendite von 17,8 Prozent. Schon seit August 2018 dauert der Bullenmarkt länger an als alle vorhergehenden. Um stolze 310 Prozent legte der S&P seit 2009 zu. Der Dow-Jones-Index stieg um satte 292 Prozent, der Technologieindex Nasdaq gar um gut 580 Prozent.

Die Stimmung ist gedämpft

Zu den Gewinnern der vergangenen zehn Jahre gehören vor allem Technologie- und Gesundheitstitel. Doch trotz des langen Bullenmarkts: Anleger sind derzeit nicht in Feierlaune. Zwar steigen die US-Märkte nach den deutlichen Einbrüchen im Dezember wieder. Doch noch sind die Anleger dabei, verlorenen Boden gutzumachen.

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„Die Stimmung ist gedämpft“, sagt denn auch Erin Browne, Portfoliomanagerin beim Vermögensverwalter Pimco. Angesichts sinkender Wachstumsraten in Europa und Asien und des anhaltenden Handelskriegs der USA sei derzeit Vorsicht angesagt, nicht Euphorie. Zudem steige in den kommenden Monaten der Druck auf die Unternehmensgewinne.

Diese haben im abgelaufenen Jahr deutlich von den Steuersenkungen Donald Trumps profitiert. Die auf diese Weise aufgepumpten Ergebnisse 2019 erneut zu übertreffen gilt als praktisch unmöglich, auch weil die Geschäfte im Ausland schwieriger werden. Analysten der britischen Bank Barclays raten Anlegern dazu, sich auf jene US-Titel zu konzentrieren, deren Geschäft relativ wenig von Europa abhängt.

Schließlich sei die US-Wirtschaft im Vergleich immer noch die robustere. Der größte Gewinner des zehnjährigen Aufschwungs im S&P 500 ist die Aktie der Drogerie Ulta Beauty. Die Firma ist hierzulande kaum bekannt. Doch dank der wirtschaftlichen Erholung und des Booms der Make-up-Industrie legte das Papier seit 2009 um gut 7.300 Prozent zu, wie das Analysehaus Factset berechnet hat.

Auf Platz zwei folgt der Medizingerätehersteller Abiomed mit 6 .700 Prozent. Den dritten Platz belegt der Streamingdienst Netflix (plus 6 .400 Prozent). Im Dow-Jones-Index der 30 größten Konzerne führt Apple die Liste an: Das Papier legte in den vergangenen zehn Jahren um rund 1.400 Prozent zu.

Im Sommer war Apple für kurze Zeit als erstes Unternehmen der Welt mehr als eine Billion Dollar wert. Die schwächste Entwicklung im S&P zeigte hingegen der Telekommunikationskonzern Century Link. Im Dow Jones wuchs der Ölmulti Exxon am wenigsten. Die Papiere der Technologiegiganten Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google, FAANG abgekürzt, waren lange Zeit die Stars der Börsen.

Warnung vor zu viel Optimismus

Addiert man Microsoft, dann war ihre Entwicklung fast allein verantwortlich für das Vier-Prozent-Plus beim S&P im ersten Halbjahr 2018. Die Tech-Werte erlebten im Herbst jedoch eine schwere Krise: Apple verlor bis zu 34 Prozent, Facebook bis zu 40 Prozent, auch weil Datenskandale die Anleger nervös gemacht hatten. Seitdem haben sich die Kurse etwas erholt, noch ist aber unklar, ob sie zu alter Stärke zurückfinden.

Olivia Engel von State Street Global Advisors warnt Anleger vor zu viel Optimismus: Die Renditen der FAANG-Aktien „werden in den kommenden Jahren geringer ausfallen. Das Niveau der vergangenen fünf Jahre ist einfach nicht aufrechtzuerhalten.“
Und doch bleibt der Technologiesektor aufregend: 2019 plant eine ganze Reihe von Start-ups aus dem Silicon Valley den Gang an die Börse.

Den Anfang soll noch im März der Fahrdienst Lyft machen. Der größere Konkurrent Uber könnte wenig später folgen, im Jahresverlauf dann Airbnb, Palantir und Pinterest. Aktienmarktexperte David Ludwig geht davon aus, dass die meisten Tech-Firmen bereit sind für die Börse. Schließlich waren sie deutlich länger in privaten Händen als andere. „Das erhöht nicht nur die Bewertungen zum Börsenstart, sondern hat ihnen auch Zeit gegeben, ihre Struktur aufzubauen und ihre finanzielle Lage besser abzuschätzen“.

Klar ist aber auch: Nicht alle einstigen Start-ups werden das Zeug haben, die GAAFAs von morgen zu werden. Die neue Kohorte an Tech-Unternehmen muss sich noch beweisen. So schreiben Uber und Lyft immer noch Verluste, planen große Zukunftsinvestitionen. Wie viel die Anleger für ihre Wachstumsfantasie zu bezahlen bereit sind, wird sich zeigen. Browne von Pimco erinnert an den Flop von Blue Apron, einem Versender von Kochboxen, der 2017 an die Börse ging.

Investoren wollen Emanzipation vom Leitzins

„Damals haben auch viele gedacht, das sei die neue Generation der Tech-Unternehmen, und haben sich böse die Finger verbrannt.“ Das Papier hat rund 90 Prozent seines Werts verloren.
Ungewiss bleibt, wann dem zehnjährigen Bullenmarkt die Luft ausgeht. Viele Profis warnen schon lange vor dem großen Crash, der bisher ausgeblieben ist – auch dank der Fed.

Im Dezember sorgte die Notenbank zunächst für hohe Kursschwankungen, nachdem Fed-Chef Jerome Powell zwei Zinsschritte für 2019 signalisiert hatte. Im Januar kam dann die Kehrtwende: Die Notenbanker wollten „geduldig“ sein und eine Pause einlegen, teilten sie mit. Die Anleger reagierten beruhigt. So hat Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, seine Erwartung einer Rezession für 2019 oder 2020 gesenkt.

Die Wahrscheinlichkeit für einen breiten Abschwung vor der Präsidentschaftswahl im November 2020 liege nun nur noch bei 35 Prozent, schrieb er auf der Plattform LinkedIn. Vor 18 Monaten sah er sie noch bei über 50 Prozent.
Seit Jahren warten die Investoren darauf, dass die Märkte sich von den Notenbanken emanzipieren. Aber vergeblich. Die hochbewerteten Tech-Werte sind besonders abhängig von der Zinsentwicklung.

Denn mit ihr beeinflusst die Fed nicht nur die Konjunktur, das Wachstum und den Gewinn der Unternehmen. Höhere Zinsen führen auch dazu, dass künftige Erträge im Vergleich zu heute niedriger bewertet werden. Das trifft vor allem Unternehmen, deren Kursstärke auf der Erwartung hoher künftiger Gewinne beruht.

Seit einigen Monaten schauen US-Anleger nicht mehr nur auf mögliche Zinserhöhungen. Mindestens genauso wichtig ist die Bilanzsumme der Fed. Die Notenbank hatte sie einst mit massiven Anleihekäufen aufgepumpt. Jetzt senkt sie sie wieder, indem auslaufende Papiere nicht durch Neukäufe ersetzt werden. Die Zurückhaltung führt in der Tendenz zu höheren langfristigen Zinsen, die Anleihen attraktiver machen und die Aktienbörsen belasten.

Aber auch in diesem Punkt gibt sich die Fed börsenfreundlich: Laut Powell will die Zentralbank demnächst prüfen, wie weit die Bilanz noch geschrumpft werden kann. Die Märkte registrierten das als klares Signal, dass der Bilanzabbau früher oder später endet. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe, die im Herbst zeitweise deutlich über drei Prozent gestiegen war, ist zuletzt wieder unter 2,7 Prozent gesunken.

„Die Notenbanker sind es, denen wir den langen Aufschwung zu verdanken haben“, sagt Octavio Marenzi, Mitgründer der Finanzberatung Opimas. „Sie haben es auch in der Hand, den Bullenmarkt wieder abzuwürgen.“

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