Buchtipp: „Euro - Kampf der Wirtschaftskulturen“ Sparfuchs gegen Laissez-faire

In der Euro-Zone sind sich Nord und Süd selten einig. Warum das so ist, beschreiben zwei Princeton-Professoren und ein Ex-Zentralbanker - und zeigen einen Mittelweg.
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Ein neues Buch beleuchtet die deutsch-französischen Unterschiede in der Wirtschaftspolitik. Quelle: Reuters
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Emmanuel Macron:

Ein neues Buch beleuchtet die deutsch-französischen Unterschiede in der Wirtschaftspolitik.

(Foto: Reuters)

FrankfurtAls der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau jüngst auf einer Konferenz in Frankfurt über die Reform der Euro-Zone spricht, ist ihm ein Punkt sehr wichtig. „Wir müssen die Klischees hinter uns lassen, dass die Deutschen Regeln wollen und die Franzosen mehr Geld ausgeben“, fleht er geradezu.

Doch ist diese Lagebeschreibung wirklich so falsch? Nur ein Vorurteil? In ihrem Buch „Euro – Der Kampf der Wirtschaftskulturen“ halten der deutsche Ökonom Markus Brunnermeier, der britische Historiker Harold James und Jean-Pierre Landau, früherer Vize-Chef der französischen Notenbank, dagegen.

Gerade Deutschland mit seinem föderalen System und Frankreich mit seinem zentralstaatlichen Denken hätten grundverschiedene Philosophien in wirtschaftspolitischen Fragen, die auch stellvertretend für die Unterschiede zwischen Nord- und Südeuropa stünden. Die Geschichte der Euro-Zone ist voll von Beispielen, wo diese Sichtweisen aufeinanderprallen.

M. Brunnermeier, H. James, J.-P. Landau:
Euro – Der Kampf der Wirtschaftskulturen
C. H. Beck
München 2018
525 Seiten
29,95 Euro
ISBN: 978-3406712333

Etwa das Versprechen Mario Draghis, Präsident der Europäischen Zentralbank, alles zu tun, um den Euro zu retten. Für Verfechter eines flexiblen Ansatzes hat dies entscheidend dazu beigetragen, die Euro-Zone zu stabilisieren. Deutsche Konservative dagegen klagten vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Entscheidung.

Das Buch ist auch mit Blick auf die aktuelle Debatte rund um die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuelle Macron für Reformen der Euro-Zone relevant. Macron fordert unter anderem einen europäischen Finanzminister und ein gemeinsames Budget für Europa. Gerade für letzteres können sich deutsche Konservative jedoch nur bedingt erwärmen.

Damit sich Deutschland und Frankreich in solch zentralen Fragen jedoch einigen, müssten sie sich ein Stück von ihren jeweiligen Denkschulen lösen, argumentieren die Autoren. Die Deutschen von fiskalischer Disziplin und Haftungsprinzip. Die Franzosen von ihrer Flexibilität und der Tendenz, die Wirtschaft durch Schuldenmachen anzukurbeln.

Schon die Geschichte zeige, dass die heutigen Standpunkte Deutschlands und Frankreichs keinesfalls fix seien. So hätten die Franzosen vom 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark auf Regeln und Disziplin beharrt – in Deutschland dagegen habe man damals hohe Staatsdefizite in Kauf genommen und sich kaum um Regeln gekümmert.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich die Rollen umgekehrt. Wirtschaftspolitische Standpunkte „währen nicht ewig“ und könnten sich „insbesondere in Krisensituationen erstaunlich schnell wandeln“, folgern die Autoren.

Im Schlussteil entwerfen Brunnermeier, James und Landau Vorschläge für einen deutsch-französischen Mittelweg. Der könnte vorsehen, dass die Mitglieder der Euro-Zone extreme Risiken teilen, aber auch eine gemeinsame Aufsicht gewährleisten. Dringend nötige Strukturreformen, die kurzfristig mit Unsicherheit verbunden seien, sollten mit zusätzlichen Staatsausgaben kombiniert werden.

Außerdem schlagen sie vor, Anleihen von Euro-Ländern gemeinsam zu verbriefen. Dadurch wollen sie verhindern, dass Banken vor allem Schuldverschreibungen ihrer eigenen Regierung kaufen, was gerade in der Krise in eine Abwärtsspirale führen kann.

Nach der Italien-Wahl und der Regierungsbildung in Deutschland gäbe es in Europa ein Zeitfenster für Reformen. Der Mittelweg wäre noch frei.

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