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Nach Demonstrationen Die Reichen fliehen aus Chinas Finanzzentrum Hongkong

Der Ruf der asiatischen Metropole ist unter vermögenden Anlegern angekratzt. Sie fürchten Pekings wachsenden Einfluss – und sehen sich nach Alternativen um.
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Auch bei Investoren steigt die Sorge vor Interventionen aus Peking. Quelle: AP
Demonstranten in Hongkong

Auch bei Investoren steigt die Sorge vor Interventionen aus Peking.

(Foto: AP)

Peking, Bangkok Eigentlich wollte der Hongkonger Immobilienentwickler Goldin Financial umgerechnet rund 1,4 Milliarden Dollar in ein neues Bauprojekt investieren. Doch einen Tag nach dem ersten Großprotest mit Hunderttausenden Teilnehmern in diesem Juni gegen Chinas wachsenden Einfluss in der früheren britischen Kolonie rief Geschäftsführer Abraham Shek eine Vorstandssitzung ein.

In letzter Minute fiel darin die Entscheidung, den Deal doch noch platzen zu lassen – und dafür eine 3,2-Millionen-Dollar-Strafe zu akzeptieren. Die Gründe für die Entscheidung waren laut Goldin Financial „soziale Widersprüche und wirtschaftliche Instabilität“ in Hongkong.

Die wohlhabende Metropole ist seit Jahrzehnten eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt. Doch politische Turbulenzen und die Angst vor Interventionen aus Peking kratzen am Ruf der Stadt als sicherer Hafen für Investoren und Vermögende.

Massenproteste gegen ein kontroverses Auslieferungsgesetz, das es ermöglichen sollte, Verdächtige an die Justiz auf dem chinesischen Festland zu überstellen, machten weltweit auf die Gefahr aufmerksam, dass Hongkong immer mehr seine Unabhängigkeit verliert. Das umstrittene Gesetz ist laut Regierungschefin Carrie Lam zwar erst einmal vom Tisch. Doch Verunsicherung bleibt nicht nur bei Aktivisten, sondern auch bei den wohlhabenden Anlegern.

Die schlecht geführten Diskussionen über das Auslieferungsgesetz hätten dem Finanzplatz geschadet, sagt Michael Benz, ein früherer Privatbanker, der heute für die Finanzberatung Synpulse in Hongkong tätig ist. „Die Vertrauenswahrnehmung hat gelitten. Hongkongs größter Wettbewerbsvorteil ist die unabhängige Justiz. Und die scheint in Gefahr zu sein“, sagt Benz.

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Ähnlich äußert sich Marc Geary, Leiter des Family Offices Major Domus. „Bei den Superreichen beobachten wir seit der Regenschirmbewegung von 2014 den Trend, dass sie ihre Anlagen immer weiter diversifizieren, um politisches Risiko zu vermeiden“, sagt er. Die Diskussionen und dann Proteste rund um das Auslieferungsgesetz seien ein „weiterer Katalysator“ für seine Klienten, darüber nachzudenken, ob sie ihre „Finanzinfrastruktur“ weiter in Hongkong belassen wollen.

Nervöse Banken

Einige denken offenbar nicht mehr nach, sondern handeln bereits. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete Mitte Juni unter Berufung auf Finanzkreise, dass ein reicher Unternehmer, der sich politisch exponiert fühlte, angesichts der politischen Unsicherheiten 100 Millionen Dollar von einem Citibank-Konto in Hongkong auf ein Konto in Singapur transferierte.

Die wachsende Nervosität ist auch an der Kreditvergabe Hongkonger Banken untereinander abzulesen. Die Refinanzierungskosten stiegen Mitte Juni auf den höchsten Stand seit 2008. Dass die Ängste vor zunehmender Rechtsunsicherheit in Hongkong durchaus berechtigt sind, bekam vergangene Woche Albert del Rosario zu spüren.

Früher war der 79-Jährige Außenminister der Philippinen und übte in dieser Funktion deutliche Kritik an Chinas expansiver Politik in der Region. Inzwischen ist der studierte Ökonom Privatmann und sitzt im Direktorium der Hongkonger Investmentmanagementgesellschaft First Pacific.

Doch die Behörden machen es ihm nun schwer, seinen Aufgaben nachzukommen: Del Rosario wollte eigentlich nach Hongkong reisen, um dort an einer Vorstandssitzung teilzunehmen. Doch obwohl er mit Diplomatenpass unterwegs war, verweigerten die Grenzschützer dem erklärten Kritiker von Chinas Präsident Xi Jinping die Einreise und schickten ihn zurück nach Manila. „Das ist reine Schikane“, klagte del Rosario.

Aaron Connelly, der von Singapur aus die Politik der Region für das International Institute for Strategic Studies (IISS) beobachtet, sieht den Vorfall als Warnung für die Wirtschaft: „Wenn man ein Geschäftsmann mit politischen Ambitionen ist, sollte man wohl darüber nachdenken, sein Geld aus Hongkong abzuziehen“, kommentierte er. „Hongkongs Ruf als sicherer Hafen für Kapital droht zu erodieren.“

Hongkong mit großem Vorsprung

In Connellys Wahlheimat Singapur hofft man, von dieser Entwicklung profitieren zu können. Seit Langem konkurrieren die beiden asiatischen Metropolen um den Titel des wichtigsten Finanzplatzes in der Region. In dem Global Financial Centres Index, der auf Umfragen unter Bankmanagern basiert und zuletzt im März aktualisiert wurde, liegt Singapur nur wenige Punkte hinter Hongkong. Im globalen Vergleich rangieren beide Städte knapp hinter den führenden Finanzplätzen New York und London.

Was das Volumen des verwalteten Vermögens angeht, liegt Hongkong mit 790 Milliarden US-Dollar laut dem Beratungsunternehmen Deloitte zwar deutlich vor Singapur mit 470 Milliarden Dollar. Hongkong wies in den Jahren 2010 bis 2017 mit einem Zuwachs von 122 Prozent auch deutlich höhere Steigerungsraten auf.

Finanzmanager in Singapur glauben aber dennoch, dass der südostasiatische Stadtstaat angesichts der politischen Entwicklung in Hongkong den Trend zu seinen Gunsten umkehren und zumindest den Rückstand verkleinern könnte. Bei der Popularität unter Vermögenden als Wohnort liegt Singapur laut dem „Global Wealth Report“ der Schweizer Großbank Credit Suisse sogar leicht vorne: mit rund 184.000 ansässigen Millionären im Vergleich zu 179.000 in Hongkong.
„Der Trend, dass Geld aus Hongkong abfließt, ist nicht neu“, sagt Philipp Piaz, Präsident der Association of Independent Asset Managers Singapore und Partner bei der Vermögensverwaltung Finaport. „Während kurz nach der Übergabe an China aber vor allem Vermögende aus dem Westen ihr Geld abgezogen haben, sind es jetzt zunehmend auch Chinesen, die sich in Hongkong unwohl fühlen.“ Hongkongs Stabilität sei durch Chinas wachsenden Einfluss infrage gestellt. Singapur biete ihnen aus seiner Sicht deutlich mehr Rechtssicherheit – und eine größere Distanz zur mächtigen Regierung in Peking.

Keine Schadenfreude

Vorteilhaft ist die Distanz, wenn Gelder vor dem Zugriff chinesischer Behörden geschützt werden sollen. Ein Nachteil ist sie aber, wenn das Vermögen mit Geschäften auf dem chinesischen Festland verbunden ist. Finanzberater Geary glaubt, die meisten Superreichen in Hongkong würden die Sonderwirtschaftszone auch deswegen nutzen, weil sie als Tor zum chinesischen Festland gilt.

„Singapur fehlt dieser Aspekt. Deswegen werden die meisten erst einmal hier bleiben“, meint Geary. Denn andere Jurisdiktionen könnten aufgrund des unsichereren Umfelds wegen des Handelskonflikts zwischen China und den USA ebenfalls riskant werden.

„Es herrscht unter den Tycoons inzwischen Angst vor dem Unbekannten. Denn für sie ist das politische Umfeld derzeit schwer abzuschätzen. Gleichzeitig könnten die regulatorischen Risiken größer werden“, warnt Geary.
Die Finanzaufsicht in Singapur bestätigt, dass ungewöhnlich große Geldflüsse aus Hongkong bisher ausgeblieben sind.

Auch Schadenfreude angesichts der Reputationsprobleme des Finanzplatzes in Hongkong verkneift sich die zuständige Behörde MAS. „Ich glaube, dass die Frage zu sehr durch die Wettbewerbsbrille betrachtet wird“, sagte MAS-Geschäftsführer Ravi Menon am Donnerstag. Die Finanzplätze in Hongkong und Singapur würden seiner Meinung nach auch voneinander profitieren. Menon warnte daher: Lang anhaltende Unsicherheit in Hongkong würde auch Singapur schaden.

Mehr: Die Lasik-Kette Euroeyes plant den ersten deutschen IPO in Hongkong. Mit dem Geld sollen auch neue Kliniken entstehen.

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