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Container-Verleiher Anleger der insolventen P&R können 2020 mit ersten Rückzahlungen rechnen

Der Verwalter des insolventen Container-Riesen erlangt Zugriff auf das Geschäft in der Schweiz. Dort liegen die größten Werte des Unternehmens.
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P&R-Anleger investierten oft über Jahrzehnte. Quelle: Luzerner Zeitung AG
Sitz der P&R Equipment Finance in Zug

P&R-Anleger investierten oft über Jahrzehnte.

(Foto: Luzerner Zeitung AG)

Düsseldorf, Berlin Noch vor einer Woche drehte sich ein Vortrag Michael Jaffés vor Dutzenden Kollegen hauptsächlich um eine gestrichelte Linie. Im Firmenorganigramm des ehemals weltgrößten Anbieters von Container-Investments, P&R, symbolisiere sie eine höchst wacklige Verbindung zwischen den pleitegegangenen deutschen Investment-Vertriebsunternehmen und der voll funktionsfähigen Schwestergesellschaft P&R Equipment and Finance Corp. in Zug, erläuterte der Insolvenzverwalter der deutschen P&R-Gesellschaften.

Von genau dieser Verbindung zur Schweiz aber hänge für viele Tausend Anleger fast alles ab, erfuhren Jaffés Kollegen im gut gefüllten Saal auf dem Branchenkongress in Berlin.

„Sie müssen sich vorstellen: der werthaltige Teil in der Schweiz ist gesellschaftsrechtlich nicht unter mir angesiedelt“, erklärte Jaffé die verfahrene Lage dem Fachpublikum. Das war bislang ein riesiges Dilemma, denn die Schweizer betreiben von einer Villa in Zug aus das gesamte Containergeschäft, für das deutsche Anleger bezahlt haben.

Doch jetzt können die bangenden Investoren erst einmal aufatmen. Schweizer Behörden haben die Zuger P&R Equipment and Finance im Weg des sogenannten „Selbsteintritts“ nach Schweizer Recht voll an die deutschen Gesellschaften und ihren Verwalter übertragen. Beim Selbsteintritt handelt es sich um eine Form der privaten Pfandverwertung, bei der ein Gläubiger das Pfand selbst erwirbt. Der Verkaufserlös wird dabei nur rechnerisch ermittelt.

Jaffé dürfte hohe Forderungen gegen P&R-Gründer Heinz Roth geltend gemacht haben und hatte bereits vor Monaten die Pfandrechte auf die schweizerischen P&R-Aktien erworben. Die Zuger Firma gehört nun direkt den deutschen Container-Vertriebsgesellschaften.

Jaffé hat daher jetzt den Zugriff auf die „Zahlstelle“ des gesamten Firmenkonstrukts, wie der Verwalter es nennt. „Wir haben im Rahmen unserer vielfältigen Stabilisierungs- und Sicherungsmaßnahmen eine wichtige Hürde genommen“, kommentierte er.

In der Tat stellt dies einen Durchbruch im gesamten Verfahren dar. Von Zug aus dürften nun in den kommenden Jahren mehrere Hundert Millionen Euro Leasingeinnahmen und Verkaufserlöse aus Seefracht-Containern an die deutschen Firmen fließen.

Die P&R Equipment and Finance hat nach wie vor 600.000 Container auf den Weltmeeren im Einsatz. Die Auslastung ist hoch, das Geschäft läuft aktuell sehr gut, wie Jaffé erläutert. In seinem nächsten Vortrag kann er die gestrichelte Linie zwischen Deutschland und der Schweiz getrost ganz durchziehen.

„Es ist eine echte Genugtuung“, findet auch P&R-Anleger Sascha Rehn*), der eine sechsstellige Summe in das Container-Investmentmodell investiert hat, „selbst in der Gläubigerversammlung vor vier Wochen sah alles noch ganz anders aus.“ Die Gefahr eines Totalverlusts sei nun erst einmal vorüber, glaubt der Investor, der seine gesamten Ersparnisse von mehr als 100.000 Euro seinem P&R-Vertreter anvertraut hatte.

Verdacht eines gigantischen Schneeballsystems

P&R war über mehr als 40 Jahre der größte Vertrieb von Container-Investments in Deutschland. Aktuell haben 54.000 Anleger dort insgesamt 3,5 Milliarden Euro im Feuer. Ende März musste P&R Insolvenz anmelden. Es ist damit der größte Anlegerskandal in der bundesdeutschen Geschichte.

Überwiegend ältere Anleger hatten dort über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, Container gekauft – im Glauben, dass P&R tatsächlich ihr Geld für solche Container verwendet. Im Durchschnitt hat jeder Anleger rund 64.000 Euro investiert.

Ein einzelner Container kostete etwa 2300 Euro. Nach jedem Neuinvestment haben die Anleger über fünf Jahre Mieteinnahmen erhalten, ohne ihren Container je zu Gesicht zu bekommen. Am Ende der Laufzeit nahm P&R die gebrauchten Container zumindest auf dem Papier mit einem Preisabschlag zurück.

Erst mit Eintritt der Insolvenz kam zutage, dass P&R schon 2009 im großen Umfang Container abgestoßen hatte, um flüssig zu bleiben und die Mieten und Rückkäufe der Altanleger größtenteils aus frischem Geld neuer Anleger bezahlte. Schon damals war P&R insolvent.

Nun besteht der Verdacht auf ein gigantisches Schneeballsystem. 1,6 Millionen Container kauften Anleger auf dem Papier, davon sind nur 600.000 tatsächlich vorhanden. Diese werden allesamt in der Schweiz verwaltet und vermietet.

Deshalb ist die Verwertung des Schweizer Geschäfts über die nächsten Jahre die einzige Chance der Gläubiger, Geld wiederzusehen. Im Vorfeld des nun übergebenen Zugriffs hatte Jaffé bereits Pfandrechte auf die Aktien der P&R Equipment erworben und einen neuen Verwaltungsrat eingesetzt. Die Aktien in der Schweiz gehörten ursprünglich Firmengründer Heinz Roth.

Seine Motivation brachte der durchsetzungsstarke Insolvenzverwalter bereits auf der Gläubigerversammlung auf den Punkt: „Wenn eine Frachtladung auf hoher See ist und man feststellt, dass 60 Prozent der Ladung über Bord gegangen sind, dann bringt es überhaupt nichts, das Schiff auch noch zu versenken.“ Die Anleger von P&R müssen allerdings Geduld haben.

Jaffé plant, die Container mit einem Durchschnittsalter von etwa neun Jahren noch so lange wie möglich auf den Weltmeeren im Einsatz zu lassen. Die noch laufenden Mietverträge gelten als der größte Wert im Firmenkonglomerat.

„Wichtig ist vor allem, dass der Geschäftsbetrieb der nicht insolventen Schweizer P&R völlig ungestört weiterläuft“, betont Jaffé immer wieder. Nach derzeitigem Kenntnisstand können die Gläubiger im Laufe der Jahre mit einer Rückzahlungsquote von etwa 30 Prozent ihres Einsatzes rechnen.

Mit Zahlungen von gut 500 Millionen Euro sei bereits bis 2021 zu rechnen. Eine erste Zahlung an die Anleger soll immerhin 2020 fließen. Die gerichtliche Prüfung der angemeldeten Forderungen wurde aufgrund des hohen Umfangs auf den 29. Mai nächsten Jahres vertagt.

Die Übergabe der P&R-Equipment-Aktien aus dem Besitz von P&R-Gründer Heinz Roth kommt nun einer völligen Entmachtung von Roth gleich. Roth war 2016 für ein Jahr als Geschäftsführer der deutschen Gruppe eingesprungen. In dieser Zeit soll er Auszahlungen von 700 Millionen Euro geleistet haben, obwohl die Gesellschaften längst insolvent gewesen sein mussten.

Kurz nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit hatte Roth eingewilligt, seine Aktien zu verpfänden, später aber versuchte er, diesen Schritt zurückzunehmen. Nun verliert Roth allen Einfluss auf die Schweizer Firma. Laut Jaffé wurde er aus dem Verwaltungsrat entlassen.

Der Firmengründer hat ohnehin andere Probleme. Mitte September ließ ihn die Staatsanwaltschaft München I festnehmen. Seitdem sitzt Roth in Untersuchungshaft. Offenbar kommen die Ermittler gut voran. Die Staatsanwaltschaft in Zug ist inzwischen ebenfalls im Rahmen der Amtshilfe aktiv. Mehr teilt sie dazu nicht mit. Auch Roth will sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen oder den Ermittlungen äußern.

*)Name geändert.

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