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Container-Insolvenz P&R-Skandal holt die Erben der Geschäftsführer ein

Zwei wichtige Geschäftsführer des insolventen Containervertriebs P&R sind verstorben. Geprellte Anleger verlangen Schadensersatz von deren Erben.
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Das Gericht war überzeugt, dass P&R mehr Container an Anleger vertrieben hat, als tatsächlich angeschafft wurden. Quelle: Reuters
Container-Terminal im Hamburger Hafen

Das Gericht war überzeugt, dass P&R mehr Container an Anleger vertrieben hat, als tatsächlich angeschafft wurden.

(Foto: Reuters)

Berlin Der Skandal um die Pleite des früheren Marktführers im Vertrieb von Seecontainern, P&R, erreicht ehemalige Geschäftsführer und sogar ihre Hinterbliebenen. Das Landgericht München 1 hat die Erbin eines verstorbenen Geschäftsführers verurteilt, als Rechtsnachfolgerin Schadensersatz in Höhe von knapp 100.000 Euro an Anleger zu zahlen. Insgesamt sei die Kanzlei Schiller & Gloistein aus Bremen gleich in vier Verfahren erfolgreich gewesen, sagte Rechtsanwalt Stefan Gloistein dem Handelsblatt. Er vertritt die Kläger.

Die Erbin habe zwischenzeitlich hohe Vergleichszahlungen in Aussicht gestellt, sagte Gloistein. Seine Folgerung: „Es müssen also erhebliche Vermögenswerte im Nachlass vorhanden sein.“ Derzeit werde geprüft, ob zusätzlich eine Versicherung die verursachten Schäden übernehmen müsse.

Die Urteile sind bislang nicht rechtskräftig. Der Anwalt der Erbin, Ferdinand Unzicker aus München, kündigte an, in Berufung zu gehen. Die Urteile wolle er während des laufenden Rechtsstreits nicht kommentieren, sagte der Jurist. „Die Einwände gegen die Urteile bleiben einer Berufungsbegründung vorbehalten.“

Das Gericht war überzeugt, dass P&R seit 2007 als „Schwindelunternehmen“ betrieben wurde. Es seien mehr Container an Anleger vertrieben worden, als tatsächlich angeschafft worden waren, heißt es im Urteil. „Der Erblasser hat die Klagepartei vorsätzlich sittenwidrig geschädigt, indem er das von der P&R-Unternehmensgruppe betriebene Schneeballsystem unterstützt hat“, begründen die Richter die Entscheidung.

Die P&R-Pleite ist einer der größten Anlageskandale in der deutschen Geschichte. Die Gruppe hatte an 54.000 Anleger Seecontainer mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Euro verkauft. Der Münchener Insolvenzverwalter Michael Jaffé stellte nach der Pleite im Frühjahr 2018 fest, dass rund eine Million Container nur auf dem Papier existierten. Er sprach von einem Schneeballsystem, in dem frisches Kapital dazu genutzt wurde, um Altanleger auszuzahlen.

Verstorbene Geschäftsführer

Zwei Geschäftsführer waren über viele Jahre als zentrale Figuren bei P&R verantwortlich. Einer der beiden verstarb im Jahr 2016 sehr plötzlich. Seinen Nachlass sollen die Erben zunächst angenommen, dann jedoch abgelehnt haben, berichtete Finanzjournalist Stefan Loipfinger im Juni auf Investmentcheck.de. Schließlich habe der Freistaat Bayern das Vermögen und die hohen Forderungen aus der P&R-Pleite geerbt.

Der zweite Geschäftsführer verstarb im Juni 2018, wenige Monate nachdem der Milliardenskandal publik geworden war. In seinem Fall nahm die Hinterbliebene das Erbe offenbar an. „Die Beklagte haftet als Alleinerbin für die Verbindlichkeiten des Erblassers“, schrieben die Münchener Richter nun jedenfalls in ihr Urteil.

Auch den letzten Geschäftsführer vor der Insolvenz haben die Anwälte aus Bremen ins Visier genommen. Martin Ebben führte P&R nur wenige Monate unmittelbar vor der Insolvenz. Das Landgericht München II habe ihn zur Zahlung von Schadensersatz von 35.000 Euro an drei Anleger verurteilt, teilte Gloistein mit: „Herr Ebben muss den Anlegern nun diesen Betrag zurückerstatten.“ Die P&R-Kunden hatten in den Jahren 2017 und 2018 Container erworben. Auch diese Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Ebbens Anwältin möchte sich nicht zu „laufenden Verfahren“ äußern. Nur so viel: „Das Urteil werden wir selbstverständlich nach Vorliegen der Urteilsgründe prüfen.“

Mehr als 30 Klagen

Ohne Mitwirkung der Geschäftsführer hätte der Firmengründer Heinz Roth das Betrugskonstrukt nicht über Jahre aufrechterhalten können, sagte Gloistein. „Beide Münchener Landgerichte sind unserer Argumentation gefolgt, dass die ehemaligen Geschäftsführer in den Anlagebetrug bei P&R involviert waren.“ Zu einem Strafprozess gegen den 76-jährigen Roth kam es aus gesundheitlichen Gründen nicht. Öffentlich hat sich der P&R-Gründer nie zu dem Skandal geäußert.

Die Münchener Urteile gegen Ebben und die Erbin sind gegen eine Sicherheitsleistung vollstreckbar. Die Bremer Anwälte haben eigenen Angaben zufolge 30 ähnliche Klagen eingereicht. Die Mandanten seien ausnahmslos rechtsschutzversichert. Sie können entsprechend etwas stärker ins Risiko gehen.

Ob die Bremer Anwälte das Geld am Ende tatsächlich eintreiben können, ist derzeit schwer vorherzusagen. Sie haben in Insolvenzverwalter Michael Jaffé einen starken Konkurrenten, der alle erreichbaren Vermögenswerte für die Insolvenzmasse sichern muss.

Jaffé hatte 2018 in seinen Insolvenzbericht Forderungen gegen Ebben und gegen die Erben der Geschäftsführer eingestellt – wenn auch nur als sogenannte „Erinnerungswerte“. Kommentieren wollte er das auf Handelsblatt-Anfrage nicht. Zu Themen der laufenden Rechtsverfolgung von möglichen Ansprüchen äußere sich Jaffé grundsätzlich nicht, teilte sein Sprecher mit.

Mehr: Der P&R-Insolvenzverwalter will mehr als einen Milliarde Euro retten.

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