Kommentar Warum der Dax zum Mauerblümchen wird

Nicht nur der Handelskonflikt lähmt die Aktienkurse. Vor allem die falschen Strategien der Vorstände sind schuld am negativen Eigenleben des Dax.
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Entgegenkommen im Handelsstreit? – Neue Verhandlungen beflügeln den Dax

DüsseldorfSeit dem Siegeszug der Globalisierung galt an der Börse ein Gesetz: Wer an den Märkten von morgen verdienen will, setzt auf den Deutschen Aktienindex. Denn mit ihrem hohen Auslandsanteil von fast 70 Prozent und ihrer starken Präsenz in Amerika, den boomenden Schwellenländern und China profitieren die Unternehmen aus dem Dax von den Vorzügen der Globalisierung. Das Konzept ging lange Zeit gut auf.

Das Gesetz gilt nicht mehr. Wer vor drei Monaten auf alle 30 Dax-Aktien gesetzt hat, verlor sechs Prozent. Mit den 30 Aktien im amerikanischen Dow Jones ergab sich ein Zugewinn von zwei Prozent. Auf Sicht eines Jahres steht ein Dax-Verlust von zwei Prozent, mit dem Dow ein Gewinn von 18 Prozent.

Auf Dreijahressicht summiert sich der Zugewinn im Dow auf 60 Prozent, mit dem Dax sind es 17 Prozent. Davon stammen neun Prozentpunkte aus Dividenden. Sie müssen fairerweise abgezogen werden, weil nur der Dax mit den Ausschüttungen berechnet ist.

Wer dies als Zufallsentwicklungen abtut, macht es sich zu leicht. Das negative Eigenleben des Dax spiegelt vielmehr die Erwartungen an unsere exportstarke Großindustrie wider: Sie droht zum Verlierer des globalen Handelskriegs zu werden.

Beispielsweise wenn BMW und Daimler ihre in Spartanburg und Tuscaloosa produzierten Limousinen nach China exportieren und sich die Modelle durch Zölle und Gegenzölle immer weiter verteuern.

Umgekehrt profitieren US-Konzerne von den drastisch gesenkten Unternehmensteuern, der Vollbeschäftigung und damit einhergehenden stärkeren Nachfrage der Verbraucher.

Auch löst der Handelskonflikt in einigen Bereichen eine Sonderkonjunktur aus, weil Bergbau- und Stahlfirmen plötzlich wieder in den USA produzieren. Die US-Wirtschaft wächst mit vier Prozent doppelt so schnell wie die in Deutschland.

Aber die Schwäche des Dax reicht weiter. Immer mehr Unternehmen leiden unter falschen oder unterlassenen Entscheidungen. Zwar gibt es noch immer die sehr erfolgreichen. Deren Gewinne und Aktienkurse steigen stetig.

So wie beim Halbleiterproduzenten Infineon, dem Sportartikelhersteller Adidas, dem Gesundheitskonzern Fresenius und bei Europas größter Softwareschmiede SAP. Doch Zulauf erfährt eine zweite Gruppe, die den Dax nach unten zieht.

Ganz vorne mit dabei sind die Deutsche Bank und die Commerzbank, die in zwei Wochen aus dem Dax ausscheiden wird. Beide Bankhäuser leiden zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise unter deren Folgen. Das Nullzinsniveau, welches die Margen schwächt, haben sie zwar nicht zu verantworten. Wohl aber veraltete IT-Systeme und zu hohe Kosten.

Chronisch schwach präsentiert sich Thyssen-Krupp. Nicht einmal im aktuellen und schon lange währenden Aufschwung mit boomender Baukonjunktur fand der Industriekonzern mit großer Anlagensparte aus seinem Krisenmodus heraus. Konzernchef Heinrich Hiesinger musste gehen.

Seine Vorgänger agierten noch schlechter, als sie ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Stahlbooms vor gut einem Jahrzehnt zwölf Milliarden Euro in neue Stahlhütten in Amerika investierten, die im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut waren.

Fragen besorgter Anleger, ob es denn niemanden im Konzern mit betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen gegeben hat, der schon mal etwas vom konjunkturellen Schweinezyklus gehört hat, vermochten das paralysierte Management und die einflussreiche Krupp-Stiftung nie zu beantworten.

Auch die schwergewichtige Autobranche zieht den Dax herunter. Anstatt die Nachfrage nach sparsameren Modellen in der Rezession vor neun Jahren dafür zu nutzen, solche Autos zu entwickeln, saßen BMW, Daimler und VW die Krise aus. VW investierte in neue Software, um die Abgaswerte zu fälschen.

Aufgestiegen in die Riege der Erfolglosen ist die Post. Dass sie mehr als 300 Millionen Euro in ein IT-Projekt investierte, das nie funktionierte und das sie deshalb abschreiben musste, verziehen Anleger noch.

Doch dass der Logistikriese in seiner angestammten Briefsparte die Alarmzeichen viel zu spät wahrgenommen hat, bremst nun die Gewinne, den Aktienkurs und das Vertrauen nachhaltig aus.

Was fehlt, ist der Mut zu Strategiewechseln: weg von unrentablen Geschäftszweigen, wie etwa der Stahlsparte, und dafür hin zum digitalen Anlagenbau – so wie bei Thyssen-Krupp. Oder bei den Autobauern zu Antriebssystemen, die ohne fossile Brennstoffe auskommen. Oder bei den Banken zu digitalen Bezahlsystemen, wie es der Dax-Aufsteiger Wirecard den etablierten Häusern vormacht.

Es muss nicht falsch sein, wenn aktivistische Investoren kursschwache Aktien kaufen und dann im Extremfall den Rücktritt der Führung erzwingen. Wenn solch dramatische Einschnitte ohne Mehrheitsbesitz gelingen, so wie gerade bei Thyssen-Krupp, dann liegt das vor allem daran, dass eine schweigende Anlegermehrheit solche Krachmacher gewähren lässt.

Sie alle eint ein Ziel: sich auf lukrative und zukunftsträchtige Geschäftsfelder zu fokussieren. Damit die Aktienkurse wieder steigen.

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  • Sehr geehrter Herr Dr. Sommer,

    ich habe wenig Lust, Ihnen einen Vortrag zu halten. Deshalb beschränke ich mich auf den Hinweis, dass Sie die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen völlig ausblenden.

    Wir sind in Deutschland stolz auf unseren Sozialstaat ("soziale Marktwirtschaft"), der der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirkt.. Er hat natürlich eine Kehrseite. Löhne, Sozialabgaben und Steuern sind höher als in den USA, Deutschland ist wahrscheinlich der teuerste Produktionsstandort der Welt.

    Dennoch lehnen wir es ab, auf Kosten unserer Kinder und Enkel zu leben. Türmen nicht wie die USA riesige Schuldenberge auf. Dass diese in den USA jedes Jahr um weitere 4 - 6 % wachsen, wirkt dort wie ein riesiges Konkunkturprogramm. Aber das Wachstum der Wirtschaft Jahr für Jahr auf Pump zu stimulieren, halten wir nicht für nachahmenswert.

    Weiter halten wir es hierzulande für keine gute Idee, zur Förderung der Unternehmensgewinne Umwelt und Klima zu zerstören. Ob fracking, Ölförderung in der Tiefsee oder Verfeuerung von Kohle: Leichtfertig Klima und Umwelt aufs Spiel setzen oder zerstören, wollen wir auf keinen Fall.

    Weiter streben wir auch nicht an, dass unsere Banken zur einstigen Zockerei zurückkehren. Deregulierung der Banken ist für uns kein Thema.

    Mein letztes Wort gilt unserer Autoindustrie. Unsere drei Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler haben auf dem Weltmarkt für Premium-Fahrzeuge einen Weltmarktanteil von 80 % erobert. Ich halte das für eine stolze Leistung und den Beweis für die Kompetenz der Vorstände. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass Handelsblatt-Redakteure noch bessere Vorstände wären. Bitte bewerben Sie sich doch einfach. Vielleicht haben die Firmen schon lange auf Sie gewartet.

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