Ölmarkt Brent steigt über die 85-Dollar-Marke – Am Markt macht sich die Angst vor einer Ölpreis-Explosion breit

Die US-Sanktionen gegen den Iran sorgen für einen Engpass am Ölmarkt und hohe Preise. Die Angst vor bleibenden Schäden für die Weltwirtschaft wächst.
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Ölpreise: Die Angst vor der Ölpreis-Explosion Quelle: Xinhua / eyevine
Rohstoffförderung im Iran

Am 4. November sollen die neuen US-Sanktionen kommen.

(Foto: Xinhua / eyevine)

LondonAls Chef der Internationalen Energieagentur IEA übt sich Fatih Birol meist in gepflegter Diplomatie. Umso ungewöhnlicher ist der eindeutige Appell, den Birol an das Ölförderkartell Opec richtet: Die Förderländer sollen ihre Produktion massiv ausweiten, sagte er am Dienstag am Rande der Fachkonferenz Oil&Money 2018 in London gegenüber Bloomberg TV. „Wir sollten uns alle der riskanten Situation bewusst werden. Die Ölmärkte geraten in den roten Bereich.“

Am Dienstag hatte der Ölpreis seine jüngste Rally fortgesetzt. Die Nordseesorte Brent stieg zwischenzeitlich über die Marke von 85 Dollar pro Barrel und liegt weiter auf dem höchsten Niveau seit vier Jahren. Auch die Preise für die US-Sorte WTI zogen deutlich an.

Ein Ende des Höhenflugs sieht IEA-Chef Birol nicht: „Sollten größere Schritte der Schlüsselproduzenten ausbleiben, dürfte das vierte Quartal dieses Jahres sehr, sehr schwierig werden“, warnt er. Was den gelernten Ökonomen besonders beunruhigt: „Die hohen Energiepreise kommen zu einer Zeit, in der die Weltwirtschaft an Momentum verliert.“ Bei ihm und vielen anderen Beobachtern wächst die Sorge, dass die hohen Ölpreise die globale Konjunktur abwürgen.

Ein Risiko, das auch die Analysten der Bank of America Meryll Lynch sehen: „Höhere Ölpreise scheinen unausweichlich“, schreibt Ölexperte Ethan Harris in einer am Dienstag veröffentlichten Studie. Ein Ölpreis-Schock sei eines der drei größten Risiken für die Weltwirtschaft, neben einer Eskalation des Handelskonflikts und einer neuen Euro-Krise. Steigt der Ölpreis über die Marke von 100 Dollar pro Barrel, könnte das das globale Wachstum um 0,2 Prozentpunkte drücken.

Hauptreiber des jüngsten Ölpreis-Anstiegs sind die US-Sanktionen gegen den Iran, die am 4. November vollständig umgesetzt werden sollen. Immer stärker zeichnet sich ab, wie hart die Maßnahmen das Land schon jetzt treffen. Wie am Dienstag bekannt wurde, hat der Iran Anfang Oktober durchschnittlich nur noch 1,1 Millionen Barrel Öl täglich exportiert.

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Im September lagen die Ausfuhren noch bei 1,6 Millionen Barrel, vor der Androhung der US-Sanktionen waren es sogar noch 2,5 Millionen Barrel. Damit sind die Ausfuhren des Irans innerhalb weniger Monate um 56 Prozent eingebrochen.

Die hohen Preise treffen die Schwellenländer am stärksten

Neben Europa haben besonders asiatische Länder ihre Iranimporte zuletzt drastisch gekappt. Die US-Verbündeten Japan und Südkorea führen gar kein Öl aus dem Land mehr ein. Doch auch die Hoffnung des Irans, China und Indien könnten ihre Importe aufrechterhalten, haben sich zuletzt nicht erfüllt.

Dabei gehören Schwellenländer, die wie Indien auf Ölimporte angewiesen sind, zu den Staaten, die von den hohen Preisen am stärksten betroffen sind. Sie verschärfen das Leistungsbilanzdefizit vieler Länder weiter, die ohnehin gebeutelten Landeswährungen geraten noch stärker unter Druck.

Um die Ausfuhren zu stabilisieren, lockt der Iran Indien mit attraktiven Konditionen: Der Staat am Persischen Golf verspricht kostenlose Lieferung und hat sogar in Aussicht gestellt, Bezahlung in Landeswährung zu akzeptieren, wie die Fachpublikation „Energy Intelligence“ berichtet.

Kein Wunder also, dass der indische Ölminister Dharmendra Pradhan auf Milde von US-Präsident Donald Trump hofft: „Wir müssen unseren Bedarf decken“, betont er. „Wir hoffen, dass die Staatenlenker dieser Welt unsere Bedürfnisse verstehen und anerkennen.“

Der Höhenflug des Ölpreises könnte auch einem anderen Bereich des Energiemarktes mit nach oben ziehen: die Erdgas-Industrie. Erdgas wird in der Einheit „Million British Thermal Units“ MMBtu gehandelt. Ein Barrel Öl liefert so viel Energie wie sechs Millionen Btu Erdgas. Das bedeutet: Bei einem Preisverhältnis von eins zu sechs ist Erdgas genauso teuer wie Öl.

Doch der Preis für Erdgas ist bislang nicht im gleichen Umfang wie der Ölpreis gestiegen. Die Folge: Das Verhältnis vom Ölpreis zum Gaspreis nähert sich dem Fünfjahreshoch von eins zu 28. Erdgas ist also gemessen an seinem Energiegehalt dramatisch unterbewertet. Das könnte viele Länder dazu bewegen, einen Teil der Energieproduktion von Öl auf Erdgas umzustellen.

Energiekonzerne bleiben Öl weiter treu

So erwartet Saad al-Kaabi, Chef des größten Erdgasproduzenten Qatar Petrolium, dass der Anteil des Rohstoffs am globalen Energiemix von 22 Prozent auf 26 Prozent im Jahr 2024 steigen dürfte. Erdgas sei keine Zwischenlösung, sondern ein wichtiger Zukunftsrohstoff, sagte er am Dienstag auf der Oil&Money-Konferenz.

Besonders China und asiatische Länder seien in Zukunft ein wichtiger Absatzmarkt, ergänzte Michael Sabel, Co-Chef des Projektentwicklers Venture Global LNG. „Die Nachfrage ist da, sie muss nur erfüllt werden.“

Ein Ziel, das sich offenbar auch Ben van Beurden, der Vorstandschef von Shell, gesetzt hat. Er versichert, Shell werde trotz seiner Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien weiter auf Öl und Gas setzen. „Da werden wir nicht weich.“ Er erwartet, dass ab 2020 die Nachfrage nach Erdgas das Angebot übersteigt. Den Ölmulti Shell sieht er dafür gut gerüstet: Schon heute werde ein Drittel der Investitionen in Erdgasprojekte gesteckt. „Wo Erdgas ist, da wird auch Shell sein.“

Die kurzfristigen Produktionsengpässe und damit die Preisspitzen beim Öl abzufedern vermag Erdgas jedoch nicht. Und so ist es an der Opec, zusätzliche Produktionskapazitäten zu schaffen. So kündigte Saudi-Arabien kürzlich an, die Tagesproduktion auf den Rekordwert von 10,7 Millionen Barrel hochzuschrauben.

Energieexperten wie IEA-Chef Birol haben jedoch immer stärkere Zweifel, dass das ausreicht, um die Gefahr des Ölpreises für die Weltwirtschaft einzudämmen.

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