Arbeitsrechts-Interview „Führungskräfte werden zu Freiwild“

Gutverdiener sollten weniger Kündigungsschutz haben, fordert Star-Anwalt Jobst-Hubertus Bauer. Kollege Christoph Abeln will besseren Schutz, sonst kämen Vorgesetzte unter die Räder. Ein Streitgespräch.
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Flur des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt: Auch ungeliebte Führungskräfte haben Rechte. Quelle: dpa

Flur des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt: Auch ungeliebte Führungskräfte haben Rechte.

(Foto: dpa)

Die Gehälter in den Unternehmen driften auseinander. Trotzdem gilt in großen Unternehmen in vielen Fällen für eine Putzkraft das gleiche Arbeitsrecht wie für einen hoch bezahlten Manager. Braucht es eine Reform des Arbeitsrechts?
Jobst Hubertus Bauer: Wir brauchen unbedingt eine Reform des Kündigungsschutzgesetzes. Einem Unternehmen sollte es ermöglicht werden, sich von Führungskräften gegen eine Zahlung einer Abfindung zu trennen. Das aktuelle Recht sorgt für einen Bestandsschutz des Arbeitsplatzes. Das kann dazu führen, dass sich Führungskräfte nach drei oder vier Jahren nach der gewünschten Trennung wieder in das Unternehmen einklagen. Kosten und Nachwirkungen sind unberechenbar und den Unternehmen nicht zumutbar.

Christoph Abeln: Nein, wir brauchen keine Reform. Da ist Kollege Bauer auf dem Holzweg. Denn schon mit dem bisherigen Gesetz haben Unternehmen gute Gestaltungsspielräume, etwa wenn sie Mitarbeiter als leitende Angestellte führen. Warum sollten sie da für mangelnde Kreativität auch noch belohnt werden? Wenn man Herrn Bauers Ideen zu Ende denkt, kommt man zu einer Zweiklassengesellschaft in Sachen Kündigungsschutz. Und das kann wohl nicht im Interesse der Beteiligten liegen.

Jobst-Hubertus Bauer  ist Partner bei Gleiss Lutz. Quelle: PR

Jobst-Hubertus Bauer ist Partner bei Gleiss Lutz.

(Foto: PR)

Bauer: Die Eingruppierung als Leitende ist in der Praxis kaum möglich, wie sollen etwa in einem Unternehmen mit tausend Angestellten zwanzig oder mehr Angestellte die vorgeschriebene Personalverantwortung erhalten? Die haben doch in der Realität nur Geschäftsführer, Vorstände oder Personaler. Nein, wir brauchen dringend eine Reform, Unternehmen brauchen endlich Rechtssicherheit.

Herr Bauer, wie könnte so eine Reform aussehen?
Bauer: Ich bin ein großer Freund von klaren Regeln. Alle Personen, die mehr als 150.000 Euro verdienen, sollten rechtlich Führungskräfte sein. Unabhängig von den Geschäftsmodellen und den Branchen. Das wäre keine Revolution, im Betriebsverfassungsgesetz gibt es eine bereits ähnliche Hilfsregelung.

Abeln: In einigen Branchen, wie beispielsweise dem Einzelhandel, gäbe es keine Führungskräfte mehr, da alle Filialleiter dann einfache Angestellte wären...

„Im Job ist es doch wie in einer Ehe“
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9 Kommentare zu "Arbeitsrechts-Interview: „Führungskräfte werden zu Freiwild“"

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • "Trotzdem gilt in großen Unternehmen in vielen Fällen für eine Putzkraft das gleiche Arbeitsrecht wie für einen hoch bezahlten Manager."
    Das mag zwar für das Arbeitsrecht gelten, aber nicht für die Realität. Wie oft schon mußten die Kleinen als Sündenbock das Unternehmen verlassen, teilweise wegen ein paar Cent (die Aldi Verkäuferin) während die Chefs ganze Unternehmen zu Grunde richten, ne fette Abfindung kassieren und ihren Posten behalten? Schauen wir uns doch mal die Deutsche Bank an mit all ihren Skandalen. Die Chefs sind noch da und haben es sich in ihren Chefsesseln schön bequem gemacht.

  • Absolut richtig. Seid wann kann es Ziel sein, Führungsfähigkeiten am Geld festzumachen ? Ein Trader, der in der Bank seine Million verdient, hat höchstwahrscheinlich überhaupt keine Führungsfähigkeit.
    Außerdem scheint hier auch der Größenwahn ausgebrochen zu sein. Wie viel Firmen können sich Gehälter von € 150.000 leisten ? Die Regelung ist doch eher bei 50 oder 60.000 anzusetzen. Ist dann der Mitarbeiter keine Führungskraft ?

  • wer immer noch nicht begreift das die deutschen ausgedünnt/ausgewechselt werden sollen, und zwar immer schneller, der scheint etwas naiv zu sein.

  • " Ich bin ein großer Freund von klaren Regeln. Alle Personen, die mehr als 150.000 Euro verdienen, sollten rechtlich Führungskräfte sein."

    Zu kurz gedacht!

    Die definiert er 150.000 €. Brutto oder netto? Abzüglich Altersvorsorge oder zuzüglich?

    Bei ungünstigster Auslegung fallen dann fast alle Beamte in die Gruppe der Führungskräfte - zumindet dann, wenn sie in exponierten Beamtenstellungen positioniert sind. Also da, wo wir Bürger nicht mehr ihren direkten Dienst einfordern. Also nicht bei der Polizei oder b ei der Briefzustellung.

    Ich halte die bisherige Definition "wer Personal selbständig einstellen darf" für griffig. Man sollte es dabei belassen. Dabei gibt es zwar Probleme, aber der Arbeitgeber definiert damit klar und autark, wer unter den Schutz der Arbeitsgesetze fallen soll.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Ich habe einen anderen Vorschlag: Geschäftsführer und Vorstände haften mit ihrem gesamten Privatvermögen und sämtlichen Betriebsrentenansprüchen für die Steuerzahlungen der Firma. Falls die Firma einen steuerlichen Verlust ausweist, müssen die Herren eine Eingliederungsvereinbarung bei ihrem Finanzamt unterzeichnen, dass die Firma im Folgejahr ihren Verlustvortrag völlig abbaut und wieder einen Gewinn ausweist. Nur Neugründungen sind für 10 Jahre davor gefeit. Wenn im Folgejahr nach wie vor ein Verlust besteht, streich der Fallmanager als Sanktion 30% des Verlustortrages und pfändet den Managern 30%ihres Gehaltes und ihrer Betriebsrentenansprüche (letztere z.B. per Grundschuldeintrag in ihr Häuschen). Auch Vermögen und Einkomen der Bedarfsgemeinschaft des Managers werden herangezogen. Ist der Verlust im nachfolgende Jahr immer noch nicht abgebaut, wird der Verlustvortrag vollständig gestrichen und die Grundschuld wird vollstreckt.

  • Mitarbeiter sind schon lange Freiwild.

  • Die wenigsten haben das Wort Führungskraft überhaupt begriffen: siehe Ludwig XVI.
    Aber wenns ans geköpft gehen sollte, als habe man selbst nie geköpft, dann setzt es ein: entweder Haltung oder das große Geheule über die Ungerechtigkeit der Welt.

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