Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Betrugsskandal Die Bafin vermutete Unregelmäßigkeiten bei Piccor bereits 2014 – und schaute weg

Im Betrugsskandal rund um die Piccor AG kommen immer mehr Details ans Licht. Die deutsche Finanzaufsicht soll einem Verdacht nicht nachgegangen sein.
Kommentieren
Früher Verdacht im Fall der Piccor AG. Quelle: Reuters
Eingang der Bafin

Früher Verdacht im Fall der Piccor AG.

(Foto: Reuters)

Berlin Der Bericht der Bundesbank las sich alarmierend. Es gebe in der Schweiz eine merkwürdige Vermögensverwaltung namens Piccor AG, schrieb die Notenbank an die deutsche Finanzaufsicht Bafin. Es sei möglich, dass diese Firma aus Baar erlaubnispflichtige Bankgeschäfte und Finanzdienstleistungen in Deutschland anbiete.

Die Finanzwächter lasen die Darstellungen und notierten im Sommer 2014: An dem Verdacht könnte wohl etwas dran sein. Dann legten sie den Vorgang beiseite.

Heute bangen bis zu 2.500 Anleger um ihr Geld. Konten sind eingefroren, in der Schweiz steht die Piccor AG auf der schwarzen Liste der Finanzaufsicht Finma. In Berlin ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 15 Beschuldigte wegen des Verdachts auf bandenmäßigen Betrug. Sie hat herausgefunden: 337 Millionen Euro hat die Piccor AG insgesamt von Anlegern eingesammelt. 200 Millionen davon entfallen auf die Zeit nach der Warnung der Bafin vor der Piccor AG.

Es ist ein Fall, in dem die Behörde eine Menge Fragen beantworten muss. Viele Firmen, die auf dem grauen Kapitalmarkt sagenhafte Gewinne versprechen, sind dubios. Die Piccor AG warb in Broschüren damit, sie sei der „Schweizer Maßstab im Vermögensmanagement“ und könne per „Systemhandel“ mit Dax-Derivaten Jahresrenditen von bis zu 20 Prozent einspielen.

Das traf nicht ein. Was mit den Millionen geschah, klären Finanzfahnder des Berliner Landeskriminalamtes. Gerichtsurteile gibt es noch nicht. Diese Aufklärung kann dauern, und üblicherweise bleibt am Ende solcher Ermittlungen kaum Trost für die Geschädigten. Ihr Geld ist in der Regel fort, aufgefressen von Provisionen, Nebenkosten und anderen Widrigkeiten der Finanzwelt – nicht selten auch von blankem Betrug.

Umso dringlicher ist der Gesprächsbedarf der Anleger mit den Behörden. Bundesbank und Bafin waren doch 2014 auf der richtigen Spur. Warum haben sie die nicht verfolgt? Einblicke gibt ein Dokument aus dem November 2017, verfasst von einer Mitarbeiterin der Finanzaufsicht in Bonn.

„Vermerk zum Sachstand der finanzaufsichtlichen Ermittlungen“ lautet die Überschrift. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte gerade mit ihren Ermittlungen begonnen, die Anleger ahnten noch nichts von der kommenden Katastrophe. Die Bafin-Mitarbeiterin schrieb auf, warum ihre Behörde nicht eingriff, bevor es zu spät war.

Im Sommer 2014, ungefähr zur Zeit der Fußball-WM in Brasilien, ermittelte zunächst die Bundesbank in Berlin und Brandenburg gegen Verantwortliche des Picam-Unternehmensverbundes. Zu ihm gehörten auch die Piccor AG und die Swiss Finance Group AG (SFG). Vertriebschef war Thomas E., der in einer Berliner Villa residierte. Die Staatsanwaltschaft führt ihn heute als Hauptverdächtigen. Dem Handelsblatt beantwortete der 53-Jährige bislang keine Fragen.

Warnung bleibt ohne Folgen

Im August war der Bericht der Bundesbank fertig. Ihre Erkenntnisse will die Bundesbank nicht öffentlich mitteilen. Sie verweist auf „Pflichten zur Verschwiegenheit“. Das Papier schickte sie der Bafin, wo es durch die Abteilungen wanderte. Das für Berlin zuständige Referat 2 wollte dem Verdacht, bei der Piccor AG laufe etwas falsch, nicht weiter nachgehen. Die Angelegenheit hatte Auslandsbezug. Das wäre Sache von Referat 5 „Erlaubnispflicht u. Verfolgung (Ausland)“.

In dieser Abteilung legten die Beamten den Fall auf Eis. „Da keine weiteren Beschwerden eingingen, wurden die Ermittlungen zunächst zurückgestellt“, schrieb die Bafin-Mitarbeiterin in ihren Vermerk. Es war eine sehr unglückliche Entscheidung. Piccor gilt heute als Schneeballsystem. Wer hier auf Beschwerden wartet, kommt immer zu spät.

Experten nennen Geldanlagemodelle Schneeballsysteme, wenn der Schaden unausweichlich ist und mit der Zeit immer größer wird – so wie ein Schneeball, der einen Abhang herunterrollt. Modelle dieser Art erwirtschaften oft keinerlei Gewinn. Die vermeintlichen Renditen für bestehende Anleger werden mit den Einlagen neuer Anleger bezahlt.

Sobald die Zufuhr frischen Kapitals abnimmt, bricht das System zusammen. Solange alte Anleger ihre angeblichen Gewinne erhalten, beschweren sie sich nicht. Proteste kommen erst, wenn die Zahlungen ausbleiben – dann allerdings bricht das System schon zusammen.

Warum wartete die Bafin bei Piccor bis zum Kollaps? Die Behörde verweist auf ein Urteil des Kammergerichts Berlin von Juni 2014. Demnach sei die Vermittlung von Finanzportfolioverwaltungsverträgen „keine erlaubnispflichtige Anlagevermittlung“. Der Europäische Gerichtshof habe diese Einschätzung 2017 ausdrücklich bestätigt, und die Bafin habe daraufhin ihre Verwaltungspraxis geändert.

Anders gesagt: Erst wartete die Bafin ein höchstrichterliches Urteil ab, dann fehlte ihr die Handhabe. Und überhaupt: Die Piccor AG habe als Auslandsfirma zu keiner Zeit unter Aufsicht der Bafin gestanden, heißt es. Im Juli 2016 veröffentlichte die „Welt am Sonntag“ einen Artikel zu der Affäre.

Spurensuche in der Schweiz

Darin ging es um das seltsame Firmennetz der Picam-Gruppe, mögliche Interessenkonflikte von Treuhändern und Widersprüche in der Vertriebsgeschichte. Eine Anfrage bei der Bafin beantwortete die Behörde damals sehr zurückhaltend, ihren Verdacht und die ruhenden Ermittlungen behielt sie für sich.

Zwei Jahre nach dem ersten Verdacht bewegte sich die Behörde dann aber doch – wenn auch nur hinter den Kulissen. Laut internem Vermerk prüfte die Bafin im Register der schweizerischen Finanzaufsicht Finma, ob für Piccor AG und die SFG eine Bewilligung vorlag. Das Ergebnis war negativ.

Ende November 2016 wandte sich die Behörde direkt an die beiden Firmen in der Schweiz. Betreff: „Möglicherweise unerlaubt betriebene Geschäfte“. Die Antwort kam anderthalb Monate später: Eine Frankfurter Anwaltskanzlei bat um mehr Zeit. Ende Februar 2017 meldeten sich die Juristen im Namen der SFG.

Die Firma sei im Beteiligungsgeschäft tätig. Vermögensverwaltung für deutsche Kunden betreibe sie nicht. Zwei weitere Gesellschaften aus dem komplizierten Picam-Geflecht stellten die Anwälte vor, aber auch diese seien keine Vermögensverwalter. Das stimmte zwar alles. Nur der Name der Piccor AG, die mit den deutschen Anlegern die Verträge schloss, fiel nicht mehr. Die Bafin wartete weiter.

Fast zeitgleich versetzte die schweizerische Finanzaufsicht Finma der Piccor AG einen Schlag. Sie stellte Anfang 2017 einen Warnhinweis auf ihre Webseite. Dafür kann es zwei Gründe geben: wenn die Bewilligung fehlt oder wenn eine „erhebliche Gefährdung von Anlegern durch Anbieter“ zu vermuten ist.

Nun brannte es hinter den Kulissen der Piccor AG lichterloh. Quartalsabrechnungen für Anleger blieben aus. Im Februar und April referierte Thomas E. vor Finanzvermittlern im Steigenberger Hotel in Berlin über unerwartete Probleme, neue Strukturen – und davon, dass ein neues Wertpapier aufgelegt werde, diesmal in Luxemburg. Hektisch versuchten E. und seine Partner, das neue Zertifikat Piccox an Anleger zu vermitteln. Sie sammelten damit weitere 21 Millionen Euro ein.

Im September 2017 erstattete das Bankhaus von der Heydt Strafanzeige gegen Thomas E., weil ihm Unregelmäßigkeiten bei Fonds und Darlehen aufgefallen waren. Ein Ex-Manager der Bank sei verwickelt. Der Begriff „Schneeballsystem“ fiel. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, die Anleger ahnten noch immer nichts. Kurz vor der Razzia meldete sich die Bafin bei der Berliner Staatsanwaltschaft.

Eine Beamtin erklärte, sie hätte ebenfalls Durchsuchungsbeschlüsse wegen des Verdachts unerlaubter Finanzgeschäfte geplant, könne aber eigene Maßnahmen zurückstellen und Amtshilfe anbieten. Nur den Anlegern half niemand. Sie wurden von der Razzia Anfang 2018 kalt erwischt. Micheal Meyer* aus Köln etwa investierte 800.000 Euro 2016 – zwei Jahre nach dem ersten Verdacht der Finanzaufsicht.

„Wenn ich von den Bedenken der Bafin gewusst hätte, hätte ich das nicht gemacht“, sagt Meyer. „Das wäre mir zu heiß gewesen.“ Der Mann hat recht, findet Gerhard Schick. Der frühere Bundestagsabgeordnete ist heute Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende.

Dass die Bafin trotz Hinweises der Bundesbank die Piccor AG und ihren Vertrieb in Deutschland nicht konsequent verfolgt habe, sei ein Versäumnis, sagt Schick. Ein solches Verhalten schädige diejenigen, die die Behörde schützen soll: die Anleger. Schick: „Es geht nicht an, dass sich eine Finanzaufsichtsbehörde bei Anlageskandalen immer wieder damit herausredet, dass sie keinerlei Zuständigkeit habe.“

Anleger Meyer wartet nun schon seit einem Jahr. Niemand sagt ihm, was mit seinem Geld ist. Und niemand erklärt ihm, was nun folgt. Er hat ein doppelt ungutes Gefühl. Einerseits ahnt er, dass er seine Investition verloren hat. Andererseits wird er das Gefühl nicht los, dass die deutschen Finanzaufseher ihn genau vor diesem Schicksal hätten bewahren können. „Erst haben sie das alles nicht verhindert“, sagt Meyer. „Und dann haben sie uns allein gelassen.“

*Name geändert

Finance Briefing
Startseite

Mehr zu: Betrugsskandal - Die Bafin vermutete Unregelmäßigkeiten bei Piccor bereits 2014 – und schaute weg

0 Kommentare zu "Betrugsskandal: Die Bafin vermutete Unregelmäßigkeiten bei Piccor bereits 2014 – und schaute weg"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote