Mittelstandsanleihen "Märchengeschichten über den Gewinn"

Mittelstandsanleihen geraten in Verruf. Anwalt Julius Reiter rät zur Vorsicht und verrät, warum er nach der Windreich-Pleite Ansprüche gegen FDP-Politiker Walter Döring und TV-Moderatorin Sabine Christiansen prüft.
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Julius Reiter arbeitet er als Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Sein Partner ist der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum. Reiter ist Dozent an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management. Quelle: PR

Julius Reiter arbeitet er als Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Sein Partner ist der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum. Reiter ist Dozent an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.

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Am Markt für Mittelstandsanleihen ist einiges los. Zuletzt senkte Scope das Rating der „Traumschiff-Anleihe“ der MS-Deutschland-Beteiligungsgesellschaft um vier Stufen von „A“ auf „BBB-“. Der Anleihekurs brach ein. Wie glaubwürdig sind Geschäftsmodelle und Beurteilungen solcher Minibonds?
Viele Minibonds sind eine Mogelpackung. Sie suggerieren durch den Oberbegriff „Mittelstand“ Solidität und Qualität. Tatsächlich findet sich in diesem Segment lediglich ein geringer Teil an Emittenten, der attraktive Zinsen und gute Bonität für Anleger bietet.

Muss der Markt stärker reguliert werden?
Ja, es ist ein großes Versäumnis der Politik, dass aus der Lehman-Krise zu wenige Konsequenzen gezogen wurden. Der Vorschlag, ein Ampelsystem einzurichten, das für Anleger die Risiken auf einen Blick mit den Farben Rot, Gelb und Grün erkennbar macht, ist leider nie umgesetzt worden. Für den Anlegerschutz sind ohnehin kaum Verbesserungen eingetreten.

Anleger fragen sich, ob sie in Mittelstandsanleihen noch investieren sollten. Wer sollte sich solche Anleihen ins Depot legen?
Viele Mittelstandsanleihen sind hochriskant. Auch als Beimischung halte ich diese Papiere nicht mehr für geeignet. Ich persönlich würde versuchen, diese Papiere zu verkaufen. Die Handelbarkeit wird sinken.

Zuletzt meldeten sieben Unternehmen, die über Mittelstandsanleihen Geld einsammelten Insolvenz an. Sehen wir ein neues Skandalsegment, ähnlich wie früher der Neue Markt?
Ja, es gibt deutliche Parallelen zum Neuen Markt, wo die Emittenten mit Storytelling bis zum Crash ihr Geld mit Börsengängen und Kapitalerhöhungen verdienten, obwohl die Prognosen und Gewinnerwartungen nicht belastbar waren. Seit der Finanzkrise gab es kaum noch Börsengänge von Mittelständlern. Anstatt mit Aktien wurde dann mit Mittelstandsanleihen und oftmals Märchengeschichten über die Gewinnerwartung das Geld auf dem Kapitalmarkt eingesammelt.

Wird es weitere Pleiten geben?
Davon gehe ich aus. Die wenigsten werden es schaffen, aus ihrer Liquidität heraus die Anleihen zurückzuzahlen. Sie haben sich das Geld ja in der Regel auf dem Kapitalmarkt besorgt, weil sie es von den Banken wegen ihrer schlechten Bonität zu diesen Konditionen nicht bekommen hätten. Von denen, die sich nicht in eine Anschlussfinanzierung retten können, werden die meisten Insolvenz anmelden.

„Je unsolider die Anleihe, desto höher die Provision“
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7 Kommentare zu "Mittelstandsanleihen: "Märchengeschichten über den Gewinn""

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  • Der Berater ist die Schnittstelle zwischen Produkt und Kunde. Wenn mit offenen Karten gespielt wird, also das Anlegerprofil und die Beratung sauber dokumentiert, das Anlegerprofil bei der Produktauswahl berücksichtigt wird und alle Fakten auf dem Tisch sind, sollte der Mandantenstrom bei den lieben Regress-Anwälten langsam versiegen.

  • Zeigt mir bitte eine Benchmark Anleihe, die nach ein paar Monaten noch liquide ist. Sprich 1Mrd Issue Size versuch da mal für ein Treasury 10Mio zu kaufen oder zu verkaufen. Genauso verhät es sich mit MiniBonds. 100Mio Issue Size ist es fast unmöglich 1Mio zu handeln. Somit sind in meinen Augen keine Anleihen liquide. Der Punkt ist einfach falsch von Herrn Reiter. Zudem stimme ich zu, dass das ganze Juristengelaber fehl am Platz ist. Ihr schreibt doch die Prospekte und nickt alles ab. Ach, was reg ich mich auf. Bin auf das nächste Produkt gespannt, was zerrissen wird....

  • Was mich an dem Gelabbere der Herrn Reiter einfach aufregt ist,
    - dass alle paar Jahre irgendeine "tolle" Anlageklasse von denselben Schlag Leute agressiv in den Retailmarkt gepusht wird,
    - darauf dieselben Anlegeropfer SCHON WIEDER sich ohne Sinn und Verstand auf Investmentabenteuer einlassen, weil sie zu naiv, zu beeinflussbar, etc. sind (Stichwort: Neuer Markt, Schiffsfonds...)
    - und dann so welche Typen wie dieser ABM-Jurist Herr Reiter auftauchen und, natürlich komplett uneigennützig, über diesen ganzen Vorgang aufregen und wirre Regulierungsforderungen äußern.

    In den Finanzmärkten tümmeln sich einfach zu viele Juristen und Staubsaugervertreter und zu viele naive Opfer. Dagegen helfen auch keine Gesetze, das haben die noch nie.

  • "Muss der Markt stärker reguliert werden?"

    Definitiv nicht, weil es sinnlos ist. Der Ruf nach mehr Regulierung kann ja nur von einem Anwalt kommen. Ansonsten stimme ich grob in allen Punkten dem Herrn Reiter zu.

    Warum noch mehr (inhaltsleere) Regulierung Schwachsinn ist:
    (1) Regulierung a la WpHG und Mifid sind i.d.R. wirkungslos, aber dafür mit Bürokratiekosten und natürlich Anwaltsrechnungen verbunden.
    (2) Faktisch ist jede Unternehmensanleihe Junk, manche mehr manche weniger. Selbst ein IG-Rating hilft nicht (z.B. ist es empirisch nachweisbar, dass die Discounted Recovery kleiner wird je besser das Rating vor dem Default).
    (3) Wer sich darüber beschwert, dass Firmen pleite gehen, der hat Corporate Bonds nicht verstanden, und sollte sich mit Staatsanleihen und Pfandbriefen (alle mit implizierter Bailout-Garantie) eindecken.


    Ich möchte mich hier nur den Kommentar von Bosch anschließen: "Mittelstandsanleihen sind nichts für Hobbyanleger", und es allgemeiner sagen:

    Unternehmensanleihen sind nichts
    - für Hobbyanleger, und
    - Mini-Portfolios

    Fixed Income kann man nicht klein spielen. Bei Kreditportfolio kommt es wirklich auf die Größe an, d.h. minimal 100-200 Emittenten (besser 500-2000) und ab 300-500 Mio (je mehr desto besser). Bei Orders unter 100k Nominal ist man ein Opfer, ab 100k macht der Broker bzw. IB schon Gedanken, und mit Tickets ab 1Mio Nominal wird man für voll genommen (z.B. werden ab dann Transaktionskosten "fair").
    Und ich beziehe mich hier nur auf Corporates (egal ob Bonds oder Loans). Natürlich sind das Dimensionen die selbst HWNs nicht wuppen können, sondern nur Instis. Ein HWN oder auch Privatanleger wird Trading und auch vorzeitige Liquidierung wegen den relativen TAKs einfach mal vergessen. Entweder macht man eine intensive Bilanzanalyse beim Kauf und zieht Buy-n-Hold durch, oder man lässt es.

  • na den EX aufsichtsrat der windreich ag aujust von joest hat ooch immer brav mitgenickt

    den können die anleger auch mit in die haftung nehmen , hält er sich doch selbst für nen gaaaaaaaAAAAAAANZ GROßEN

  • Mittelstandsanleihen sind nichts für Hobbyanleger.
    Regel No. 1: Wer zeitnah keine Quartalszahlen herausgibt - und das bitte ununterbrochen - ist kaum seriös. Liste der betroffenen Emittenten spare ich mir.
    Regel No. 2: Was ich nicht verstehe, kaufe ich nicht. Wer wußte bspw. bei Alpine, was da so spanisch abging? Wer weiß bei Schmolz & B oder dem Schrotthändler Scholz, was dort abgeht? Wohl nur Eingeweihte.

    Thema rum.

  • Julius Reiter sagt
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    Tatsächlich findet sich in diesem Segment lediglich ein geringer Teil an Emittenten, der attraktive Zinsen und gute Bonität für Anleger bietet.
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    Richtig.

    Jeder neue Kapitalmarkt übt leider eine hohe Anziehungskraft auf Emittenten aus, die aus guten Gründen anderweitig kein Kapital beschaffen können.

    +++

    O-Ton Handelsblatt-Überschriften-Troll
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    Mittelstandsanleihen: „Selbst als Beimischung nicht mehr geeignet“
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    Der hier vom Handelsblatt-Überschriften-Troll hervorgerufene Eindruck, diese Aussage bezöge sich auf ALLE Mittelstandsanleihen, ist FALSCH.

    Die Aussage von Herrn Reiter war tatsächlich: "Viele Mittelstandsanleihen sind hochriskant. Auch als Beimischung halte ich diese Papiere nicht mehr für geeignet."

    Was für viele gilt, gilt nicht deswegen noch nicht pauschal für alle.

    +++

    Für den Markt der Mittelstandsanleihen gilt, was auch für andere Kapitalmärkte gilt: Caveat emptor!

    Leute, die vor ein paar Jahre HRE-Aktien oder Commerzbank-Aktien gekauft haben, waren auch nicht durch die bei Laien vertrauenerweckende Tatsache geschützt, daß diese Aktien im DAX-Index waren.

    Ebensowenig hat jemand, der 2009 oder 2010 Griechenlandanleihen gekauft hat, etwas von dem "Investment-Grade" Rating der Betrügeragenturen gehabt.

    Man muß sich seinen Schuldner schon selbst sorgfältig anschauen.

    A fool and his money are soon parted.

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