Anlegerskandal Anleger getäuscht? Marionettenspiele beim Finanzanbieter Picam

Ermittlungen beim Berliner Finanzanbieter Picam belasten den Ex-Vertriebschef. Obwohl er 340 Millionen Euro in ein Schneeballsystem eingespeist haben soll, muss er nicht in U-Haft.
Update: 22.07.2018 - 14:02 Uhr Kommentieren
Finanzermittler des Landeskriminalamts in Berlin gehen davon aus, dass Thomas E. hinter zahlreichen Firmen und Strukturen im Picam-Reich steckt. Ihr Verdacht: Wie ein Marionettenspieler könnte der Vertriebschef diverse Treuhänder und Strohmänner geführt haben. Quelle: imago/Ikon Images
Marionettenspieler

Finanzermittler des Landeskriminalamts in Berlin gehen davon aus, dass Thomas E. hinter zahlreichen Firmen und Strukturen im Picam-Reich steckt. Ihr Verdacht: Wie ein Marionettenspieler könnte der Vertriebschef diverse Treuhänder und Strohmänner geführt haben.

(Foto: imago/Ikon Images)

BerlinWenn Günther Kappert, ein Facharzt für Blutgerinnung, an die Vermögensverwalter von Picam denkt, gerät sein eigenes Blut in Wallung. „Ich verstehe nicht, warum von den Hinterleuten niemand in Untersuchungshaft sitzt“, sagt Kappert.

Der Düsseldorfer Arzt hatte vor zwei Jahren knapp 300.000 Euro beim Finanzdienstleister investiert. Auch er hoffte auf die versprochenen satten Renditen. Im Februar las er dann in der Zeitung von einer Razzia. Und davon, dass die Staatsanwaltschaft Berlin wegen des Verdachts eines Schneeballsystems ermittle. Seitdem wartet Kappert vergeblich auf neue Nachrichten. „Mein Makler hat den Kontakt zu mir abgebrochen“, sagt er. Auch von der Staatsanwaltschaft habe er trotz Strafanzeige nichts mehr gehört.

Wie dem Facharzt geht es vielen der rund 2500 betroffenen Anleger. „Wir warten sehnsüchtig auf Akteneinsicht“, sagt der Anwalt Matthias Schröder aus Frankfurt, der 100 Anleger vertritt. Als einer der Ersten erstattete er Strafanzeige.

Picam: Erster Partnerfirma droht die Pleite Quelle: Lars-Marten Nagel / HB
Villa in Berlin

Firmensitz des Picam-Verbunds.

(Foto: Lars-Marten Nagel / HB)

Die Anleger hatten Picam in der Hoffnung auf Renditen im zweistelligen Bereich ihr Geld überlassen. „Sie haben mit Charts geworben, die zeigten, welche fantastischen Renditen der Handel mit Dax-Futures einspielt“, erinnert sich Kappert. Ein computergesteuertes Handelssystem sollte die wundersame Geldvermehrung möglich machen. Viele hielten diese Geschichte der Traumrenditen für glaubhaft, obwohl es früh gute Gründe für Zweifel gab.

Die Staatsanwaltschaft führt sieben Beschuldigte. Nach Informationen des Handelsblatts gerät der ehemalige Vertriebschef vom Picam, Thomas E. (52), immer stärker ins Visier der Ermittler. Der Manager residierte im Souterrain einer Westberliner Villa, von wo er den Vertrieb organisierte.

Inzwischen gehen Finanzermittler des Landeskriminalamts in Berlin jedoch davon aus, dass Thomas E. hinter zahlreichen Firmen und Strukturen im Picam-Reich steckt. Ihr Verdacht: Wie ein Marionettenspieler könnte der Vertriebschef diverse Treuhänder und Strohmänner geführt haben.

Das Handelsblatt schickte Thomas E. Fragen per E-Mail. Am Telefon sagte E. dann, er könne sich erst nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft äußern. Tage später wartete er angeblich noch immer auf die Rückmeldung der Behörde. Ganz grundsätzlich hält er fest, „dass eine Aufklärungsarbeit im Sinne der Sache den Ermittlungsbehörden vorbehalten bleiben muss!“.

Die Finanzermittler haben eine Liste für die Akte zusammengestellt, die es in sich hat. Dort sind für alle Jahre seit 2008 jährlich zweistellige Millionensummen vermerkt. Dabei handelt es sich um Gelder, die Anleger auf ein Konto bei der Berliner Volksbank überwiesen.

Auch Kapperts Geld dürfte darin enthalten sein. Die Summe aller Einzahlungen soll 340 Millionen Euro betragen. Das Konto gehörte der schweizerischen Piccor AG, mit der die Anleger ihre Verträge schlossen. Konto und Firma wurden jeweils von zwei unterschiedlichen Treuhändern verwaltet. Hinter beiden soll Vertriebschef E. gestanden haben.

Provisionen und Dienstleistungen für 2,8 Millionen Euro

Die Berliner Volksbank will sich nicht dazu äußern, ob ihr in all den Jahren etwas Verdächtiges aufgefallen sei. Eine Sprecherin teilte mit, die Bank arbeite „in Verdachtsfällen mit Ermittlungsbehörden vollumfänglich zusammen“.

Vielleicht konnten die Finanzfahnder deshalb verfolgen, wohin die Anlegergelder vom Volksbank-Konto verschoben wurden. Das Geld rotierte zum Teil durch hochkomplexe Finanzkonstruktionen, durch Fonds, Darlehen, Compartments, Credit Linked Notes und durch Firmen mit obskuren Namen wie Finbox Consulting AG oder Salbapi SL, die Fahnder dem Einfluss von Thomas E. zurechnen.

Nur eines scheinen die Beamten nicht gefunden zu haben: Den lukrativen Handel mit Dax-Futures, mit dem Picam seine Anleger köderte.

Während die Gelder weitergereicht wurden, stellten Manager und Treuhänder fleißig Dienstleistungen in Rechnung. Der Berliner Wirtschaftsprüfer und ehrenamtliche Richter, der das Volksbank-Konto verwaltete, soll 2,8 Millionen Euro auf sein Geschäftskonto kassiert haben. Ein hochrangiger Vertriebsmann rechnete angeblich Provisionen in gleicher Höhe ab. Nicht ganz klar ist, wie viel Anlegergeld bei einem Banker landete, der einige der komplexen Finanzprodukte konzipiert und betreut haben soll. Im März empfahlen Fahnder der Staatsanwaltschaft, bei dem Banker und seinen Gesellschaften 53 Millionen Euro einzufrieren.

„Einzelne haben sich bereichert“, sagt einer der Beschuldigten dem Handelsblatt. Seinen Namen möchte er wegen der laufenden Ermittlungen nicht gedruckt sehen. Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die Picam-Akteure hätten als Bande zusammengearbeitet. „Thomas E. hat die Leute mit Geld angelockt und ein System der Abhängigkeiten erzeugt“, behauptet er. „Die einzelnen Beteiligten konnten jedoch immer nur einen kleinen Teil des Ganzen erkennen.“

Tatsächlich tauchte Thomas E. im Picam-Reich an allen Ecken und Enden auf. Als Kommunikator, Ansprechpartner und Erklärer. Immer eloquent, immer direkt. In einem Rundschreiben an die Vertriebler kanzelte er 2016 einen kritischen Pressebericht ab. Er sei „bitter enttäuscht“ vom Qualitätsmanagement der Zeitung. Da seien „Äpfel mit Birnen“ verglichen worden.

Es war auch Thomas E., der nach einem Warnhinweis der schweizerischen Finanzaufsicht Finma ein neues Wertpapier namens Piccox als Ersatzprodukt eilig vorantrieb, und der den Anlegern wahrheitswidrig mitteilte, das neue Zertifikat sei täglich liquide. Offenbar hatte der Vertriebschef große Pläne, überlegte zwischenzeitlich sogar, eine Banklizenz zu erwerben. Das alles legen interne E-Mails und Dokumente nahe, die dem Handelsblatt vorliegen.

Knapp 25 Millionen Euro der Anleger sollen schließlich vom Volksbank-Konto in einer Gesellschaft namens Propec gelandet sein, deren geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter Thomas E. ist – auch das haben die Finanzermittlungen ergeben.

Die Staatsanwaltschaft sieht keine Fluchtgefahr

Trotz aller Vorwürfe ist der Picam-Vertriebschef weiter auf freiem Fuß. Das verunsichert viele Anleger. „Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, desto mehr Möglichkeiten haben die Leute, die das verursacht haben, ihr Hab und Gut zu sichern“, befürchtet etwa Guy Chapmann. Der 63 Jahre alte Franzose bangt in Karlsruhe um 220.000 Euro. Auch Anwalt Schröder argwöhnt, dass ehemalige Picam-Leute noch immer „Zugriff auf die Beute haben könnten“.

Die Fahnder vermuten, dass Thomas E. über gute Kontakte nach Liechtenstein, Luxemburg, Spanien und in die Schweiz verfüge. Eine Flucht- oder Verdunklungsgefahr sieht die Staatsanwaltschaft offenbar jedoch nicht. Die Behörde bestätigte, dass sie bislang keinen der Beschuldigten festgenommen hat. Für die Ermittler hat das den Vorteil, dass der Zeitdruck nicht so groß wird, als wenn regelmäßig Haftprüfungstermine anstehen.

Die Strafverfolger haben im Februar 87 Millionen Euro gesichert – allerdings in Form von Fonds. Deren Werthaltigkeit muss sich noch beweisen, sagt der Beschuldigte. Er macht den Anlegern wenig Hoffnung: „Das Geld ist über die Jahre zerronnen.“

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