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Gastbeitrag „Wir brauchen eine neue Sicht auf das Risiko“

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DekaBank ist beunruhigt über die fehlende Aktienkultur in Deutschland. Die Vorsorge sei gefährdet, ebenso die Mitsprache in hiesigen Unternehmen. Was jetzt zu tun ist.
  • Oliver Behrens
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Oliver Behrens ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DekaBank.

Oliver Behrens ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DekaBank.

Die Deutschen sind durch negative Erfahrungen mit Aktien geprägt: Die Enttäuschung mit der T-Aktie, Aufstieg und Fall des Neuen Marktes sowie drei Kurseinbrüche in den vergangenen zwölf Jahren haben ihre Spuren hinterlassen.

Die aufkeimende Aktienkultur Ende der 90er Jahre litt von vornherein unter einem Geburtsfehler: Bedingt durch die rasante Entwicklung an den Börsen entstand das Bild vom Aktieninvestment als schnellem Weg zum Reichtum, als Spekulation. Die Idee des langfristigen Sparens durch die Beteiligung an erfolgreichen Unternehmen geriet dabei ins Hintertreffen.

Die zuletzt veröffentlichten Zahlen zur Entwicklung von Aktien- und Aktienfondsbesitz in Deutschland zeigen eine besorgniserregende Tendenz. Nicht nur, dass die Quote insgesamt rückläufig ist, es sind vor allem untere Einkommensschichten, die hier unterrepräsentiert sind. Damit sind gerade Bevölkerungsgruppen mit vergleichsweise wenig Vorsorgerücklagen nicht in die Anlageform investiert, auf die sie unter Renditeaspekten am dringendsten angewiesen wären.

Auch junge Leute, die aufgrund des zur Verfügung stehenden Anlagehorizonts eigentlich für einen langfristigen Vermögensaufbau mit Aktien prädestiniert wären, setzen auf vermeintliche Sicherheit, etwa Festgelder oder Bausparverträge. Langfristig ist diese Entwicklung dazu geeignet, unsere Vorsorgestrukturen auszuhöhlen, zumal sich die Situation der Umlagesysteme durch die demografische Entwicklung verschärfen wird.

Aktien sind Beteiligungen am Produktivkapital einer Volkswirtschaft. Deshalb hat die Zurückhaltung bei Aktieninvestments, also eine niedrige „Investitionsquote“ von deutschen Privatanlegern, auch negative Auswirkungen auf den Standort Deutschland. Privatanleger verzichten auf ein Mitspracherecht in deutschen Unternehmen.

Die Anteilseigner von Dax-Unternehmen sitzen gegenwärtig mehrheitlich im Ausland. Strategische Entscheidungen, die für deutsche Arbeitsplätze Relevanz haben können, werden so unter Umständen aus dem Ausland beeinflusst. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sollte die Politik ein Interesse an einer ausgewogenen Anteilseignerstruktur unter Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten haben, gerade in Schlüsselindustrien.

Mehr wirtschaftliche Allgemeinbildung

Eine entsprechende Aktienkultur zu schaffen, ist vor allem eine gesellschaftspolitische Frage. Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima, das finanzielle Eigenvorsorge stärker fordert und fördert. Dazu müssen zunächst die Rahmenbedingungen für die Wertpapierberatung verbessert werden. Diese ist heute mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden, und es ist fraglich, ob sie damit ihren Zielen noch gerecht werden kann. Das Beratungsprotokoll soll die Beratung dokumentieren, ohne sie zu behindern oder mit Anforderungen zu überfrachten.

Und: Wir brauchen eine neue Sichtweise auf den Begriff Risiko. Die aktuelle Regulierungslogik ordnet Aktien in der Einmalanlage aufgrund ihrer möglichen Schwankungsbreite automatisch der höchsten Risikoklasse zu. Das kann für sich genommen zwar richtig sein.

Aber eigentlich ist diese Betrachtung zu statisch. Der Anlagehorizont oder die Streuung innerhalb eines Portfolios werden außer Acht gelassen, obwohl gerade diese Aspekte das Risikoprofil beeinflussen können. Ein Sparplan auf einen Aktienfonds beispielsweise glättet in Summe die Schwankungen einzelner Titel und reduziert damit das Risiko. Insofern müsste ein Sparplan in einer niedrigeren Risikoklasse eingestuft werden.

Nicht zuletzt muss die Grundlage für einen rationalen Umgang mit Wertpapieren geschaffen werden. Dazu gehört eine breite wirtschaftliche Allgemeinbildung. Hier gibt es noch Potenzial, angefangen in den Schulen. Das Ziel muss sein, Finanzwissen zu fördern: über die Funktionsweise von Wertpapieren, das Zusammenspiel an den Märkten, über den Sinn von Portfoliostrukturierungen und über richtiges Ein- und Ausstiegsmanagement. Je besser ein Anleger informiert ist, desto umsichtiger kann er seine Entscheidungen treffen.

Der Aufbau einer Aktienkultur ermöglicht die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten am Erfolg und am Wachstum einer Volkswirtschaft. Sie hilft, Altersarmut zu vermeiden und trägt damit zur Wahrung des sozialen Friedens in Deutschland bei.

 

Oliver Behrens ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DekaBank

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