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US-Aktien Die Skepsis an der Wall Street nimmt zu

Die US-Aktienindizes S&P 500 und Dow Jones bewegen sich auf Rekordniveau. Doch das könnte sich ändern, prognostizieren Experten.
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Die Aktienkurse klettern trotz schwächerer Wirtschaftsdaten auf neue Höchststände. Quelle: Xinhua / eyevine / laif
Börse New York

Die Aktienkurse klettern trotz schwächerer Wirtschaftsdaten auf neue Höchststände.

(Foto: Xinhua / eyevine / laif)

Frankfurt An den US-Börsen geht es in diesen Tagen Schlag auf Schlag. Die beiden Aktienbarometer Standard & Poor’s 500 und Dow-Jones-Index markieren einen Rekord nach dem anderen. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, urteilen offenbar derzeit die Anleger. Obwohl schwächere Wirtschaftsdaten und Handelsrisiken die Konjunkturaussichten eintrüben, klettern die Aktienkurse auf neue Höchststände.

„Die Kurse steigen trotz schlechter Nachrichten, da Anleger eine Konjunkturstütze durch die Geldpolitik erwarten“, gesagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Für den Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, zählt vor allem das Risikomanagement, wie er jetzt in seiner Rede vor dem US-Kongress deutlich gemacht hat.

In der Anhörung hat Powell auf Risiken für die Konjunktur hingewiesen. Alles andere als eine Zinssenkung Ende Juli wäre daher eine Überraschung.

Wenn Powell die Geldpolitik wie erwartet lockert, wird das der Konjunktur nicht viel nützen, befürchtet allerdings die US-Bank Morgan Stanley. Das Institut senkt wegen dieser Bedenken sein Anlageurteil für globale Aktien auf „untergewichten“. Der Aktienanteil werde auf das niedrigste Niveau der vergangenen fünf Jahre gesenkt, wie aus einer Präsentation der Chefaktienstrategen für Europa und die USA, Graham Secker sowie Michael Wilson, hervorgeht.

Für europäische Aktien ist das Duo jedoch freundlicher gestimmt als für den Rest der Welt und geht davon aus, dass sie sich besser entwickeln werden als die US-Märkte. Zwar sind in den vergangenen 30 Jahren europäische Aktien vergleichsweise stark gefallen, wenn es zu Korrekturphasen kam. Doch dies habe sich geändert, konstatieren die Analysten um den Strategen Secker.

Die aktuell größere Attraktivität der europäischen Aktienmärkte führt Morgan Stanley auf die erwartete Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zurück. Im vierten Quartal des laufenden Jahres werde die Notenbank in Europa ihre Anleihekäufe wieder starten. „Historisch gesehen sind heimische Aktienmärkte immer in vier bis sechs Monaten nach der Ankündigung von Anleihekäufen gestiegen“, berichtet Secker in der Studie von Morgan Stanley.

Die Anleihekäufe könnten die Bewertung der Aktien gemessen am Gewinn (das KGV für 2019) um fünf bis zehn Prozent erhöhen. Das würde Spielraum für die Aktienkurse eröffnen. Außerdem enttäuschten Konjunkturdaten in Europa weniger als in anderen Regionen der Welt. Erfahrungsgemäß seien europäische Aktien in diesen Phasen besser gelaufen. Morgan Stanley spricht von einer zweistelligen Überperformance gegenüber anderen Regionen.

Schwere Zeiten für die US-Wirtschaft

Dass selbst eine Zinssenkung der Fed der US-Wirtschaft nur wenig helfen wird, davon ist die US-Großbank JP Morgan überzeugt. Wie Karen Ward, Chefstrategin für europäische Märkte, und Tilmann Galler, Stratege für den globalen Aktienmarkt bei JP Morgan Asset Management, in ihrem Ausblick für das zweite Halbjahr schreiben, halten sie es für „unwahrscheinlich, dass sich die Abkühlung der US-Konjunktur verhindern lässt“, selbst wenn die Zinsen gesenkt werden.

Der Markt habe bereits drei Zinssenkungen bis zum Jahresende eingepreist. Das sei eine andere Einschätzung als noch im September vergangenen Jahres, als noch mit zwei Zinserhöhungen gerechnet wurde. Aktuell hält JP Morgan „mindestens“ zwei Zinsschritte für wahrscheinlich.

Bis Jahresende erwarten die Experten ein um einen Prozentpunkt abgeschwächtes Wachstum in den USA und begründen das mit dem auslaufenden Effekt der Steuererleichterungen. Ob die Abkühlung stärker ausfalle, hänge davon ab, wie die Unternehmen auf die globalen Konflikte reagierten, urteilen Ward und Galler.

Gegenwärtig befinden sich die US-Privathaushalte in guter Verfassung. Ihre finanzielle Situation sei im historischen Vergleich stark, und die Arbeitslosigkeit rücke in die Nähe des tiefsten Standes seit 50 Jahren.

„Sollte sich der Unternehmenssektor jedoch von der Handelsagenda verschrecken lassen und sowohl Stellen als auch Anlageinvestitionen streichen, könnten die Konsumausgaben zurückgehen“, warnen sie. Die beiden Strategen wollen deshalb die Beschäftigungssituation genau beobachten und gehen erst einmal von einer Stagnation von Wirtschaftsleistung und Gewinnen aus, möchten aber auch einen Rückgang nicht ausschließen.

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Für Pictet Asset Management fällt die Einschätzung deutlich zu optimistisch aus. Der Schweizer Vermögensverwalter, der rund 165 Milliarden Euro betreut, erwartet fallende Gewinne der US-Unternehmen. Historisch gesehen seien diese „tendenziell gefallen, wenn die Wirtschaft nominal weniger als drei Prozent wächst“, urteilt Luca Paolini, Chefanlagestratege des Schweizer Vermögensverwalters.

Die US-Wirtschaft habe sich in sechs aufeinanderfolgenden Monaten abgeschwächt und sei hinter der Entwicklung in den wichtigsten entwickelten Staaten und Schwellenländern zurückgeblieben. Und im nächsten Jahr wird der Handelskonflikt der USA mit China noch einmal belasten, den US-Präsident Donald Trump gerade erst per Tweet erneut angeheizt hat. Er beklagte sich, dass China nicht wie zugesagt genügend US-Agrarprodukte kaufe.

Für Robert Greil vom Bankhaus Merck Finck läuft es in dem Streit auf ein „Durchwurstelszenario“ hinaus, bei dem Trump das China-Thema bis zu den US-Wahlen 2020 „am Köcheln“ hält, was ein halbes Prozentpunkt Wachstum beim Sozialprodukt kosten könne.

Und das in einer Situation, in der US-Aktien ohnehin die teuersten weltweit und damit sehr anfällig seien, sagt Paolini. Gerade an der Wall Street seien US-Technologiekonzerne in den Indizes stark gewichtet. Dem Sektor drohe eine schärfere Regulierung, zudem könne er durch einen Handelskrieg Schaden nehmen, so Paolini. In Europa hingegen verbesserten sich die Chancen für Aktien. Der Konsum als wichtigste Stütze der Konjunktur sei sehr robust.

Mit Blick auf den Start der Bilanzsaison für das zweite Quartal des laufenden Jahres hat Morgan Stanley festgestellt, dass die Gewinnrevisionen in Europa nicht so schlecht ausfallen dürften wie anderswo. Ohnehin ist „Europa ungeliebt und unterbewertet“, urteilt das Team um den Strategen Secker. Bei der Bewertung hat Goldman Sachs für den Aktienindex Standard & Poor’s 500 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16,9 errechnet. Zum Vergleich: Beim Deutschen Aktienindex liegt dieser Wert nur bei 12,7.

Für Christoph Stanger, Co-Leiter des Aktienemissionsgeschäfts von Goldman Sachs für Europa, ist der Bewertungsabstand zwischen den USA und Europa damit auffällig groß – auch im Hinblick auf die vergangenen Jahre.
Angesichts der aktuellen Situation „war selten eine Quartalszahlensaison in den USA so wichtig wie die jetzt beginnende“, betont Greil von Merck Finck.

Auch wenn in Deutschland zuletzt Gewinnwarnungen etwa von Lufthansa, BASF und nun erneut Daimler die Anleger aufgeschreckt hätten, erwarten die Analysten für Europa insgesamt laut Greil im laufenden Jahr ein Gewinnwachstum von fünf Prozent. Da könnten die USA und Japan mit prognostizierten drei und ein Prozent nicht mithalten.

Dass bei der Bewertung der Aktien eine große Lücke zwischen den USA und Europa klafft, hängt auch mit dem Interesse globaler Investoren zusammen. Sie meiden europäische Dividendentitel. Seit Jahresbeginn sind nach Berechnungen von Goldman Sachs 71,3 Milliarden Dollar aus Aktienfonds in Europa abgeflossen.

In der Regel hat sich in den letzten Jahren die US-Börse besser entwickelt als der europäische Konkurrent. Was bislang ein großer Nachteil war, soll sich zum Vorteil umkehren. Denn durch den Abzug von Geldern bewegt sich nach Berechnungen von Morgan Stanley die Bewertung im Vergleich zu den USA auf einem Niveau, wie es seit den Tiefstständen im Jahr 2012 nicht mehr zu sehen gewesen sei.

Gute Kaufgelegenheiten erkennt deshalb die Fondsgesellschaft Fidelity in Europa. „Qualität ist sehr günstig“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. Chancen sieht er insbesondere bei günstig bewerteten defensiven Aktien, bei ausgewählten Zyklikern, die die schwächere Konjunktur bereits eingepreist haben, und bei Qualitätsunternehmen mit hohen Wachstumsraten. Das sollten Anleger nicht ignorieren, meint Roemheld.

Mehr: Dow Jones und S&P 500 erreichen neue Höchststände. Lesen Sie hier, warum die neuen Rekorde an der Wall Street beim Blick in die Zukunft nicht gerechtfertigt sind.

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1 Kommentar zu "US-Aktien: Die Skepsis an der Wall Street nimmt zu"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrter Herr Landgraf,

    wie ist das eigentlich mit Börsenprognosen? Muß man daran glauben oder nicht?

    Der große Mathematiker und Astronom Sir Isaac Newton schrieb dazu: "Ich kann zwar die Gestirne auf Zentimeter und Sekunde berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann". Gewiss, Newton ist seit 300 Jahren tot. Sehr lebendig sind aber viele Millionen von Aktienanlegern, die dem Anlagestil "value" folgen. Sie halten die Börsenentwicklung für nicht prognostizierbar.

    Auf der anderen Seite bin ich mir natürlich bewußt, dass wir in Deutschland Meinungsfreiheit haben. Das bedeutet eben auch, dass sich jeder als "Experte" aufblasen und sein Leben lang labern darf. All die vielen "Experten", ich werde ihre Ergüsse wohl aushalten müssen.

    Ihre verehrten Kollegen und Sie könnten mir dabei sehr helfen. Natürlich sollen Sie keine Meinungen verschweigen und auch die eigene Meinung nicht unterdrücken. Aber Sie sollten sonnenklar kenntlich machen, dass es ich dabei um bloße Meinungen handelt, die mit der "Wahrheit" oder "höheren Erkenntnissen" nicht das Mindeste zu tun haben.

    Warum ich von den "Experten" so wenig halte? Fragen wir doch einmal, wo die Herren bei den beiden größten Börseneinbrüchen des Jahrtausends waren. Keiner von denen ahnte, dass Anfang 2000 der DAX zu einer beispiellosen Talfahrt ansetzen und bis März 2003 drei Viertel seines Wertes verlieren sollte. Verborgen blieb unseren hochmögenden "Experten" auch, dass danach die Kurse wieder in die Höhe schiessen und in nur drei Jahren wieder die alten Höchststände erreicht werden sollten. Beim zweiten großen Einbruch, von Anfang 2008 bis März 2009, verlor der DAX 55 %. Danach zogen die Börsenkurse wieder steil nach oben. Und unsere "Experten" waren wiederum ahnungslos wie neugeborene Kinder. Und entgegen den vielfachen Prognosen hat weder der Brexit noch die Wahl des US-Präsidenten die Börsenkurse in den Keller getrieben.

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