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Milliardenskandal P&R-Gründer Heinz Roth bleibt Gerichtsprozess erspart

Die juristische Aufarbeitung des Mega-Skandals um den Containervertrieb P&R könnte ausfallen. Aus gesundheitlichen Gründen wird auf einen Prozess gegen Roth verzichtet.
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Dem 76-jährigen Firmengründer Heinz Roth bleibt ein Gerichtsprozess erspart. Quelle: dpa
Containerinvestmentfirma P&R

Dem 76-jährigen Firmengründer Heinz Roth bleibt ein Gerichtsprozess erspart.

(Foto: dpa)

Berlin Es ist ein Paukenschlag im Milliardenskandal um den Containervertrieb P&R: Die bayerische Justiz wird dem Firmengründer Heinz Roth keinen Prozess machen. Der 76 Jahre alte Mann, den Anleger und Staatsanwälte als zentrale Figur des Skandals ausgemacht haben, sei aufgrund einer Krankheit verhandlungsunfähig. Das teilte das Landgericht München 1 am Donnerstag mit. Die Wirtschaftsstrafkammer verwies auf ein ärztliches Gutachten, demzufolge nicht zu erwarten sei, dass er wieder gesund werde.

Seit seiner Festnahme im September 2018 saß Roth in Untersuchungshaft. Nun darf er die Justizvollzugsanstalt verlassen. Die Anklage gegen ihn war im Februar fertig geworden. Die Behörde hatte Roth gewerbsmäßigen Betrug in 414 Fällen und Steuerhinterziehung in zwölf Fällen vorgeworfen. Der Schaden aus diesen Geschäften belaufe sich auf rund 18 Millionen Euro, teilte die Staatsanwaltschaft damals mit. Roth hatte zu den Vorwürfen bislang geschwiegen und sich auch nicht zu der Megapleite geäußert. Bei einer Verurteilung hätten ihm bis zu zehn Jahre Haft gedroht.

Dazu wird es nun nicht kommen. Im Gegenteil. Die juristische Aufarbeitung des P&R-Skandals droht in sich zusammen zu fallen. Sie war ohnehin erschwert, weil zwei Geschäftsführer 2016 und 2018 verstorben waren, die jahrelang die Geschicke des Containervertriebs gesteuert hatten. Einer der beiden soll sich das Leben genommen haben.

So wird immer wahrscheinlicher, dass in einem der größten mutmaßlichen Betrugsfälle in der Geschichte der Bundesrepublik allenfalls Manager aus der zweiten oder gar dritten Reihe zur Verantwortung gezogen werden können. Für die Anleger dürfte dieser Mangel juristischer Aufarbeitung unbefriedigend sein.

Anfang des Jahres ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen drei weitere Führungskräfte der Gruppe. Gegen weitere Beschuldigte werden „mit Hochdruck“ ermittelt, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Donnerstag bestätigte. Dazu dürfte der letzte Geschäftsführer gehören, der 2017 von Roth übernommen hatte.

Die P&R-Gruppe im schicken Münchener Vorort Grünwald war im Frühjahr 2018 in die Insolvenz gerutscht. Zuvor hatte der Containervertrieb 3,5 Milliarden Euro von 54.000 Anlegern eingesammelt. Das Geschäftsmodell versprach Renditen von drei bis fünf Prozent im Jahr und war besonders bei Senioren populär. Die Anleger erwarben Schiffscontainer, die P&R dann über eine schweizerische Schwesterfirma an Reedereien vermietete. Später kaufte P&R die Container zurück. P&R vermittelte dabei den Eindruck höchster Seriosität. Vertriebsmitarbeiter sprachen sogar vom „schwimmenden Festgeld“.

Der Schaden ist dürfte mindestens zwei Milliarden Euro betragen. Rund 500 Millionen hofft Insolvenzverwalter Michael Jaffé aus München bis 2021 retten zu können, möglicherweise wird es mehr. Viel hängt vom Containermarkt ab und davon, welche Summen sich mit dem vorhandenen Bestand von 600.000 Containern erwirtschaften lassen. Diese Flotte ist auf den Weltmeeren unterwegs. Jaffé will sie nach und nach verwerten.

Nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnisse des Insolvenzverwalters galt Roth vielen als mutmaßlicher Milliardenbetrüger. Jaffé hatte festgestellt, dass fast eine Million verkaufter Container zum Zeitpunkt der Pleite nur auf dem Papier existierten. Er warf dem P&R-Management vor, Altanleger mit dem Kapital neuer Anleger ausgezahlt zu haben. Deshalb steht der Verdacht im Raum, dass P&R über viele Jahre hinweg als Schneeballsystem betrieben wurde.

Die Staatsanwaltschaft München 1 hatte für ihre Anklage nur einen kleinen Teil der Opfer herausgegriffen. Es mache strafrechtlich keinen Unterschied, ob die Behörde 100 oder 1 000 Fälle anklage, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst. Die Strafverfolger gingen davon aus, dass P&R mehr als zehn Jahre lang seine Anleger getäuscht hat. In Schieflage sei der Containervertrieb schon ab 2007 geraten, sagte Kornprobst im Februar. „Ab diesem Zeitpunkt entstand ein Missverhältnis der verkauften und der vorhandenen Container, das immer mehr anwuchs.“

Ausgerechnet 2007 soll der mutmaßlich Betrug begonnen haben. Die Jahreszahl verleiht Roths Schicksal eine besondere Tragik, denn nach langer Amtszeit von 1975 bis 2007 hatte sich der Firmengründer eigentlich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Während eines Engpasses in der Geschäftsführung übernahm er aber 2016 erneut für einige Monate das Ruder. In dieser Zeit soll er als Geschäftsführer ungerechtfertigte Auszahlungen in Höhe von 700 Millionen Euro zu verantworten haben, heißt es in den Insolvenzgutachten. „Für diese Zahlungen muss Herr Roth den jeweiligen Gesellschaften gegenüber einstehen.“

Auch wenn er einen Prozess schließlich vermeiden kann, kann sich Roth kaum als Sieger fühlen. Seine Gesundheit ist offenbar schwer angeschlagen. Er hat fast zehn Monate in Untersuchungshaft gesessen. Und über viel Geld verfügt er auch nicht mehr. Sein Vermögen wurde von Jaffé einst vorsichtig auf 13 Millionen Euro taxiert. Dem gegenüber stehen Forderungen von mehr als einer Milliarde Euro, die der Insolvenzverwalter für die Gläubiger der insolventen P&R-Gesellschaften eintreiben will. Auch auf seine Immobilien in Grünwald, in Österreich sowie auf der Karibikinsel St. Barth wird der P&R-Gründer in Zukunft wohl verzichten müssen.

Mehr: P&R-Gläubiger stimmen einem Vergleichsangebot zu. Eine Abschlagzahlung 2020 wird wahrscheinlich.

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