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EU-Austritt Welche Aktien ein ungeordneter Brexit besonders hart träfe

Ein „No Deal“-Brexit wird immer wahrscheinlicher und dürfte alles andere als spurlos am Aktienmarkt vorüberziehen. Gewinner gibt es kaum – dafür viele Verlierer.
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Aufgrund des schwächeren Pfund Sterling würden britische Unternehmen, die Waren außerhalb der EU exportieren, im Vergleich zu anderen profitieren. Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Austritt aus der EU

Aufgrund des schwächeren Pfund Sterling würden britische Unternehmen, die Waren außerhalb der EU exportieren, im Vergleich zu anderen profitieren.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

FrankfurtEs wirkt wie ein Horrorszenario, das immer näher rückt. Wenn es am 29. März zum harten Brexit kommen sollte, könnten die Folgen fatal sein – auch am Aktienmarkt. Unter einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) dürfte die Insel zwar mehr leiden als die restlichen EU-Staaten.

„Dennoch wäre dieser Ausgang für alle Staaten ein Desaster“, glaubt Vinay Sharma, Aktienexperte beim genossenschaftlichen Fondsanbieter Union Investment. Experten schließen vor diesem Hintergrund nicht aus, dass dann auch am Aktienmarkt die Stunde der Wahrheit schlägt. Doch welche Branchen und Aktien trifft ein mögliches Brexit-Chaos besonders?

Nach Ansicht der Fachleute würde vor allem der Finanzsektor, der in Großbritannien zu den wichtigsten Branchen gehört, stark leiden, denn die in London beheimateten Institute verlören ihren Zugang zum EU-Finanzmarkt. Auch der britische Immobilienmarkt wäre betroffen, da viele Unternehmen bereits jetzt ihre Kapazitäten auf das Festland verlagern.

Neben den Logistikern wären in ganz Europa die Airlines im Abwärtsstrudel, denn Großbritannien wäre mit seinem Ausscheiden aus der EU auch kein Teil des gemeinsamen Flugmarktes mehr. Die Flugrechte müssten also neu geregelt werden.

„Bei einem harten Brexit werden Unternehmen aus den Bereichen Energie und Rohstoffe wenig negativ tangiert sein, während lokal agierende Versorger und Telekommunikationsunternehmen sowie Banken unter stärkeren Abgabedruck geraten sollten“, analysiert Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Dekabank, die Aussichten.

Die erwartete tiefe Rezession in Großbritannien bei einem harten Brexit wäre für alle lokal agierenden Unternehmen ein schwerer Belastungsfaktor, ergänzt der Dekabank-Stratege. Besonders die Industrieunternehmen wären von einem harten Brexit betroffen, die Wertschöpfungsketten erstrecken sich heute in der Regel über viele Länder.

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Zahlreiche Industrien, speziell auch der Autosektor, nutzen eine Just-in-time-Fertigung. Bei einem harten Brexit würde es zu kilometerlangen Staus in Dover kommen und die Fertigung wäre in Gefahr – ungeachtet der zusätzlichen Zollbelastungen, warnt Union-Investment-Manager Sharma. „In Kontinentaleuropa dürfte vor allem die Automobilbranche betroffen sein.“

Im Vereinigten Königreich selbst werden es dagegen in erster Linie die vom Binnenmarkt abhängigen Unternehmen aus der Finanz- und Hausbaubranche sein“, sagt Britta Weidenbach, Leiterin Europäische Aktien beim Fondshaus DWS.

Aber auch die deutsche Wirtschaft würde Schaden nehmen. Laut einer Studie von Deloitte besitzen rund 1000 Unternehmen aus Deutschland eine Tochter in Großbritannien, allein die 160 größten deutschen Konzerne erwirtschaften dort einen Umsatz von etwa 150 Milliarden Euro – an der Spitze steht die Automobilindustrie gefolgt von den Versorgern und der Verkehrsbranche.

Schon sind Bremsspuren in der Konjunktur sichtbar, die die Ängste der Analysten untermauern. Der gemeinsame Einkaufsmanagerindex für die Industrie und Dienstleistungsbranche fiel in der Euro-Zone im Januar überraschend um 0,4 auf 50,7 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit fünfeinhalb Jahren, wie das Forschungsinstitut IHS Markit mitteilte.

Und die Bundesregierung revidiert ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr kräftig nach unten. Ein Grund dafür: die Hängepartie um den EU-Austritt Großbritanniens. Zusammen mit dem schwelenden Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie einer schwächelnden Weltwirtschaft sehen die Rahmenbedingungen für die Aktienbörsen Anfang dieses Jahres eher schlecht aus.

Sollte es wirklich zu einem harten Brexit kommen, dann wäre ein temporärer Kurseinbruch wahrscheinlich. Denn: Die meisten Profis gehen noch von einem Kompromiss aus, etwa einem Aufschub der Entscheidung und einer neuerlichen Abstimmung.

„Der Aktienmarkt im Vereinigten Königreich weist keine Bewertungsabschläge gegenüber den kontinentaleuropäischen Pendants auf. Ein harter Brexit scheint daher nicht eingepreist“, sagt Weidenbach.
Die Hauptverlierer eines Brexits wären nach Ansicht von Finanzexperten in UK die Bank Lloyds, die Baukonzerne Wimpey und Persimmon, der Lebensversicherer Legal & General sowie die Supermarktketten Tesco und Marks & Spencer.

Kurze Gewinnerliste

Kurzfristig werden zum Beispiel die Supermärkte zwar von Hamsterkäufen profitieren, mittel- und langfristig werden die Nachteile aus einer Rezession und wahrscheinlich steigenden Leitzinsen zur Stützung des Wechselkurses beim Pfund Sterling aber gewichtiger wirken.

Außerhalb Großbritanniens würden die deutschen Autobauer BMW und Daimler sowie Ford in den USA leiden, ebenso Airbus mit seinen Produktionsstätten auf der Insel sowie Ryanair und die spanische Ferrovial mit ihrer Beteiligung am Flughafen Heathrow.

Die Bank of England warnte schon davor, dass sich die Firmen in Großbritannien nicht auf alle Unwägbarkeiten einstellen könnten, die logistischen Herausforderungen seien nicht vollständig abzuschätzen. „Während die Verliererliste beliebig erweitert werden kann, ist die Gewinnerliste eher kurz“, sagt Sharma von Union Investment.

Echte Gewinner gäbe es praktisch nicht. Aufgrund des schwächeren Pfund Sterling würden britische Unternehmen, die Waren außerhalb der EU exportieren, vergleichsweise profitieren. Zu nennen seien hier beispielsweise die Pharmakonzerne Astra-Zeneca und GlaxoSmithKline. „Auch das Konglomerat Associated British Foods (ABF), das neben Primark auch einen Zuckerproduzenten im Portfolio hat, wäre relativ gesehen ein Gewinner.

Wenn Zucker als EU-Importprodukt teurer wird, dürften die Briten mehr inländischen Zucker nachfragen“, erklärt der Union-Stratege. Sollte es nicht zum schlimmsten Szenario kommen, dann sieht DWS-Aktienstrategin Weidenbach ein Erholungspotenzial für den deutschen Leitindex Dax, den europäischen Stoxx 50 und den britischen FTSE-100-Index im „niedrigen einstelligen Bereich“.

Insbesondere internationale Investoren könnten dann nach Einschätzung von Beobachtern wieder ein Auge auf den europäischen Markt werfen. Weil die Folgen für die einzelnen Unternehmen sehr unterschiedlich ausfallen, empfiehlt es sich jedoch nicht, größere neue Engagements bei Indexfonds aufzubauen, die vom Thema Brexit beeinflusst werden.

Vielmehr sind aktiv gemanagte Fonds oder Einzeltitel im ersten Halbjahr voraussichtlich die bessere Wahl. „Bei passiven Produkten wie ETFs sind die Anleger der Zusammensetzung der zugrunde liegenden Indizes ausgeliefert.

Sie sind also gezwungenermaßen auch in Branchen investiert, die durch einen harten Brexit gefährdet sind. In aktiv gemanagten Produkten lässt sich dies gezielt beeinflussen“, erklärt Anlagemanagerin Weidenbach von der DWS.

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