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Legal Tech Vor diesen Herausforderungen stehen Online-Rechtsdienstleister in der Krise

Verschobene Gerichtsverhandlungen setzen vielen Legal Techs zu. Im Vorteil ist, wer mehrere Geschäftsfelder aufgebaut hat.
13.04.2020 - 12:51 Uhr 1 Kommentar
Viele Verhandlungen werden wegen der Coronakrise verschoben. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
Leere Stühle am Landgericht in Stuttgart

Viele Verhandlungen werden wegen der Coronakrise verschoben.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Frankfurt Die Coronakrise stellt die Justiz in Deutschland vor immense Herausforderungen. Mündliche Gerichtsverhandlungen werden verschoben, die Digitalisierung ist vielerorts noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die Auswirkungen bekommen auch viele der jungen Rechtsdienstleister im Internet, die sogenannten Legal Techs, zu spüren. In etlichen Fällen verzögert sich ihr Geschäft.

Zugleich versuchen sie, der Krise Positives abzugewinnen: „Im März lagen die Kundenanfragen auf unseren Portalen auf Rekordhoch. Viele Verbraucher haben derzeit Fragen, wie es mit ihrer Reise weitergeht oder unter welchen Umständen sie stornieren können“, sagt Benedikt Quarch vom Düsseldorfer Start-up Right Now. Über die Internetportale des Unternehmens können Verbraucher Rückerstattungen beispielsweise von Fluggesellschaften oder Pauschalreiseanbietern einfordern, wenn sie ihre Reise nicht angetreten haben.

Man merke gerade, dass viele Leute derzeit zu Hause sind und sich um Dinge kümmern können, die liegen geblieben sind, wie etwa die Rückabwicklung der Lebensversicherung, sagt auch Helpcheck-Chef Peer Schulz: „Die Zahl der Anträge, die bei uns in den vergangenen Wochen eingegangen ist, ist 50 Prozent höher als zu Normalzeiten.“

Das hohe Kundeninteresse kann aber nicht überdecken, dass die deutlichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens den Start-ups auch Probleme bereiten. Schließlich leben die Legal Techs unter anderem davon, Gerichtsverfahren erfolgreich durchzukämpfen. Da die meisten Verhandlungen derzeit verschoben werden, ziehen sich viele Fälle länger als erwartet hin – auch wenn außergerichtliche Einigungen weiterhin möglich sind.

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    Unterschiedliche Auswirkungen

    Fakt ist, dass die Firmen nun mit einem Teil ihrer Umsätze erst später rechnen können. Von Vorteil ist, wenn die Start-ups bereits in unterschiedlichen Geschäftszweigen tätig sind. Denn die Krise wirkt sich in den verschiedenen Rechtsbereichen durchaus unterschiedlich aus. Manche Unternehmen wie etwa Helpcheck bauen derzeit sogar neue Geschäftsfelder auf.

    Das Start-up sieht neue Möglichkeiten durch ein Urteil, das der Europäische Gerichtshof (EuGH) vor Kurzem zum Widerruf von Kreditverträgen gesprochen hat. Kreditnehmer können nun viele Autokredite aus den letzten zehn Jahren und einen Großteil der zwischen 2010 und 2016 abgeschlossenen Immobiliendarlehen widerrufen.

    In wenigen Wochen will Helpcheck ein neues Online-Angebot an den Start bringen: „Kunden können dann softwarebasiert prüfen lassen, ob sie mit der Rückabwicklung ihres Kreditvertrags eine Chance hätten“, erklärt Schulz.

    Bislang ist das Düsseldorfer Start-up auf den Widerruf von Lebensversicherungen spezialisiert. Versicherungskunden, die ihren Vertrag zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen haben und dabei möglicherweise fehlerhaft über ihr Widerrufsrecht belehrt worden sind, können ihn unter Umständen auch heute noch widerrufen.

    Nach einer kostenlosen Vorprüfung müssen sich die Kunden entscheiden, ob sie das Legal Tech beauftragen. Wird die Lebensversicherung erfolgreich rückabgewickelt, erhält Helpcheck eine Provision. „Seit der Gründung vor knapp vier Jahren haben wir mehr als zehn Millionen Euro aus positiven Widerrufen an Kunden zurückgezahlt“, sagt Schulz. Zugleich betont er, dass sich ein Widerruf nicht in jedem Fall lohne. „Wenn der Kunde beispielsweise einen lukrativen Altvertrag mit hohen Garantiezinsen hat, raten wir auch manchmal von einem Widerruf ab.“

    Hohes Erfolgshonorar

    Ob es für Verbraucher sinnvoll ist, die Dienste der Legal Techs zu nutzen, ist also häufig eine Einzelfallentscheidung. Generell gilt: Es ist für Verbraucher mit relativ wenig Aufwand verbunden, sich an ein Online-Portal zu wenden. Legal Techs bieten auch bei kleineren Streitwerten die Möglichkeit, vor Gericht zu gehen. Aber das Erfolgshonorar ist vergleichsweise hoch. Helpcheck behält bei Lebensversicherungen beispielsweise bis zu 39,75 Prozent des erzielten Mehrwerts ein.

    Seit Kurzem unterstützt Helpcheck Kunden auch nach einem nicht selbst verschuldeten Autounfall bei der Schadensregulierung mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung. Das Unternehmen verspricht den Kunden eine höhere Entschädigung, als diese im direkten Gespräch mit der Versicherung erhalten würden.

    Auch Right Now ist in diesem Feld aktiv. Wird dem Kunden von der Versicherung der ihm zustehende Schadensersatzanspruch gekürzt, kauft das Legal Tech nach einer Vorprüfung die restlichen Ansprüche auf und versucht, diese dann in eigenem Namen einzufordern. „Wir sind froh, dass wir mehrere Geschäftsfelder aufgebaut haben. Denn wenn wir Forderungen gegen Fluggesellschaften und Reiseveranstalter aufkaufen, müssen wir die Risiken gerade in der Coronakrise besonders genau prüfen“, sagt Right-Now-Chef Quarch.

    Zugleich hoffen die Firmen darauf, dass es auch vor Gericht bald wieder vorwärtsgeht. In einem offenen Brief forderten zuletzt mehrere Legal-Tech-Unternehmen, darunter neben Helpcheck auch das Fluggastrechteportal Fligthright und Lexfox mit seinem Mietrechteportal Wenigermiete.de, die Justiz auf, in Zivilverfahren nun vermehrt auf Videoverhandlungen zu setzen.

    Es sei bereits heute absehbar und wahrscheinlich, dass eine Rückkehr in den Normalbetrieb bei Gerichten in den nächsten Wochen – ja Monaten – nicht zu erwarten sein wird, hieß es in dem Schreiben. Um einen Stillstand der Rechtspflege zu verhindern, sollten sofortige Maßnahmen ergriffen werden.

    Auch Right-Now-Mitgründer Quarch ist ein großer Verfechter von Online-Verhandlungen. Er geht aber noch einen Schritt weiter: Bei einfachen Fällen könnte er sich künftig sogar automatisierte Gerichtsverfahren vorstellen.

    Entsprechende Pilotprojekte gebe es in Estland. „Viele unserer Streitigkeiten mit Fluggesellschaften laufen nach einem ähnlichen Muster ab. Sie wären bestens für eine Automatisierung in der ersten Instanz geeignet“, erklärt er.

    Verhandlung in eigener Sache

    Bei Helpcheck wurde indes eine Verhandlung vor dem Landgericht Düsseldorf verschoben, die das Unternehmen selbst betrifft und die am 9. April hätte stattfinden sollen. Die Nürnberger Versicherung hatte das Start-up verklagt, weil es diesem als Versicherungsberater nicht gestattet sei, Erfolgshonorare zu vereinbaren. Der Versicherer beruft sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von Juni 2019.

    Wann die Verhandlung stattfinden wird, ist noch nicht abzusehen. Schulz sieht dieser gelassen entgegen. Helpcheck stelle lediglich die Plattform zur Verfügung, so seine Argumentation. Eingesetzt werde die von dem Unternehmen entwickelte Software aber von den Partnerkanzleien, mit denen Helpcheck zusammenarbeitet.

    Doch der Fall zeigt: Neben den akuten Herausforderungen durch die Coronakrise stehen die Legal Techs nach wie vor dem Problem gegenüber, dass es bislang keinen verlässlichen Rechtsrahmen in Deutschland gibt. Dadurch kommt es immer wieder zu Streitfällen, was für die Start-ups, die in der Regel mit einer Inkassolizenz tätig sind, eigentlich erlaubt ist und was nicht.

    Mehr: Wie der Gesetzgeber auf digitale Rechtsberatung reagieren sollte

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    1 Kommentar zu "Legal Tech: Vor diesen Herausforderungen stehen Online-Rechtsdienstleister in der Krise"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Und andere Legal Techs machen aus der Corona-Krise selbst ein Geschäftsmodell. Schließlich können Betroffene ja z.B. ihre Darlehen stunden lassen oder sie werden zumindest nicht rausgeworfen, wenn sie die Miete nicht zahlen: https://rechtecheck.de/entlastung-coronavirus/

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