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Kapitalanlageskandal Staatsanwaltschaft klagt P&R-Gründer Heinz Roth an

Die Staatsanwaltschaft München hat gegen P&R-Firmengründer Heinz Roth Anklage erhoben. Der Vorwurf: gewerbsmäßiger Betrug und Steuerhinterziehung.
Update: 07.02.2019 - 17:20 Uhr Kommentieren
Eine Million Container fehlen bei P&R. Quelle: Moment/Getty Images
Beladung eines Containerschiffs

Eine Million Container fehlen bei P&R.

(Foto: Moment/Getty Images)

München Für Tausende geschädigte Anleger der P&R-Gruppe aus Grünwald ist es ein Moment der Genugtuung. Der Skandal um den insolventen Anbieter von Direktinvestments in Seecontainer soll vor Strafrichtern verhandelt werden. Die Staatsanwaltschaft München 1 hat den Firmengründer und langjährigen Geschäftsführer Heinz Roth (75) angeklagt, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst am Donnerstag in München mitteilte.

Seine Behörde wirft Roth gewerbsmäßigen Betrug in 414 Fällen und Steuerhinterziehung in zwölf Fällen vor. Über die Eröffnung des Hauptverfahrens wird die Sechste Strafkammer des Landgerichts München entscheiden.

Von der Pleite der P&R-Gruppe sind 54. 000 Anleger betroffen, die rund 3,5 Milliarden Euro in Seecontainer investiert haben. Die Anklage beschränkt sich jedoch auf ausgewählte Fälle. Es mache strafrechtlich keinen Unterschied, ob die Behörde 100 oder 1 000 Fälle anklage, sagte Kornprobst. „Die Beschränkung hat rein praktische Gründe. Jeden einzelnen Verkaufsvorgang zu ermitteln hätte einen extrem hohen Aufwand bedeutet.“ 

Für die Ermittler war besondere Eile geboten, weil Heinz Roth und viele seiner Anleger im fortgeschrittenen Alter sind. Jeder zweite Sparer bei P&R ist älter als 60, jeder dritte sogar älter als 70. Zudem hätte im März ein Haftprüfungstermin angestanden. Roth sitzt seit seiner Festnahme im September in Untersuchungshaft.

Die Direktinvestments in Seecontainer waren aufgrund ihrer angeblichen Sicherheit besonders bei älteren Anlegern populär. P&R verkaufte die Stahlboxen und mietete sie umgehend zurück. Die Investoren erhielten die Mieten und nach fünf Jahren ein Rückkaufangebot. Unter dem Strich erzielten sie so Renditen zwischen drei und fünf Prozent. P&R vermittelte dabei den Eindruck höchster Seriosität. Mancher Vertriebler sprach gar vom „schwimmenden Festgeld“.

Die bittere Wahrheit kam erst nach der Insolvenzmeldung im März 2018 ans Licht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass P&R mehr als zehn Jahre lang seine Anleger getäuscht hat. In Schieflage sei der Containervertrieb schon ab 2007 geraten, sagte Kornprobst. „Ab diesem Zeitpunkt entstand ein Missverhältnis der verkauften und der vorhandenen Container, das immer mehr anwuchs.“

Kornprobst beruft sich dabei auf Erkenntnisse des Münchener Insolvenzverwalters Michael Jaffé. Der hat festgestellt, dass im Jahr 2018 eine Million Container nur auf dem Papier existierten. P&R hatte 1,6 Millionen Container verkauft, im Bestand fand Jaffés Team aber nur 617 000. Möglich war diese Täuschung offenbar, weil das eigentliche Containermanagement in eine schweizerische Partnerfirma ausgelagert war, während aus dem kleinen Anwesen in Grünwald bei München nur der Vertrieb erfolgte.

Verbindungen zwischen diesen Welten gab es wenige. Geldtransfers zum Containerkauf in die Schweiz habe es selbst in Boomjahren nur in geringer Höhe gegeben, schrieb Jaffé in seinem Insolvenzgutachten. Weil die erwirtschafteten Mieten nicht ausreichten, seien Altanleger zunehmend mit dem Geld neuer Anleger ausbezahlt worden. Auf diese Weise funktionieren Schneeballsysteme.

Roth drohen bis zu zehn Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft konzentrierte sich bei ihren Ermittlungen auf Fälle seit Juli 2017. In diesem Jahr hätten die Anleger aufgrund der Containerlücke mit einem sehr hohen Ausfallrisiko rechnen müssen. „Über dieses Ausfallrisiko informierte P&R aber nicht“, sagte Kornprobst. Öffentlich haben sich weder Roth noch seine Strafverteidiger bisher zu den Vorwürfen geäußert.

Bei einer Verurteilung droht dem P&R-Gründer ein Strafmaß zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Gegen drei weitere Führungskräfte der P&R-Gruppe wird noch ermittelt. Zwei wichtige Geschäftsführer aus der fraglichen Zeit sind inzwischen verstorben. Aus Sicht des Angeklagten dürfte die Phase nach 2016, in der er abermals das operative Geschäft übernahm, besonders schmerzlich gewesen sein. Eigentlich hatte sich der Firmengründer nach langer Amtszeit von 1975 bis 2007 zurückgezogen. Während eines Engpasses in der Geschäftsführung übernahm er dann doch noch einmal das Ruder des Unternehmens.

Ab Februar 2017 habe die P&R Transport-Container GmbH dann unter seiner Leitung mit 268 Anlegern 414 Verträge über 27 000 gebrauchte Container geschlossen, sagte Chefermittler Kornprobst. Der Schaden nur aus diesen Geschäften belaufe sich auf rund 18 Millionen Euro. Um die Tatvorwürfe vor Gericht zu belegen, haben die Staatsanwälte die betroffenen Anleger und 46 weitere Zeugen benannt. Die Verfahrensakten umfassen 41 Ordner. Die Anklageschrift ist 66 Seiten dick.

Für zivilrechtliche Ansprüche der Anleger mache die Auswahl der Fälle durch die Strafverfolger keinen Unterschied, betonte Kornprobst. Er verwies auf Michael Jaffé, der als Insolvenzverwalter erster Ansprechpartner der Gläubiger sei. Jaffé hatte im November einen Teilerfolg vermeldet, als es ihm gelang, die Kontrolle über die schweizerischen Containermanager der P&R-Gruppe zu übernehmen. In deren Auftrag schippern die verbleibenden rund 617 000 Container über die Weltmeere und spielen weiter Mieten ein.

Rückzahlungsquote: 30 Prozent des Einsatzes

Geht es nach Jaffé, sollen diese Geschäfte möglichst ungestört weiterlaufen. Sein Leitmotiv brachte er auf der großen Gläubigerversammlung im Oktober auf den Punkt: „Wenn eine Frachtladung auf hoher See ist, und man stellt fest, dass 60 Prozent der Ladung über Bord gegangen sind, dann bringt es überhaupt nichts, das Schiff auch noch zu versenken.“

Nach vorläufigen Schätzungen können die Gläubiger des Containerkonzerns im Laufe der Jahre mit einer Rückzahlungsquote von bis zu 30 Prozent ihres Einsatzes rechnen. Eine erste Abschlagszahlung könnte vielleicht schon im nächsten Jahr fließen. Die gerichtliche Prüfung der angemeldeten Forderungen wurde aufgrund des hohen Umfangs auf den 29. Mai verlegt.

Einige zentrale Fragen sind weiterhin offen. Dazu zählt unter anderem, ob die Praxis der Rückkaufsangebote einen Anspruch an die Masse rechtfertigen. Zwar kaufte das Unternehmen jahrzehntelang die gebrauchten Container den Anlegern wieder ab.

Andererseits ist die Rückkaufsoption in den Verträgen der Anleger nicht verbindlich fixiert, was sich nun rächen könnte.

Das war das Geschäftsmodell von P&R

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