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LTSE Eine Börse für das Silicon Valley

Die Long Term Stock Exchange für langfristig denkende Unternehmen will dieses Jahr an den Start gehen. Die Börse soll ein wachsendes Problem zu lösen.
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Heimat der neuen Börse ist die kalifornische Küstenstadt. Quelle: Bildagentur-online/Ehlers
Blick auf San Francisco

Heimat der neuen Börse ist die kalifornische Küstenstadt.

(Foto: Bildagentur-online/Ehlers)

New YorkAm Anfang war es nur so eine Idee. Was wäre, wenn es eine eigene Börse für innovative und langfristig denkende Unternehmen gäbe? Ein Handelsplatz speziell für Start-ups wie die Fahrdienste Uber und Lyft, aber auch den Elektroautohersteller Tesla und alle anderen Unternehmen, die sich nicht so sehr um vierteljährliche Umsatzsprünge scheren, sondern in fünf, zehn oder 15 Jahren den ganz großen Durchbruch schaffen wollen?

„Viele haben geglaubt, ich spinne“, erinnert sich Eric Ries im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der 40-Jährige ist Unternehmer, Investor und Autor der Silicon-Valley-Bibel „The Lean Start-up“. Darin rät er Start-ups, mit möglichst wenig Kapital schnell ein Produkt auf den Markt zu bringen und es später zu perfektionieren. Eine Methode, die gerade im Silicon Valley viele Nachahmer findet.

Die Idee einer neuartigen Börse, die – natürlich – in San Francisco beheimatet sein würde, ließ Ries nicht los. Bereits im Jahr 2012 gründete er die Long Term Stock Exchange (LTSE) und begann den langwierigen Weg, die US-Börsenaufsicht SEC von seinen Plänen zu überzeugen.

Am 10. Mai kam er seiner kühnen Idee einen großen Schritt näher. Die SEC gab grünes Licht, damit die LTSE der 14. Börsenplatz der USA werden kann. Einige kleinere Genehmigungen stehen noch aus, doch wenn alles nach Plan läuft, könnte die LTSE noch in diesem Jahr mit dem Handel beginnen.

Ries versucht, mit seiner Börse ein wachsendes Problem zu lösen: Start-ups bleiben immer länger in privaten Händen, weil sie abgeschreckt sind von Hochfrequenzhändlern, Aktivisten und Leerverkäufern und dem ewigen Druck, nach jedem Quartal steigende Umsätze zu präsentieren. Dank spendabler Wagniskapitalgeber werden sie ausreichend mit Kapital versorgt, um den Gang aufs Parkett so lange wie möglich aufzuschieben.

LTSE will langfristigen Aktionären mehr Stimmrechte geben

Vom größten Teil des Wachstums und der Wertsteigerung können Kleinanleger somit nicht mehr profitieren. Doch es wird nicht einfach werden, sich als neuer Spieler neben den Platzhirschen New York Stock Exchange (NYSE) und Nasdaq zu behaupten.

In groben Zügen plant die LTSE, langfristigen Aktionären mehr Stimmrechte zu geben. Das soll ein Anreiz sein, die Anteilseigner an sich zu binden und weniger anfällig für den Druck von Aktivisten und Leerverkäufern zu sein, mit denen sich Tesla-Chef Elon Musk bereits seit Jahren streitet. Ries sieht vor, dass sich Unternehmen, die an seiner Börse gelistet und gehandelt werden, zu einem bestimmten Verhaltenskodex verpflichten.

Dazu gehört neben Anreizen für langfristiges Handeln auch die Bereitschaft, das Wohl der Mitarbeiter und der Gemeinden, in denen ein Unternehmen tätig ist, stärker zu berücksichtigen. Es ist ein Ansatz, der auch von Blackrock, dem weltgrößten Vermögensverwalter, zunehmend eingefordert wird.

Schon jetzt bietet die LTSE Software für Start-ups an, mit denen sie zum Beispiel ihre Beteiligungen, den Cashflow, aber auch die Vielfalt bei Bewerbungsverfahren besser überblicken können. Mehr als 50.000 Unternehmen sind laut Ries bereits Kunde. Dieses Angebot soll künftig auch für börsennotierte Unternehmen ausgeweitet werden. „Wir wollen die Unternehmen durch den Börsengang begleiten und darüber hinaus.“ Wie viel Umsatz die LTSE derzeit macht, verrät er nicht.

Anders als andere Börsen will Ries nicht mit dem Handel von Aktien und mit dem Verkauf von Daten Geld verdienen. „Wir streben an, von Unternehmen und deren langfristigen Aktionären Gebühren zu erheben, nicht von den Händlern“, sagt er. Viele Details sind jedoch noch offen, weil die Verhandlungen mit der SEC noch laufen.

Der Plan für eine neuartige Börse kommt nicht überall gut an. Zum einen hat die Kernidee, langfristige Besitzer zu belohnen, einen Nachteil: Sie bevorzugt Gründer und frühe Investoren, die automatisch viel länger dabei sind und sich so einen Großteil der Macht sichern.

Management könnte schwieriger abgewählt werden

„In guten Zeiten mag das nicht viele Anleger stören. Doch wenn das Management nicht besonders effektiv ist, kann es nur sehr schwer oder gar nicht abgewählt werden“, gibt Larry Tabb, Chef der auf Kapitalmärkte spezialisierten Analysefirma Tabb Group, zu bedenken.

Zum anderen werden Unternehmen, auch wenn sie an der LTSE gelistet sind, weiterhin Quartalsberichte veröffentlichen müssen. Das ist eine Vorschrift, die die SEC und nicht einzelne Börsen vorgeben. „Daher muss sich zeigen, wie viel Unterschied sie eigentlich machen können“, sagt Octavio Marenzi, Mitgründer der Finanzberatung Opimas.

Ries geht davon aus, dass sich viele der künftigen LTSE-Kunden für ein sogenanntes duales Listing entscheiden werden, sie somit an einer der großen Börsen gelistet sein werden, ebenso wie an der LTSE. „Wir haben unsere Standards absichtlich so festgelegt, dass sie mit denen der großen Handelsplattformen kompatibel sind“, sagt Ries. Die der LTSE würden lediglich über das hinaus gehen, was bislang vorgeschrieben ist.

Die Marktmacht etablierter Handelsplätze ist ungebrochen. Zwölf der 13 Börsen in den USA gehören drei Börsenbetreibern: der NYSE, der Nasdaq und der Cboe. 2012 wurde die unabhängige Börse IEX gegründet. Sie war explizit mit dem Ziel gestartet, Hochfrequenzhändlern das Leben schwer zu machen und vor allem den Interessen langfristiger Investoren zu dienen. Bis heute hat sie nur einen Marktanteil von rund drei Prozent erreicht.

Doch der Unmut über die Platzhirsche steigt, nicht nur wegen der Preise für die Transaktionen, sondern auch wegen der hohen Gebühren für die Lieferung von Daten, was mittlerweile ein wichtiges Standbein für die Börsenbetreiber geworden ist.

Im Januar schlossen sich die Fondsgesellschaft Fidelity, die Bank Morgan Stanley, die Investmentgesellschaft Citadel und andere Finanzinstitute zusammen, um ihre eigene, günstigere Börse zu gründen. Die Members Exchange (Memx) wird ihren Hauptkunden gehören und arbeitet ebenfalls gerade an einer Genehmigung von der SEC.

Investoren wollen Alternative zum derzeitigen System

Für seine Börse hat Ries nach eigenen Angaben einflussreiche Unterstützer gewonnen. Zu den Investoren zählen die Risikokapitalgeber Marc Andreessen und Peter Thiel. In der Long Term Investor Coalition habe er zudem institutionelle Investoren hinter sich geschart, die seine Mission unterstützen. Insgesamt würden sie „mehrere Milliarden Dollar“ an Vermögenswerten verwalten.

Die Namen der Investoren sind noch geheim. Doch sie alle wollen eine Alternative zum derzeitigen System. Gründer würden sich schließlich schon jetzt über eine duale Aktienstruktur eine deutliche Mehrheit der Stimmrechtsanteile sichern, gibt Ries zu bedenken.

Das haben unter anderem die Gründer von Lyft zum Börsengang so gehandhabt, ebenso wie Mark Zuckerberg bei Facebook und Evan Spiegel bei Snap. „Wir haben schon so große Extreme, ich glaube, dass es Raum für Kompromisse gibt“, sagt Ries. Wenn er Erfolg hat, könnte die LTSE das wichtigste Start-up für andere Start-ups werden.

Mehr: Die gefloppten Börsengänge von Lyft und Uber schaden auch den anderen Start-ups, die noch an die Börse wollen. Lesen Sie hier die Lehren aus dem Uber-Börsengang.

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