Dax-Ausblick „Der Ausverkauf steht noch aus“ – Märkte erwartet der programmierte Rückschlag

Der Streit um Italiens Haushalt geht weiter. Prognosen signalisieren nachlassendes Wirtschaftswachstum. Ein Umfeld, das nur schwer steigende Kurse zulässt.
Update: 28.10.2018 - 09:52 Uhr Kommentieren
Der Dax ist mit Verlusten aus der Woche gegangen – die Signale für die kommende Woche lassen keine Besserung vermuten. Quelle: Reuters
Handelssaal in Frankfurt

Der Dax ist mit Verlusten aus der Woche gegangen – die Signale für die kommende Woche lassen keine Besserung vermuten.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfWie gewonnen, so zerronnen, hieß es am Freitag an den Börsen. Nach zwei Tagen im Plus rutschte der Deutsche Aktienindex wieder ins Minus – um 0,9 Prozent auf 11.201 Punkte. Die Gründe: Kursverluste bei US-Technologieaktien und die Erwartung, dass die europäische Wirtschaft langsamer wächst. Weitere Anlässe, aus Aktien auszusteigen, liefert der Terminplan in der nächsten Woche zu Genüge.

Höhere Umsätze und Gewinne sind kein Garant für steigende oder stabile Kurse. Das lehrt die abgelaufene Handelswoche. Am Donnerstag hatten Amazon und Alphabet steigende Umsätze und Gewinne berichtet. Doch die anspruchsvollen Anleger hatten noch höhere Erwartungen und störten sich an Amazons verhaltenem Ausblick auf das Weihnachtsgeschäft. Kursverluste waren die Folge. Insofern könnte auch der Computer- und Smartphone-Gigant Apple am Donnerstag die Börsianer enttäuschen.

Der breit gefasste Aktienindex S&P 500 schloss am Freitag mit 1,8 Prozent im Minus und hat damit seine Gewinne in diesem Jahr bereits ausradiert. Seit dem Höchststand am 21 September hat das Börsenbarometer mehr als 10 Prozent verloren. Der Oktober könnte so für die US-Märkte zum schlechtesten Monat seit der Finanzkrise werden.

Mit mauen Konjunkturdaten und -prognosen ging es bereits am Freitag los. Zunächst verkündete das US-Handelsministerium für das dritte Quartal nur noch ein aufs Jahr hochgerechnetes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,5 Prozent. Im zweiten Quartal hatte das Wachstum noch 4,2 Prozent betragen.

Immerhin fielen die Zahlen etwas besser aus als erwartet. In Europa wurden frühere Wachstumsprognosen zurückgenommen. Eine Umfrage unter professionellen Beobachtern der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ergab, dass für dieses Jahr in der Euro-Zone nur noch ein BIP-Plus von zwei Prozent erwartet wird. Noch im Juli hatten die Experten ein Plus von 2,2 Prozent vorhergesagt. Für 2019 senkten sie laut EZB ihre Prognose auf 1,8 von zuvor 1,9 Prozent Wachstum. 

Am Dienstag wird die erste Schätzung des EU-BIP-Wachstums für das dritte Quartal veröffentlicht. Auch Italien und Frankreich veröffentlichen ihre BIP-Zahlen. In Deutschland werden die Arbeitsmarktzahlen für Oktober verkündet. Einen Tag später folgt die Arbeitslosenquoten für Europa, die allerdings den Stand September referiert. Die USA veröffentlichen diese Kennzahl am Freitag, aber wie Deutschland für Oktober.  

Die EZB-Beobachter äußerten sich vor diesem Wochenende auch zu den Inflationserwartungen. Sie beließen sie bei 1,7 Prozent für dieses und die beiden Folgejahre. Ein erster Abgleich mit der Realität ist in dieser Woche möglich. Für Deutschland werden die Inflationsdaten am Dienstag, für den Euro-Raum am Mittwoch veröffentlicht. Die Konjunkturexperten der LBBW erwarten in Europa eine Teuerungsrate für Oktober von 2,1 Prozent. Damit würde der Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent zwar wie im September um 0,1 Prozentpunkte übertroffen, was aber die EZB nicht von ihrer am vergangenen Donnerstag formulierten Linie abbringen wird.

Was ist mit Italien?

Die lautet: Bis Ende des Jahres werden jeden Monat 15 Milliarden Euro in Anleihen investiert – auch in italienische. Gekauft wird nach einem Schlüssel aus Bevölkerung und Wirtschaftskraft. In beiden Kategorien rangiert Italien auf Platz vier und würde nach dem Ausscheiden Großbritanniens um einen Platz vorrücken. Womit einer der größten Unsicherheitsfaktoren für die Börsen, der Haushaltsstreit zwischen der Europäischen Union (EU) und Italien, angesprochen ist.

Die italienische Regierung beharrt auf ihrem von der EU-Kommission zurückgewiesenen Haushaltsplan für das Jahr 2019. Wenn die Börsen am Montag eröffnen, liegt die Neubewertung der Schulden für das Land von Standard & Poors (S&P) vor. Die Ratingagentur beließ am Freitagabend nach Börsenschluss ihr Rating für die italienischen Staatsanleihen bei „BBB“, zwei Stufen über dem Ramschniveau. Dafür senkte S&P aber seinen Ausblick von „stabil“ auf „"negativ“.

Schlechte Bonitätsnoten lassen Anleihekurse sinken und Renditen steigen. Die hohen Renditen laden risikofreudige Investoren zum Kauf ein. So kündigte das Anleiheteam der US-Private-Equity-Gesellschaft Blackrock den Erwerb italienischer Staatspapiere an. Möglicherweise verlassen sich die Amerikaner darauf, dass EZB-Chef Mario Draghi recht behält. Er meinte am vergangenen Donnerstag: „Ich bin zuversichtlich, dass es zu einer Einigung zwischen der Europäischen Union und der Regierung in Italien kommt.“

Dann würden die Kurse steigen und die Renditen wieder sinken, Blackrock also Kursgewinne mitnehmen. Dass Italiens Regierung wenig von der von Draghi angemahnten rhetorischen Zurückhaltung im Haushaltsstreit hält, machte sie am Freitag klar, indem sie Landsmann Draghi vorwarf die Atmosphäre zu vergiften. Das klingt nicht nach Entspannung im Streit mit der EU und wird die Märkte weiter nervös machen.

Es spricht auch dafür, dass die Kurse der Papiere niedrig bleiben und diejenigen, die die Papiere in ihren Büchern haben, Wertberichtigungen darauf vornehmen müssen. Zu den eifrigsten Käufern italienischer Staatsanleihen zählen traditionell die Banken des Landes, denen es ohnehin nicht gut geht. Die Zeitung „La Stampa“ meldete am Freitag, die italienische Notenbank verlange von den Kreditinstituten einen Überblick über die Bestände.

Auf die Bestandslisten dürften Investoren ebenso gespannt sein wie auf die Erkenntnisse aus dem Stresstest, dem die EU-Bankenaufsicht EBA 48 Geldhäuser aus 15 EU-Ländern plus Norwegen unterzogen hat. Darunter sind die vier italienischen Institute Unicredit, Intesa Sanpaolo, Banco BPM und die UBI Banca. Das Ergebnis wird die EBA am nächsten Freitag verkünden.

Schwergewichte legen Zahlen vor

Unter den Unternehmensberichten zum dritten Quartal sind angesichts der jüngst gestiegenen Ölpreise die der Energiekonzerne und Tankstellenketten besonders interessant. Am Mittwoch stellt OMV, am Donnerstag Shell und am Freitag Exxon Mobil Quartalszahlen vor. Typischerweise geht es diesen Gesellschaften bei hohen Rohöltarifen gut.

Im europäischen Bankensektor geht die Quartalsberichterstattung mit BNP Paribas am Dienstag, Santander am Mittwoch und ING am Donnerstag weiter. Die Dax-Quartalsberichte beginnen am Montag mit der Deutschen Börse und werden am Dienstag mit Beiersdorf, Fresenius, Fresenius Medical Care, Lufthansa und Volkswagen (VW) fortgesetzt. Von Lufthansa erwarten die Aktionäre mehr Informationen zur Umorganisation im Konzern, die die Technik-Sparte betrifft.  

VW steht wegen seines Verhaltens bei der Aufarbeitung des Dieselskandals in der Kritik. So sieht die Bundesregierung keinen Grund auf die für den 1. November angekündigte sogenannte Musterfeststellungsklage wegen manipulierender Abgassteuerung zu verzichten. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat die Klage angekündigt, die es ihr bei Erfolg ermöglichen würde, einen Schaden für Tausende VW-Diesel-Fahrer feststellen zu lassen.

Das Hick-Hack um Abgas-Nachrüstung von Diesel-Pkw, Tauschprämien für Dieselfahrzeuge und Fahrverbote ist auch Wahlkampthema in Hessen. So kritisierte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, es sei nicht zu akzeptieren, dass in Amerika Milliarden bezahlt würden, „damit da keiner von VW in den Knast geht. Und hier in Deutschland versuchen die sich vom Acker zu machen.“

Am Sonntag wird in Hessen der Landtag gewählt. Sollten CDU und SPD oder auch nur eine der beiden Parteien erneut massiv Stimmen verlieren, könnte die Großen Koalition aus beiden Parteien auf Bundesebene wackeln. Schon wird für diesen Fall über Neuwahlen spekuliert. Insofern könnte das Wahlergebnis für zusätzliche Unsicherheit an den deutschen Börsen sorgen.

Am Donnerstag dürften es zumindest um die deutschen Aktien etwas ruhiger werden. Einerseits, weil kein deutscher Großkonzern Zahlen vorlegt und auch keine Konjunkturdaten mit Deutschland-Bezug publiziert werden. Anderseits, weil die Börsenhändler ein paar Aufträge weniger erhalten werden als an Wochentagen üblich. Denn in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland ist der katholische Feiertag Allerheiligen ein arbeitsfreier Tag. Allerdings wird in Frankfurt gehandelt.

Insgesamt also trübe Aussichten für den Dax. Helaba-Analyst Markus Reinwand stellt zwar fest, dass das wichtigste deutsche Börsenbarometer „auf Basis der gängigsten Kennziffern ein faires Niveau erreicht hat“. Nach Lehren aus früheren, vergleichbaren Situationen meint er, dass der Kursboden noch nicht erreicht ist. Das Fazit der Helaba: „Der Ausverkauf steh noch aus.“ 


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