Presseschau Basel III ist kein Allheilmittel

Die internationale Wirtschaftspresse ist sich uneins in der Bewertung der am gestrigen Sonntag verabschiedeten Basel III-Regeln. Forbes wettert gegen den US-Protektionismus. Miriam Meckel beklagt bei Bloomberg das schlechte Image der deutschen Wirtschaft. Expansión gratuliert Santander zu einem geschickten Schachzug. Fundstück: Fantasy-Fußball macht glücklicher als ein Managergehalt
  • Peggy Pfaff
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Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

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„Wo hat uns Basel II hingeführt? Viele würden sagen, in die Finanzkrise“, meint die Financial Times aus London zur Einigung auf die Basel III-Regeln am gestrigen Sonntag. Basel II habe gute Klauseln beinhaltet, leider aber meist als Empfehlung, nicht als Vorschrift: „Die Forderung nach mehr Kapital zur Absicherung war da, nur hat sie keiner ernst genommen.“ Basel III schreibe dies nun fest, doch es gebe keine Garantie, dass dies in die EU-Gesetzgebung einfließe. Bereits jetzte gebe es Bestrebungen, mit Änderungswünschen den Prozess zu verzögern, die Anforderungen zu verwässern und Ausnahmen zu manifestieren. „Der durchschnittliche EU-Bürger weiß, dass Banken und Bankenkapital Dreh- und Angelpunkt der Krise waren, denn sie zahlen nun dafür mit Sparprogrammen. Die Behörden haben deshalb nur allzu Recht, wenn sie von ihnen eine stärkere Kapitaldecke fordern. Die EU-Politiker sollten die Debatte über Bankenkapital noch stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, statt sich in ihre nationalen Komfortzonen zurückzuziehen und in populistischer Rhetorik über andere Regulierungen zu üben.“

Mögliche Konsequenzen der Umsetzung der Basel III-Regeln lotet das Wall Street Journal aus. Banken müssten nun ihre Bilanzen schrumpfen und sich von riskanten Geschäften verabschieden: „Sie sollen mehr Kapital vorhalten, um sich gegen potenzielle Verluste zu schützen. Das bedeutet, dass sie weniger Geld für ihre Investoren und ihre Angestellten zur Verfügung haben.“ Verbraucher könnten eventuell mit höheren Zinsen auf Kapital rechnen, sollten aber auch auf höhere Kosten für Darlehen und auf weniger verfügbare Darlehen gefasst sein. Und während in den USA, Kanada und in Großbritannien sich schon viele Großbanken mit mehr Kapital ausgestattet hätten, könnten europäische Banken wie Deutsche Bank, Allied Irish Banks, Bank of Ireland oder die Erste Group Bank aus Österreich nun feststellen, dass sie noch zu wenig vorhalten - und aktiv werden. Die Citgroup habe schließlich mitgeteilt, ihren Investoren möglicherweise bis Ende 2011 keine Dividende zahlen zu können - dank Basel III. Das Fazit vieler Banker: „Welche Auswirkungen Basel III haben wird, ist derzeit noch vollkommen unklar.“

„Die neuen Regeln werden das Angebot von Darlehen beeinträchtigen“, befürchtet das britische Portal This Is Money. Banken müssten künftig mehr Kernkapital vorhalten, in Höhe von sieben statt bisher zwei Prozent ihrer Anlagen und Verbindlichkeiten. „Das wird die Kalkulation ihrer Anlagen und der möglichen Abzüge verändern.“ Für britische Banken seien insbesondere die Pensionsfondsdefizite ein großes Problem. Nach den Basel III-Regeln würden diese aus der Kalkulation der Kapitalreserven herausfallen. „Barclays hatte Ende 2009 ein Defizit bei seinen Pensionsfonds in Höhe von 3,7 Milliarden Pfund, bei anderen Banken liegen die Defizite um drei Milliarden Pfund. Diese Summen müssten künftig von den Kapitalreserven abgezogen werden. Die Folge: Die Banken haben weniger Kapital für Darlehen und Kredite“, vermutet das Portal.

Die Financial Times Deutschland wertet die Mitteilung der Deutschen Bank, bis zu 9,8 Millionen Euro an frischem Kapital einsammeln zu wollen, als ersten Erfolg für den Basler Ausschuss: Die Bank habe eingeräumt, ihre Kapitalbasis nicht nur wegen der anstehenden Übernahme der Postbank, sondern auch mit „Blick auf regulatorische Änderungen“ zu stärken. „Die unter dem Namen Basel III bekannte Reform für strengere Kapitalquoten hat damit bereits gewirkt, bevor sie überhaupt beschlossen ist“, resümiert das Blatt. Josef Ackermann habe bislang nur für Zukäufe Geld einsammeln wollen, nun habe er seinen Kurs korrigiert. „Das darf die Regulierer aber nicht davon abhalten, die eingeschlagene harte Linie beizubehalten.“ Ziel der neuen Eigenkapitalvorgaben müsse sein, die Institute für die nächste Krise besser zu rüsten. Gerade in der Debatte um das „harte“ Kernkapital dürfe der Ausschuss daher nicht nachlassen, auch wenn etwa Deutschland auf Verwässerungen dränge. „Natürlich ist Basel III kein Allheilmittel. Die Regeln müssen von weiteren Vorgaben flankiert werden, die etwa Gläubiger an Verlusten beteiligen.“ Die Anforderungen seien aber ein zentraler Baustein der neuen Finanzmarktarchitektur und wichtiger als nationale Eigenheiten und Befindlichkeiten einzelner Institute.

Nachfrageorientierung statt Protektionismus

Neue Forderungen, US-Unternehmen durch Zölle auf Importe zu schützen, weist Forbes in einem Kommentar zurück. Grund für dieses Ansinnen sei das US-Handelsdefizit, das aktuell 289 Milliarden Dollar betrage und zeige, wie wenig effektiv das Stimulusprogramm der US-Regierung bislang gewesen ist. „Protektionistische Maßnahmen würden aber Gewinne zunichte machen, das hat der Smoot-Hawley-Tarif in den frühen 1930ern gezeigt, der zur einem Abschwung im Welthandel führte“, warnt Forbes. Zudem würden sich Handelsdefizite zumeist von selbst auflösen: „Wenn die USA mehr und mehr importieren, häufen ausländische Firmen US-Dollar an, die sie in US-Finanzanlagen investieren und letztendlich dazu führen, dass die Nachfrage nach US-Exporten steigt.“ Statt Protektionismus zu fordern, solle viel mehr Aufmerksamkeit der Nachfrage gewidmet werden: „Nicht das Angebot allein zählt, denn es ist die Nachfrage, die das Angebot mehrt und fördert.“

Deutschland ist immer das Biest

Miriam Meckel untersucht für Bloomberg die Gründe für das schlechte Image Deutschlands und die Rolle Angela Merkels. Die jüngsten Zahlen zur wirtschaftlichen Entwickung hätten dem Land erneut Kritik seitens der internationalen Medien eingebracht, obwohl Europa ohne Deutschland viel schlechter dastünde: „Egal, wie die Zahlen ausfallen, Deutschland ist immer das Biest, nie die Schöne.“ Grund für das schlechte Ansehen sei das deutsche Volk, das spare und auf Sicherheit setze. Außerdem habe die deutsche Einheit dazu geführt, dass Politiker mehr auf nationale Themen setzen als auf internationale. Die Finanzkrise, in derem Verlauf sich die deutschen Landesbanken als „giftige Mülldeponien“ erwiesen hätten, und das Zögern in der Griechenlandkrise hätten ein Übriges bewirkt. Griechenland sei Merkels Chance gewesen, Deutschlands Führerschaft unter Beweis zu stellen. Stattdessen habe sie es versäumt, den Bürgern zu erklären, dass die Hilfe für Griechenland auch wichtig war für die deutsche Wirtschaft. „Merkel muss aufhören, ängstlich nach jedem Anzeichen für Unzufriedenheit bei ihren Wählern oder europäischen Nachbarn Ausschau zu halten und ihrem Volk erklären, warum Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht jedem gefallen. Nur so kann das Bild, das von Deutschland in den internationeln Medien gezeichnet wird, verändert werden.“

Santander entdeckt Polen

Ein geschickter Schachzug sei der spanischen Bank Santander mit der am Samstag verkündeten Übernahme der polnischen Bank Zachodni gelungen, kommentiert die Wirtschaftszeitung Expansión. Mit diesem strategischen Schritt setze die von Emilio Botín geführte Bank weiter auf geografische Diversifizierung und positioniere sich in einem aussichtsreichen, aufstrebenden Markt. Schließlich habe sich die polnische Wirtschaft während der Finanzkrise als eine der stabilsten weltweit erwiesen und verfüge über hohes Wachstumspotenzial, urteilt das Blatt. Hinzu komme, dass die wirtschaftliche Situation in Polen sehr dem Aufschwung Spaniens in den neunziger Jahren gleiche, wodurch sich zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten ergeben könnten. Mit dem Kauf von Zachodni komplettiere Santander die Übernahme von SEB in Deutschland, einem Markt, in dem sich die spanische Bank als eines der führenden Geldinstitute für Privatkunden etablieren wolle.

Strategiewechsel bei Nokia

„Das Smartphone fordert seine ersten Opfer“, kommentiert Challenges den Weggang von Olli-Pekla Kallasvuo von Nokia - und die Verpflichtung des Kanadiers Stephen Elop, ein Überläufer von Microsoft, als neuen Nokia-Chef. „Diese Entscheidung kommt nicht überraschend: Nokia, bislang die Nummer Eins auf dem Mobil-Markt, hat den Smartphones der Konkurrenz - das iPhone von Apple, Androïd von Google oder Blackberry - nichts entgegen zu setzen.“ Nach einer Studie sei Androïd bereits das am häufigsten genutzte Betriebssystem nach Nokias Symbian. 2014 könnte es Symbian überholen. Einen Mann von Microsoft zu holen, eröffne Perspektiven: „Microsoft lanciert Windows 7 als neues Betriebssystem für Smartphones. Nokia könnte mit dem neuen Chef einen Strategiewechsel vollziehen und auch ein neues Betriebssystem installieren. Warum nicht das von Microsoft?“, spekuliert das französische Wirtschaftsblatt.

 

Den starken Yen akzeptieren

Zur Überwindnung der Angst vor dem starken Yen - der so genannten „Yen Phobie“ - fordert die japanische Asahi Shimbun das Land auf. Für Wirtschaft und Regierung sei es an der Zeit, sich auf die Situation einzulassen, mutige Ideen zu finden und möglicherweise Vorteile aus der starken Währung zu ziehen. Zwar könne ein schwacher Yen Japans Wirtschaftsaufschwung schneller vorantreiben. Doch gebe es kaum Gelegenheit, den Wechselkurs zu kontrollieren oder zu beeinflussen. Nur die Aufwertung des Yen zu stoppen, wie es die Regierungspartei derzeit tue, sei nicht genug, um negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu verhindern. Regierung und Wirtschaft stünden vor der Herausforderung, die japanische Industrie wiederzubeleben. So könne der starke Yen dazu dienen, Nutzen aus dem Aufschwung anderer aufstrebender, asiatischer Nationen zu ziehen. Die Regierung müsse ihre unternehmerische Führungsrolle wahrnehmen, die Wirtschaft durch Deregulierungsmaßnahmen fördern und eine neue industrielle Struktur entwickeln, die das Land in der Lage versetze, flexibel auf einen starken Yen zu reagieren.

Fundstück: Fantasy-Fußball macht glücklicher als ein Managergehalt

„Fantasy-Fußball schadet der US-Wirtschaft“, lautet das Fazit eines Berichts von Business Week über die wachsenden Nutzerzahlen bei virtuellen Liga-Spielen im Internet. Der jüngste Fall: Der 36-jährige Art Director einer Werbeagentur in Connecticut gab seinen hochbezahlten Job auf, um endlich mit seiner virtuellen Fußballmannschaft einen 700-Dollar-Pokal zu gewinnen. Seine Begründung: „Mein Job hat mich einfach daran gehindert, dieses Ziel zu erreichen.“ Fantasy-Sportspiele seien vor allem bei hochbezahlten Managern und Angestellten beliebt, der Durchschnittsjahresverdienst der Spieler liege bei rund 93.000 Dollar. Schätzungen zufolge verlieren US-Unternehmen aufgrund spielender Mitarbeiter jährlich Produktivität im Volumen von 1,5 Milliarden Dollar. „Fantays-Sport ist ein Zeichen unseres Zeitalters, das Spielfeld ist inzwischen auf Bildschirmgröße geschrumpft, die Leute nehmen Fantasy-Sport mit auf die Arbeit und integrieren ihn in ihre Arbeitswelt.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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